Beziehungsfilm "45 Years" Detonation in Zeitlupe

Noch ein Film über frustrierte Senioren? Ja, aber was für einer! Bei "45 Years" schaut man einer langsam zerbröselnden Ehe zu - und zwar sehr gern. Einer der besten Filme des Herbstes.


Ke-tack, ke-tack, ke-tack. Das Geräusch des Diaprojektors, das in den ersten Sekunden aus dem Off zum schwarzen Bild zu hören ist, ist subtil. Ein Vorbote. Bis es später wieder auftaucht, in einer Szene von ungeheurer Wucht.

Dieses gemächliche Klackern gibt das Tempo von "45 Years" vor, einem Film über das alte Ehepaar Kate und Geoff Mercer, die die britischen Charakterdarsteller Charlotte Rampling ("Swimming Pool") und Tom Courtenay (so etwas wie der Bruno Ganz des englischen Films) mit einer derartig ruhigen Kraft spielen, dass sie völlig zu Recht bei der diesjährigen Berlinale als beste Schauspieler ausgezeichnet wurden.

Der Film begleitet das Paar in der Woche vor der Feier zum 45. Hochzeitstag - und zeigt, wie Stück für Stück das Fundament wegbröckelt, auf das ihre Ehe gebaut ist.

Die liebevolle Routine im englischen Norfolk zwischen Mit-dem-Hund-Rausgehen und Fernsehen - nur noch Farce: Alles wegen eines Briefes an Geoff. Die Leiche seiner Ex-Freundin ist aufgetaucht, fünf Jahrzehnte nach dem Unglück damals in den Alpen, als sie bei einer gemeinsamen Wandertour in eine Felsspalte gestürzt war.

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Beziehungsfilm "45 Years": Einsamkeit trotz Zweisamkeit
Das Unvorhergesehene, das in den Alltag platzt: Ein alter dramaturgischer Kniff, klar, aber statt eines großen Knalls ist das, was Kate und Geoff in dieser Woche passiert, eher wie eine Detonation in Slow-Motion. Und die Vergangenheit senkt sich wie radioaktiv verseuchter Staub langsam auf die Gegenwart, bis nichts mehr so aussieht wie vorher.

Romantisches Chaos, allgemeingültig

Vor allem, weil es eine Vergangenheit ist, die Kate nicht einmal kennt. Bis dieser Brief auf dem großen Küchentisch neben der Teetasse liegt. Und Kleinstpartikel um Kleinstpartikel dieses verschwiegenen Damals auftauchen. Bis Kate schließlich in der umwerfendsten Szene des ganzen Films auf dem Dachboden den Diaprojektor anwirft und - ke-tack, ke-tack, ke-tack - Bild für Bild begreift, dass sie die Grundlage ihrer Ehe und ihren Mann all die Jahre missverstanden hat.

Regisseur Andrew Haigh hat den knappen Ton der Vorlage, einer Kurzgeschichte von David Constantine, großartig ins Filmische übersetzt, eine Story, in der wenig geredet werden muss, um alles zu sagen. Den Subtext liefern Songs, Landschaft oder die Sache mit den Fotos: Weil sie als Zeugnis der Vergangenheit (von Geoff und der Ex) so in Szene gesetzt sind, nimmt es einem vor Trauer fast den Atem, als klar wird, dass es von Kate und Geoffs 45 Jahren kein einziges gibt.

Natürlich gehört "45 Years" auch in die wachsende Reihe all jener Filme, die endlich ältere Menschen in den Mittelpunkt stellen, sei es der Blockbuster "The Best Exotic Marigold Hotel", die deutsche Alten-WG-Komödie "Wir sind die Neuen" oder Bettina Blümers Doku "Parcours d'Amour" über betagte Eintänzer in Paris. Aber Haighs jüngstes Werk ist eben viel mehr als das: Es ist eine Geschichte darüber, wie allgemeingültig romantisches Chaos ist, darüber, wie absurd es ist, Beziehungen für starre Dinge zu halten. Und über die Erkenntnis, dass man immer nur einen Ausschnitt einer Persönlichkeit kennt, egal wie lange und selbstvergessen man zusammenlebt.

"Wenn wir älter werden, hören wir auf, Entscheidungen zu treffen", sagt Geoff Mercer ausgerechnet in seiner Tischrede bei ihrer Jubiläumsfeier - und ja, sie schaffen es bis zur Party. "Darum sind die, die wir treffen, wenn wir jung sind, so verdammt wichtig."

"Wie man die Dinge vergisst, die glücklich machen"

Beziehungsgeschichten, die nur vordergründig eine kleine Zielgruppe repräsentieren, sind so etwas wie Haighs Spezialität. Sein Kinofilm "Weekend" (2011) etwa zeigt zwei junge Schwule, die sich an einem Wochenende ineinander verknallen, sich zögernd umschwirren, übereinander herfallen, dann sich und ihren Stolz in Sicherheit bringen.

Wie sie übers Leben diskutieren, erinnert stark an den authentischen Nonstop-Dialog von Richard Linklaters "Before Sunrise"-Trilogie mit Julie Delpy und Ethan Hawke. Ähnlich universell lebensnah ist auch die schwule Clique aus San Francisco, die der 42-Jährige in "Looking" zwei Staffeln lang auf HBO porträtierte, mit unverblümten Sexszenen und Alltagsdramen als sei es "Girls" für Männer. Nur eben weniger erfolgreich.

Mangelnden Erfolg: Das kann man sich bei "45 Years" kaum vorstellen. Wer in diesem Herbst nur einen Film anschauen will, sollte diesen hier sehen. Denn es ist wirklich sehr selten, im Kino das Gefühl zu haben, man wohne etwas Erstaunlichem bei. Es gibt wohl kaum eine andere Schauspielerin, die wie Charlotte Rampling mit einem Blick, einer Handbewegung, ihrer Körperspannung die Erkenntnis eines ganzen Lebens erzählen kann. Man möchte nicht aufhören, ihr zuzuschauen, Kate Mercer zu sein.

"Seltsam, dass man die Dinge vergisst, die einen glücklich machen", sagt Kate einmal lapidar. Zwar macht "45 Years" auch glücklich. Ihn zu vergessen wird aber schwierig.

Sehen Sie hier den Trailer zu "45 Years"

45 Years

Großbritannien 2015

Regie: Andrew Haigh

Drehbuch: Andrew Haigh nach einer Kurzgeschichte von David Constantine

Darsteller: Charlotte Rampling, Tom Courtenay, Dolly Wells

Produktion: The Bureau

Verleih: Piffl

Länge: 93 Minuten

FSK: ohne Altersbeschränkung

Start: 10. September 2015



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