50 Jahre Hofer Filmtage Die Guten von gestern

Fürs deutsche Kino war Hof zeitweise ein magischer Ort: Von Dienstag an feiern Regie-Stars und junge Filmemacher das 50. Jubiläum der Hofer Filmtage. Doch wie geht es nach dem Tod von Festivalleiter Heinz Badewitz weiter?

Evelyn Kutschera/ Internationale Hofer Filmtage

Freddy Krueger ist ein heimlicher Heiliger des Festivals in Hof. Der legendär scheußliche Horrorheld des amerikanischen Kinos hat ausgerechnet in Nordbayern, wo im Herbst gruselig dicke Nebelschwaden durch die Hügel ziehen, zum ersten Mal ein Kinopublikum erschreckt. Im Jahr 1984 ließ Regisseur Wes Craven die Weltpremiere seines Films "A Nightmare on Elm Street" bei den Hofer Filmtagen stattfinden - und sorgte unter vielen deutschen Filmemachern und Kritikern derart für Verstörung, dass die "Frankfurter Allgemeine" ihrem Festivalbericht die Überschrift "Horror in Hof" verpasste.

Am Dienstagabend wird nun der Regisseur Chris Kraus im Scala-Kino mit dem Film "Die Blumen von gestern" die 50. Filmtage eröffnen. Der Film ist eine naturgemäß schauerliche Komödie über die Nazi-Verstrickungen der Deutschen. Lars Eidinger spielt darin einen grummeligen Holocaustforscher, der seinen Job und die Welt hasst und durch eine junge Französin namens Zazie (Adèle Haenel) plötzlich zum Leben erweckt wird.

Der Regisseur Kraus, Jahrgang 1963, ist vor genau zehn Jahren mit seinem bejubelten Film "Vier Minuten" zum ersten Mal in Hof angetreten - und gehört zu den gar nicht so wenigen Regisseuren, von denen behauptet wird, sie hätten eben hier in der kleinen Stadt im Frankenland ihren Durchbruch erlebt. "Die Blumen von gestern" ist also vermutlich der ideale Start; bis zum Sonntag soll die 50. Ausgabe des legendären und ein bisschen verschrobenen Festivals gefeiert werden.

Es war im Jahr 1967, als ein paar Kinoverrückte unter Leitung von Uwe Brandner und Heinz Badewitz, die beide damals in Münchner Filmbetrieben arbeiteten, in der fränkischen Kleinstadt Hof ein Kurzfilmprogramm zeigten und so das Festival begründeten. Brandner drehte bald danach wieder Filme und schrieb Bücher, Badewitz aber machte die "Internationalen Filmtage" zu seinem Lebensjob.

Eigentlich sollte der für seine Prinz-Eisenherz-Frisur berühmte Badewitz wie jedes Jahr auch zum 50. Jubiläum sämtliche Regisseure des Festivals mit Handschlag und lustig verkrampften Umarmungen begrüßen, doch dann starb er im März 2016 im Alter von 74 Jahren während eines Ausflugs zum Grazer Filmfestival Diagonale.

Deshalb sind nun Linda Söffker (Kuratorin der Berlinale-Reihe "Perspektive Deutsches Kino"), Thorsten Schaumann und Alfred Holighaus interimsmäßig die drei Chefs der Filmtage. Holighaus sagt, unter den neuen Filmen, die in diesem Jahr gezeigt werden, sei er besonders stolz auf einige herausragende Thriller aus deutscher Produktion. "Da gibt es, glaube ich, einen Genreaufbruch zu bestaunen."

Wim Wenders (Mitte) mit Jim Jarmusch (rechts) 1982 in Hof
Internationale Hofer Filmtage

Wim Wenders (Mitte) mit Jim Jarmusch (rechts) 1982 in Hof

Mit gelegentlichem Splatter, angelsächsischem Independent-Kino und sehr vielen kunstvernarrten, kaum massenkompatiblen deutschen Filmen sind die Hofer Filmtage einst berühmt geworden. Das Festival gilt vielen Kinobegeisterten bis heute als magischer Ort, an dem sich Regisseure wie Jim Jarmusch, Neil Jordan oder David Lynch in den Anfangszeiten ihrer Karrieren feiern ließen.

Vor allem aber haben in Hof viele wichtige deutschsprachige Filmemacher wie Maren Ade und Doris Dörrie, Christoph Schlingensief und Werner Herzog, Hans Noever und Tom Tykwer in jungen Jahren ihre Arbeiten präsentiert. So kommt es, dass die Filmtage bis heute den seltsamen Ehrentitel "Wohnzimmer des deutschen Kinos" führen, was nicht unbedingt weltläufig klingt.

Jetzt, im Jubeljahr, soll groß und mit Glamour gefeiert werden. "Wir wollen zeigen, was die Einzigartigkeit von Hof ausmacht", sagt Holighaus, der im Hauptberuf Präsident der SPIO ist, der Berliner "Spitzenorganisation der deutschen Filmwirtschaft". Als Stargäste des 50. Festivals werden Caroline Link, Dörrie, Wenders, Herzog und Noever erwartet; es gibt eine fünfteilige, nach Jahrzehnten geordnete Festival-Rückschau, die unter anderem mit Werner Herzogs "Auch Zwerge haben klein angefangen" (1970), Rainhard Hauffs "Messer im Kopf" (1978), Tom Tykwers "Die tödliche Maria" (1993) und Maren Ades "Der Wald vor lauter Bäumen" (2003) auftrumpft.

Veteranentreff mit viel Konkurrenz

Und es gibt eine Podiumsdiskussion, die sich mit dem "Versprechen der Treue" beschäftigen will, das laut Holighaus den Zauber von Hof bis heute ausmacht: Fast jeder Filmemacher, der einmal da war, soll unbedingt wiederkommen. So wie es diesmal Dominik Graf mit der Henry-James-Modernisierung "Am Abend aller Tage" oder Wenders mit der Peter-Handke-Adaption "Die schönen Tage von Aranjuez" tun.

In den vergangenen Jahren allerdings wirkten die Filmtage, die vom Kulturkanal Arte ebenso tapfer wie eigennützig gesponsert werden, manchmal trotz aller Cineastenschwärmerei wie ein aus der Zeit gefallenes Veteranentreffen mit vielen jungen, leider selten begabten Gästen. In seinen frühen Tagen hatte das Festival im deutschsprachigen Raum praktisch keine Konkurrenz, heute halten sich viele deutsche, österreichische und schweizerische Groß- und Mittelstädte ihre eigenen, mehr oder weniger originellen Filmfeste.

Adèle Haenel und Lars Eidinger im Eröffnungsfilm "Die Blumen von gestern"
Piffl Medien

Adèle Haenel und Lars Eidinger im Eröffnungsfilm "Die Blumen von gestern"

Ein Haufen unverdrossener Kritikerinnen und Kritiker, Produzenten und Regisseure fand trotzdem jeden Herbst im Frankenland zusammen, um in entspannter Kinosesselrückenlage bei Bratwurst und Bier den jeweils neuen Jahrgang aus deutschsprachigen Film- und Fernsehproduktionen zu begutachten. Und der Festivalchef Badewitz schaffte es fast immer, dem deutschen Filmschaffen eine glorreiche Zukunft zu verheißen - mit so viel fränkischer Euphorie, dass seine Gäste das Mittelmaß der Gegenwart nicht weiter störte.

In diesem Jahr soll es jedenfalls wieder ein bisschen wilder und lebhafter zugehen in Hof; mit laut gestellten Sinnfragen, alten Haudegen und Debütanten und richtig wichtigen neuen Filmen. Am besten war das Hofer Festival sowieso immer in politisch bewegten Zeiten, zum Beispiel 1990, als Schlingensief hier kurz nach dem Mauerfall "Das deutsche Kettensägenmassaker" präsentierte.

Nachtmahr unter Alpengipfeln

Diesmal zeigt die Regisseurin Feo Aladag im Film "Der Andere - eine Familiengeschichte", wie ein afrikanischer Flüchtlingsjunge für beinahe archaischen Streit zwischen einem Berliner Polizisten und dessen Vater sorgt. Und der in Deutschland lebende georgischstämmige Regisseur Dito Tsintsadze schildert unter dem Titel "Der Freund" eine Sado-Maso-Geschichte unter Berliner Immigranten, eine rabiate Affäre zwischen einer Frau aus Georgien und einem Mann aus Frankreich.

Einer der Filme, die für den Aufbruch in eine neue Dimension des Kinogrusels sorgen sollen, heißt "Das dunkle Haus am Rande des Waldes". Der junge Regisseur Johannes Leistner bringt darin ein junges Paar in böse Bedrängnis. Ein anderer heißt "Wofür es sich zu lieben lohnt". Die Regisseurin Aelrun Götte hat dafür die tollen Schauspielerinnen Hanna Schygulla, Irm Hermann, Margit Carstensen und Eva Mattes engagiert, die alle einst mit Rainer Werner Fassbinder drehten.

Heinz Badewitz 1998 bei der Verleihung des Goldenen Filmbands für herausragende Verdienste um den deutschen Film (mit Nicole Heesters)
DPA

Heinz Badewitz 1998 bei der Verleihung des Goldenen Filmbands für herausragende Verdienste um den deutschen Film (mit Nicole Heesters)

Wie das finsterste, schönste Versprechen der diesjährigen Hofer Filmtage klingt aber der Titel des Psychothrillers, den die Regisseurin Tini Tüllmann präsentiert. Ihr Film mit Schauspielern wie Jessica Schwarz und Robert Stadlober heißt "Freddyeddy" und ist ein Nachtmahr unter bayerischen Alpengipfeln.

Ob und unter wessen Leitung es mit den Hofer Filmtagen nach dem Jubiläum weitergehen wird, ist nicht entschieden. Es gebe zwar grundsätzlich "einen breiten Konsens", berichtet Alfred Holighaus, dass eine 51. Ausgabe des Festivals im nächsten Jahr ausgerichtet werden soll; sowohl Stadtpolitiker als auch die Fernsehleute von Arte scheinen an einer Fortsetzung interessiert zu sein. Eine möglichst prominente Hof-Veteranin (oder ein Veteran) an der Spitze des Festivals könnte da helfen.

"Die Macher der Jubiläumsfilmtage haben sich verboten, über Personalien zu spekulieren", sagt Holighaus, er sei sich aber sicher, dass es nicht bloß einen neuen Kopf an Stelle des eh nicht zu ersetzenden Heinz Badewitz geben müsse. "Es braucht eine konzeptionelle Idee, die den Hofer Filmtagen ihre Einzigartigkeit erhält."

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