Hofer Filmtage In dieser Radikalität steckt Hoffnung

Großes Thema bei den Hofer Filmtagen: Wieso läuft dem deutschen Film das Publikum davon? Mut für die Zukunft machten Nachwuchsfilme wie "Schwimmen", "Kahlschlag" oder "Glück ist was für Weicheier".

Szene aus "Schwimmen" von Luzie Loose
Hofer Filmtage

Szene aus "Schwimmen" von Luzie Loose

Aus Hof berichtet


Es war ein herzerweichender Appell, mit dem sich der Chef der kleinen deutschen Filmwelt an das Publikum im Festsaal der Hofer Frankenhalle wandte. "Helft uns, die Zuschauer ins Kino zurückzuholen", sagte Alfred Holighaus, der als Präsident einen Fachverband mit dem hochtrabenden Namen "Spitzenorganisation der deutschen Filmwirtschaft" anführt. Deutsche Regisseurinnen und Regisseure müssten es in den nächsten Jahren unbedingt schaffen, einem von Serien- und Streaming-Angeboten verwöhnten Publikum "wieder Zeit abzuknipsen" für den Kinobesuch, forderte er.

Bei den Hofer Filmtagen, die sich traditionell den Nachwuchskräften des deutschsprachigen Kinos widmen, wurde in diesem Jahr viel über die desaströs schlechten Zuschauerzahlen des Kinojahres 2018 gesprochen. Nicht nur wegen des schönen Sommers haben selbst teuerste Filme aus deutscher Produktion in den vergangenen Monaten nur ein erschütternd schmales Publikum gefunden. "Die Zukunft war früher auch besser", hieß eine der Diskussionsrunden, die sich in Hof mit der prekären Marktlage beschäftigte. Kino brauche die Lust an der Überraschung, sagte der 59-jährige Holighaus, als er am Donnerstag den diesjährigen Filmpreis der Stadt Hof verliehen bekam. Und er behauptete: "Hof steht für das, was glücklich macht am Film."

Erfreuliche Verstöße gegen Handwerksregeln

Tatsächlich trumpften die Hofer Filmtage in ihrem 52. Jahr in besonderer Weise als Ort der Überraschungen auf. Mitunter konnte sich der Festivalbesucher sogar beim Nachdenken darüber erwischen, ob die deprimierende ökonomische Lage des deutschen Kinos nicht in erfreulicher Manier neue Energie freisetze. Schafft die Misere womöglich einen Mut zum freieren Erzählen, eine Lust am Verstoß gegen angeblich unverbrüchliche Handwerksregeln? 140 deutsche und internationale Spielfilme und Dokumentationen zeigte Filmtage-Chef Thorsten Schaumann, seit 2017 im Amt, dieses Jahr in Hof. Immerhin 21 Filme waren für den wichtigsten Nachwuchspreis des Festivals nominiert , den "Förderpreis Neues deutsches Kino". In den Vorjahren waren es jeweils nur sieben oder neun. Die Jury zeichnete dann zwei Filme aus, die fast ohne Filmförderung entstanden sind.

Szene aus "Kahlschlag" mit Florian Bartholomäi
Hofer Filmtage

Szene aus "Kahlschlag" mit Florian Bartholomäi

Mit einer lobenden Erwähnung ehrte man "Fünf Dinge, die ich nicht verstehe". Der Film spielt in der Heimat des Regisseurs Henning Beckhoff, auf einem Bauernhof und in der kleinen Stadt Ennepetal am Rand des Ruhrgebiets. Er erzählt mit vielen Laiendarstellern und dem Profi-Schauspieler Peter Lohmeyer in der zentralen Erwachsenenrolle von den spätpubertären Konflikten zweier ungleicher Brüder, von ersten Liebesenttäuschungen und zerrissenen Familienbanden. In grandioser Beiläufigkeit zeigt Beckhoff Traktorfahrten über kahle Felder, die Verwahrlosung eines Männerhaushalts und die Begegnungen des noch schulpflichtigen Helden Johannes (Jerome Hirthammer) mit einem syrischen Flüchtling.

Obwohl Johannes öfter bedrohlich mit einem Jagdgewehr hantiert und sich scheinbar spektakulär in die Freundin des älteren Bruders verliebt, handelt der Film vor allem von Leere und Langeweile: Auf eine sehr lebensnahe Weise führt Beckhoff bedrückende, gefährliche Stimmungslagen junger Menschen vor, die das Kino sonst gern hinter schulmäßigem Drehbuchaktionismus zu verbergen sucht. Der 27-jährige Regisseur ist Absolvent der Babelsberger Filmuniversität Konrad Wolf, hat seinen Film aber ohne Unterstützung von Fernsehanstalten und Fördergremien gedreht.

Der Haupt-"Förderpreis Neues Deutsches Kino" ging dann gleich an einen Regisseur, der nie auf einer Filmhochschule war. Der Rostocker Filmemacher Max Gleschinski ist erst 25 Jahre alt und zeigt mit "Kahlschlag" einen ländlichen Thriller, der an Vorbildern wie "Fargo" und "Reservoir Dogs" geschult ist. Zugleich macht er entschlossen originell die Wald- und Wiesenlandschaft von Mecklenburg-Vorpommern zum Schauplatz eines mörderischen Showdowns aus Liebesgründen.

Nebenrolle für "Monchi"

Prominentester Mitspieler in "Kahlschlag" ist Jan "Monchi" Gorkow, Sänger der Punkband Feine Sahne Fischfilet, in einer smarten Nebenrolle. Im Zentrum des Films liefern sich die Schauspieler Florian Bartholomäi und Bernhard Conrad inmitten einer einsamen Waldidylle einen archaischen Fight um die täglich zum Studium in die Stadt pendelnde Dorfschöne (Maike Johanna Reuter). Natürlich ist "Kahlschlag" Genrekino, das mit dröhnender Tonspur und Spaß an höllischen Gewaltkino-Effekten herumprotzt. In der Beschwörung eines geradezu shakespearehaften Liebeskonflikts aber beweist der Film einen seltenen Wagemut und riskiert zwischendurch sogar ein paar eher läppische Scherze über eine sächsische Touristenfamilie

"Glück ist was für Weicheier" mit Ella Frey und Martin Wuttke
Walker+Worm Film GmbH/ Hofer Filmtage

"Glück ist was für Weicheier" mit Ella Frey und Martin Wuttke

Zwei Jahre lang hat der Do-it-yourself Filmemacher Gleschinski an "Kahlschlag" gearbeitet, aus einem Kulturfonds des Landes Mecklenburg-Vorpommern bekam er einen Zuschuss von 10.000 Euro, aus den Filmfördertöpfen der Etablierten nichts. In Hof sagte der sichtlich überwältigte Preisträger in seiner Dankesrede: "Ich finde es toll, dass Filme, die außerhalb des Systems entstehen, hier eine Plattform haben."

Der Gerechtigkeit halber sollte man noch berichten, dass es bei den Hofer Filmtagen auch ein paar herausragende Filme gab, die unter den üblichen Bedingungen des deutschen Kinosystems entstanden sind - und doch dessen Konventionen unbekümmert außer Acht lassen. "Glück ist was für Weicheier", heißt der Film von Regisseurin Anca Miruna Lazarescu, der die Filmtage am Dienstag eröffnete. Lazarescu zeigt den Schauspieler Martin Wuttke als Vater zweier Töchter, von denen die eine (Emilia Bernsdorf) sterbenskrank ist und die andere (Ella Frey) sich in surrealen Traumwelten zu verlieren droht.

Berliner Erbarmungslosigkeit

Manchmal erinnert das an Sam Mendes' "American Beauty", wenn es die Verlorenheit des Vaters vorführt, der in einem Doppeljob als Sterbegleiter und als Bademeister arbeitet. Doch die Kraft und der Charme des Films entstehen erst aus der Unbedingheit, mit der die Regisseurin aus Dachau sich in den entscheidenden Szenen für die Perspektive der jungen Heldin entscheidet - für ihren Blick auf eine Welt, in der, wie es im Film einmal heißt, "die Wut und die Traurigkeit oft nicht auszuhalten sind".

"Kill Me Today, Tomorrow I'm Sick!", hieß der politisch brisanteste Spielfilm des Festivals. In ihm schildern die Regisseure Joachim Schroeder und Tobias Streck den Aberwitz des langen, ungeheuer teuren Friedenseinsatzes im Kosovo im Gewand einer schrillen Satire, der fast nichts heilig ist. Man sieht eitle OSZE-Helfer und mafiaartig organisierte Kämpfer der Kosovo-Albaner; es gibt Schockbilder von Morden, die aus rassistischem Hass verübt werden, und kabarettistisch aufgemotzte Szenen aus dem Bürokratenalltag im Lager der internationalen Friedenstruppe. Karin Hanczewski spielt eine erst naive und bald hartgesottene deutsche OSZE-Frau, Carlo Ljubek ein charmantes Schlitzohr, das sich an ihre Seite drängt. Schröder und Schreck liefern einen zynischen, manchmal schreiend komischen, im Herz aber verzweifelten Lagebericht über die Hilflosigkeit der Vernünftigen. Restlos alle Gutwilligen werden hier ihrer Weltverbesserungshoffnungen beraubt.

"Schwimmen" mit Lisa Vicari und Stephanie Amarell
Hofer Filmtage

"Schwimmen" mit Lisa Vicari und Stephanie Amarell

Auf andere, gleichfalls schroff irritierende Weise verstößt die Regisseurin Luzie Loose in ihrem Film "Schwimmen" gegen die Konventionen eines deutschen Kinohandwerks, in dem psychologische und soziologische Erklärungsversuche oft jede klare Charakterzeichnung vernebeln. Ihr mit dem Hofer "Goldpreis" für die beste Regie ausgezeichneter Film handelt von einer jungen Frau, die ohne besonderen Grund beschließt, ihre Mitmenschen knallhart zu manipulieren, damit sie Böses tun.

Das 15-jährige Berliner Mädchen Anthea (Lisa Vicari) freundet sich mit der gleichaltrigen Elisa (Stephanie Amarell) an. Raffiniert bringt die im Klauen und Saufen versierte Anthea ihre schüchterne neue Gefährtin dazu, erst das eigene Leben und dann das ihrer Mitmenschen rücksichtlos mit der Handykamera zu filmen. Mit stolzer Grausamkeit drängt sie Elisa in einen Kampf, in dem es bald um Leben und Tod geht. Regisseurin Loose, Jahrgang 1989, schildert diese Geschichte einer teuflischen Verführerin in kalten, blaustichigen Bildern - und mit einer Erbarmungslosigkeit, die man sonst vergebens im deutschen Kino sucht.

Vielleicht steckt ein bisschen Hoffnung in der Rücksichtlosigkeit von "Kahlschlag", der zornigen Ratlosigkeit von "Kill Me Today, Tomorrow I'm Sick!", der Unerbittlichkeit von "Schwimmen", die sich bei den Hofer Filmtagen so stark einprägten. Der Mut zur Radikalität kann nämlich durchaus als Argument taugen, wenn es darum geht, wieder ein paar Zuschauer mehr für den Besuch deutscher Kinofilme zu begeistern.

Mehr zum Thema


insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
geistreich2020 28.10.2018
1. Noch nicht tot ...
jetzt mal Smartphones und Ipads an die Seite gelegt ... das deutsche Kino scheint noch zu leben und Hof hat den Beweis angetreten. Es gibt sie, die jungen Wilden, und Menschen in der Provinz haben dem eine tolle Plattform gegeben! Vielen Dank an die mutigen um Festspielleiter Thorsten Schaumann!
wannowsky 29.10.2018
2.
Leider muss ich geistreich widersprechen: das deutsche Kino ist tot. Warum? Die besprochenen Filme sind großartig. Sie zeigen die vielfältigen Talente der deutschen Filmhochschulen. Was passiert aber mit diesen Talenten nach dem Campus? Ihre Kreativität wird die deutsche Filmförderung zermalmen, die von Fernsehredakteuren bestimmt wird. Wenn sie "Glück" haben, können sie tatortbrei drehen. Eher wird es so sein, dass wir - das Publikum - nie wieder etwas von den im Artikel Genannten hören werden. Es sei denn, sie finden außerhalb Deutschlands eine Beschäftigung.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.