Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kino-Gemetzel "7 Psychos": Gipfel der Gestörten

Von

Seine Killer-Komödie "Brügge sehen... und sterben?" war ein Überraschungserfolg, jetzt legt Martin McDonagh endlich seinen zweiten Film vor. In "7 Psychos" metzeln Stars wie Colin Farrell, Christopher Walken und Woody Harrelson alles nieder - nicht nur Menschen, sondern auch Genreregeln.

Wir erleben interessante Kino-Zeiten, haben die Kritiker der "New York Times", A.O. Scott und Manohla Dargis, kürzlich festgestellt. Ihre These: Filmemacher arbeiten hart daran, Erzählkonventionen aufzubrechen oder ganz über den Haufen zu werfen - und die Zuschauer folgen ihnen dabei sogar. Auch wenn die New Yorker Kollegen sich eher auf Autorenfilmer wie Leos Carax ("Holy Motors") oder Tom Tykwer und die Wachowski-Geschwister ("Cloud Atlas") beziehen, kann man auch Martin McDonagh und seinen neuesten Film problemlos hier einreihen.

In "7 Psychos" arbeitet der Drehbuchautor Marty (gespielt von Colin Farrell) an einem Skript, das aus kaum mehr - Achtung, hier fangen die Spielchen an - als dem Namen "7 Psychos" besteht. Derweil dreht im realen Los Angeles ein Serienmörder seine Runden und tötet brutale Verbrecher, bevor die selbst erneut zuschlagen können. Doch das reicht Martys Kumpel Billy (Sam Rockwell), einem arbeitslosen Schauspieler, der sich gern einen Job in Martys Film verschaffen will, an Inspiration nicht. Er setzt eine Zeitungsannonce auf, in der er Killer darum bittet, ihre Lebensgeschichte mit Marty und ihm zu teilen.

Tatsächlich meldet sich ein pensionierter Serienmörder und schüttet ihnen sein Herz aus. Doch da ist Billy und Marty der größte Killer der Stadt bereits längst viel näher, als sie es wahr haben wollen. Denn Billy hat, ohne es zu ahnen, den heißgeliebten Hund von Gangsterboss Charlie (Woody Harrelson) entführt, der nun auf blutige Rache schwört. Doch Charlie ist nicht der letzte Psycho, mit dem sich Billy und Marty werden herumschlagen müssen. Vier Wahnsinnige fehlen noch, wobei der Countdown, den der Film anfangs noch mit Hilfe von eingeblendeten Zahlen herunterzählt, plötzlich ins Stocken gerät. Unversehens wird die Frage, wer denn Psychopath Nummer sieben ist, mindestens ebenso dringend wie die Frage: Wie um Himmels Willen wollen sich die Loser Billy und Marty denn bitte vor Charlie retten?

Staraufgebot - und Starverschleiß

Mit der schwarzhumorigen Auftragskiller-Posse "Brügge sehen... und sterben?" gelang Regisseur und Drehbuchautor Martin McDonagh 2008 ein Überraschungserfolg. Nicht nur schaffte er es, aus der postkartenhaften Kulisse von Brügge groteske Pointen zu schlagen. Mit seinen geschliffenen Dialogen konnte er sogar eine neue Dynamik in die etwas in die Jahre gekommene Figuren-Konstellation mit smalltalkenden Schwerverbrechern bringen. Folgerichtig wurde McDonagh für den Drehbuch-Oscar nominiert.

Fotostrecke

7  Bilder
"7 Psychos": Da waren es nur noch zwei...
Sein größtes Verdienst dürfte es aber gewesen sein, die entgleiste Karriere von Colin Farrell wieder auf die Spur gebracht zu haben. Als emotional überforderter Auftragskiller konnte Farrell endlich einmal seine komischen Seiten zeigen, ohne schauspielerisch unterfordert zu werden. Ein Golden Globe als bester Komödien-Darsteller war der Lohn für Farrell - und ein großer Vertrauensvorschuss von einigen der größten leading men Hollywoods für Regisseur McDonagh.

So steuert in "7 Psychos" neben Farrell, Rockwell und Harrelson auch noch Christopher Walken sein Quäntchen Irrsinn bei, und der unvergleichliche Tom Waits ist in einer seiner handverlesenen Filmrollen zu sehen. Darüber hinaus leistet sich McDonagh einen Starverschleiß, der - ohne zu viel zu verraten - wohl nur im ersten Teil von Wes Cravens "Scream" ähnlich groß war.

Wer hat da wem was eingeflüstert?

Diese Masse an Stars dürfte dem Film nicht nur vermarktungstechnisch helfen, sie hält ihn vor allem erzählerisch zusammen. In der Fülle von Nebenhandlungen, Filmszenen im Film und Momenten der Meta-Erzählung ließe sich schnell der Überblick verlieren, wären die Leistungen der Schauspieler nicht so eindrücklich. So gehört zu den lustigsten Szenen, wie Marty die bizarre Geschichte eines gnadenlosen Rächers, die ihm Billy erzählt hat, als eigene Idee für sein Drehbuch ausgibt - und damit just vor dem Mann angibt, der eben dieser Rächer ist und seiner eigenen Geschichte mit wachsendem Erstaunen lauscht.

Ist der wunderbare Moment der Fremdscham überwunden, drängen sich dem Publikum spätestens hier die zentralen Fragen auf: Wer weiß hier eigentlich was - und wer hat was wann erzählt? Ist auf Martys Erzählperspektive wirklich Verlass? Was hat ihm Billy eingeflüstert? Und was soll es bedeuten, dass Walkens Figur Hans auch noch ein paar Ideen fürs Drehbuch von "7 Psychos" beisteuert?

Was etwas verkopft klingt und an die postmodernen Erzählfinten des US-Filmemachers Charlie Kaufman ("Being John Malkovich") erinnert, nimmt sich unter McDonaghs beherzter Regie überraschend geradlinig aus. Für großes Nachdenken und ehrfürchtiges Staunen über Drehungen und Wendungen lässt er einem keine Zeit. Wo eben noch ein Showdown zwischen Marty, Billy und Charlie unabwendbar schien, steht plötzlich eine völlig andere Konstellation zum Shoot-out bereit. So werden nicht nur haufenweise Menschen nicht eben unblutig hingemetzelt, sondern auch jeder Menge Regeln des Thrillergenres der Garaus gemacht.

Ein großer Kommentar zu den Grenzen des Genrekinos ist "7 Psychos" dennoch nicht. McDonagh behält fest die Unterhaltung im Auge, was man erfrischend unelitär und für immerhin fast zwei Stunden Laufzeit auch unterhaltsam finden kann. Ohne den Ehrgeiz eines Statements steckt "7 Psychos" aber in einer Falle, die im Englischen mit dem Begriff middle brow bezeichnet wird. Zu schlau, um als Trash durchzugehen, zu unambitioniert, um als Kunstwerk zu interessieren. Wohin es den zweifellos talentierten McDonagh nach diesem Film zieht - in Richtung Event-Kino oder Indie-Film - ist damit fast spannender als die Frage, wer denn nun dieser siebte Psychopath ist.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Vorsicht Spoiler
fessi1 07.12.2012
Zitat von sysopDCMSeine Killer-Komödie "Brügge sehen... und sterben?" war ein Überraschungserfolg, jetzt legt Martin McDonagh endlich seinen zweiten Film vor. In "7 Psychos" metzeln Stars wie Colin Farrell, Christopher Walken und Woody Harrelson alles nieder - nicht nur Menschen, sondern auch Genreregeln. http://www.spiegel.de/kultur/kino/7-psychos-froehliches-kino-gemetzel-mit-farrell-walken-harrelson-a-870936.html
wenn schon so gefragt wird... der Zuschauer wahrscheinlich
2. Ja, dieser
opel-kapitän 07.12.2012
Film ist wirklich ein Abbild unserer Zeit. Ich hab' immer die Hoffnung, daß es jetzt mal genug ist an Wahn- und Schwachsinn, aber es gibt immer noch einen drauf.
3. gestern 7 Psychos gesehen in einer
Marco_P. 07.12.2012
Heute frage ich mich, welche der sieben Todsünden (Habgier, Wollust, Völlerei, Zorn, Neid, Eitelkeit, Trägheit) mir am liebsten ist. Anregung: Jeder Figur in diesem amerikanischen Film ist mindestens eine dieser Eigenschaften zuzuordnen. Ich halte 7 Psychos für sehenswert; solange man die Handlung nicht zu ernst nimmt. Außerdem: die dt. Übersetzung klingt, wie meistens, mies.
4.
BlakesWort 07.12.2012
Ich frage mich gerade, ob ich einem Author vertrauen soll, der "Brügge sehen... und sterben?" als "Killer Komödie" betitelt. Dennoch habe ich großes Vertrauen, denn "In Bruges" war einer der überzeugensten Filme 2008 und nicht nur eine bloße Kopie tarantinesker Schwarzhumorigkeit. Der Film war bis vor ein paar Monaten bei IMDB noch unter den 250 besten Filmen aller Zeiten gelistet. So gut ist er dann doch nicht, aber sehr sehr sehenswert, nicht zuletzt aufgrund wirklich großartiger Schauspieler.
5. Gipfel der Gestörten
founder 07.12.2012
Als ich den Titel "Gipfel der Gestörten" las, klickte ich sofort, weil ich dachte es ginge um den Klimagipfel. Was könnte gestörter sein als "Es ist billiger zugrunde zu gehen als zu überleben" Genau das wird ja auf Klimagipfeln seit Jahrzehnten dramatisiert. Dabei ist dies alles nur ein großer Rechenfehler (http://calculation-error.org/index_g.htm).
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




7 Psychos

Originaltitel: Seven Psychopaths

USA/GB 2012

Buch und Regie: Martin McDonagh

Darsteller: Colin Farrell, Woody Harrelson, Sam Rockwell, Christopher Walken, Michael Stuhlbarg, Abbie Cornish, Tom Waits

Produktion: Film4, Blueprint Pictures, British Film Institute

Verleih: DCM Film

Länge: 110 Minuten

Start: 6. Dezember 2012


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: