"Entebbe"-Regisseur José Padilha "Wann hat Terrorismus je funktioniert?"

1976 entführten Terroristen ein Flugzeug - die Befreiung durch die israelische Armee wurde zum Mythos. Jetzt bringt José Padilha das Geiseldrama ins Kino. Gelingt die Aufarbeitung des heiklen Themas?

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Er könnte längst Superheldenfilme in Hollywood drehen. Action-Blockbuster wie "Jason Bourne" oder "Fast And Furious", all das wurde dem brasilianischen Regisseur bereits angeboten, aber José Padilha lehnte so gut wie alles ab. "Ich wüsste gar nicht, wie das geht", sagt er. Lieber sucht sich der 50-Jährige ein möglichst unbequemes Thema für seine Filme und Serien. Zum Beispiel ein politisches Minenfeld wie den Nahost-Konflikt. "Na ja, immerhin war es kein echtes Minenfeld!", lacht er im Interview. "Ich hatte schon Dreharbeiten, bei denen mit einer Granate nach mir geworfen wurde. Aber zum Glück nicht diesmal."

Sein Kinofilm "7 Tage in Entebbe" erzählt die Geschichte des von deutschen und palästinensischen Terroristen entführten Air-France-Flugs 139 von Tel Aviv nach Paris. Nach der erzwungenen Landung im ugandischen Entebbe befanden sich 103 Passagiere, überwiegend Israelis, sieben Tage lang in Geiselhaft, bis sie durch die als "Operation Thunderbolt" bekannt gewordene Mission der israelischen Armee befreit wurden.

Ein gutes Dutzend Filme, Fiktionen wie Dokumentationen, gibt es bereits über dieses Drama, das zum exemplarischen Beleg dafür wurde, wie wehrhaft sich Israel gegen Terrorismus gibt. Benjamin Netanyahu, aktueller Ministerpräsident des Landes, begründete den Beginn seiner politischen Karriere mit dem Tod seines Bruders Yonathan beim Anti-Terroreinsatz in Entebbe. "Yoni" war lange ein mythisch verklärter Held in Israel. "Entebbe" ist ein in vielerlei Hinsicht heikles Thema.

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"7 Tage in Entebbe": Operation Minenfeld

Anders als viele Filmemacher vor ihm interessierte Padilha aber gerade kein heroisches Narrativ. Das Drehbuch von Thriller-Autor Gregory Burke ("'71") basiert auf einem 2015 erschienenen Buch des Historikers Saul David. "Nicht die Militäraktion stand darin im Vordergrund, wie sonst üblich, sondern das Verhältnis zwischen den israelischen Politikern Yitzhak Rabin und Shimon Peres in Tel Aviv sowie die Dynamik zwischen den Terroristen und ihren Geiseln vor Ort. Das fand ich interessant", erzählt Padilha.

Einen besonderen Fokus legt Padilha auf die beiden deutschen Terroristen Wilfried Böse (Daniel Brühl) und Brigitte Kuhlmann (Rosamund Pike), Mitglieder der RAF-nahen Revolutionären Zellen, die in Entebbe als erste Deutsche nach dem Weltkrieg Juden selektierten (mehr zum Inhalt des Films lesen Sie in unserer Rezension).

Padilha vermeidet es, Partei zu ergreifen. Er seziert den politischen Konflikt in Israel, indem er aufzeigt, wie schwierig es für Rabin oder jeden anderen Politiker nach ihm war, Verhandlungen mit Terroristen in Betracht zu ziehen. Und er entlarvt vor allem die beiden Deutschen als weltfremde Revolutionäre, deren antiimperialistische und antizionistische Gespinste sich auflösen, als sie mit der Realität ihres Tuns konfrontiert werden.

Keiner taugt zum Helden

Auch die Palästinenser der Befreiungsfront PFLP taugen Padilha nicht zu Helden: "Erstens ist es unmenschlich, was sie tun, es ist inakzeptabel, Punkt. Und zweitens geht es direkt gegen das, was sie eigentlich wollen: Sie bewirken eine Reaktion, die Hardliner wie Netanyahu stärken, was es wiederum unmöglich macht zu verhandeln. Das Ergebnis ist dann Gaza. Wann hat Terrorismus jemals funktioniert?"

Mit der Dynamik von Hijacking-Szenarien kennt sich Padilha, 1967 in Rio de Janeiro geboren, gut aus. Sein erster Film, die Dokumentation "Ônibus 174", rekapitulierte 2002 eine spektakuläre Linienbus-Entführung in Rios Favelas und thematisierte nebenbei die Verkettung von sozialem Elend und Drogenkriminalität.

2007 gewann er mit seinem Polizeigewalt-Thriller "Tropa de Elite" ("Elite Squad") den Goldenen Bären der Berlinale, dem er 2010 eine Fortsetzung folgen ließ. Beide Filme waren in Brasilien Blockbuster. Als Produzent betreut Padilha seit 2015 die Netflix-Serie "Narcos" über das kolumbianische Drogenkartell Pablo Escobars; 2014 drehte er mit einem Remake des Science-Fiction-Thrillers "RoboCop" seinen ersten Hollywoodfilm. Aktuell sorgt seine neue Netflix-Serie "Der Mechanismus" für Aufregung in Brasilien. Es geht um die Korruptionsaffäre, die das Land seit 2014 lähmt.

7 Tage in Entebbe

    Originaltitel: 7 Days in Entebbe

    UK/USA 2018

    Regie: José Padilha

    Drehbuch: Gregory Burke

    Darsteller: Daniel Brühl, Rosamund Pike, Eddie Marsan, Lior Ashkenazi, Denis Ménochet, Angel Bonanni, Ben Schnetzer

    Produktion: Participant Media, Working Title

    Verleih: Fox

    Länge: 107 Minuten

    FSK: ab 12

    Start: 3. Mai 2018

Als Brasilianer mit einem sicheren Gespür für gesellschaftspolitische Untertöne lief er bei den Dreharbeiten zu keiner Zeit Gefahr, sich ideologisch zu positionieren, sagt er. "Ich bin weder Palästinenser, noch Israeli, ich bin nicht jüdisch, ich bin kein Amerikaner und kein Deutscher. In Brasilien ist der Nahostkonflikt schlicht kein großes Thema. Das heißt nicht, dass ich nichts davon weiß oder sehr viel darüber gelesen habe, es bedeutete aber, dass ich das Drehbuch relativ unbefangen lesen und mir Gedanken machen konnte."

Wie sein Vorbild Fellini will er die jeweilige Geschichte sich selbst erzählen lassen: "Ich habe keine ideologische Agenda, kein Ziel. Ich will den Zuschauer nicht in eine bestimmte Richtung drängen, ich erstelle eine Dramaturgie und lasse sie spielen. Die einzige Beschränkung dabei ist, was wirklich passiert ist, die Fakten."

In "7 Tage in Entebbe" verwebt er diesen dramaturgischen Flow mit einer suggestiven Bühnen-Performance des israelischen Batsheva-Ensembles, die Ohad Naharins berühmte "Echad Mi Yodea"-Inszenierung von 1990 aufführen. "Am Ende des Films sieht man eine der Tänzerinnen laufen, aber sie kommt nicht von der Stelle", sagt Padilha.

Dieses Bild ist vielleicht sein einziger Kommentar zu der dauerbrisanten, bis heute politisch aufgeladenen Situation, die sein Film zu einem packenden Thriller verdichtet. "Ich habe keine Lösung für den Nahost-Konflikt. Ich könnte jetzt sagen: Ganz einfach, alle Beteiligten müssen sich nur ihrer Orthodoxie entledigen. Aber dann wäre ich genauso naiv wie Wilfried Böse."

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korrekturen 04.05.2018
1.
Sein Film über die Korruption in Brasilien war zweifellos sehr umstritten. Ein mittelinks Journalist, Miguel do Rosario, spricht von "faszistischen Neigungen" seiner Filme. Seine Kritik an ihn ist vernichtend. So denkt die Linke über ihn und über seine letzten Filme. Er kann keineswegs als einigermassen unparteisch gelten. Man sollte vielleicht seinen letzten Film über Entebbe mit dem Buch von Thomas Suarez über das Thema im allgemeinen vergleichen um sich eine realistische Meinung zu bilden.
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