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29. August 2018, 11:40 Uhr

75. Filmfestspiele von Venedig

Zum Jubiläum viel Stress

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Das älteste der großen Filmfestivals hat sich zum 75. Geburtstag ein Programm mit vielen Oscar-Anwärtern gegönnt. Vielen stinkt jedoch, wie sehr Venedig Netflix hofiert und die Filme von Frauen vernachlässigt.

So hatte sich das Alberto Barbera, künstlerischer Leiter der Biennale Cinema di Venezia, das wohl vorgestellt, als er Ende Juli das offizielle Programm der 75. Filmfestspiele am Lido vorstellte. Fast alles, was sich Kritikerinnen und Kritiker für die Jubiläumsausgabe erhofft hatten, konnte der 68-Jährige präsentieren: neue Filme von den Coen-Brüdern und Oscar-Gewinner Alfonso Cuarón ("Roma"), Frisches von Luca Guadagnino ("Suspiria"), Yorgos Lanthimos ("The Favourite") und László Nemes ("Sunset"). Das Mondlandungsdrama "First Man" von Damien Chazelle ("La La Land") eröffnet die Festspiele am Mittwoch.

Dazu kommen ein paar europäische Schwergewichte des Arthouse-Kinos: Die französischen Regiestars Olivier Assayas und Jacques Audiard sowie der Brite Mike Leigh geben dieses Jahr Venedig die Ehre. Und ein deutscher Film ist auch mal wieder im Wettbewerb: Florian Henckel von Donnersmarck, Oscar-Gewinner mit "Das Leben der Anderen", zeigt kommende Woche seine Künstlerbiografie "Werk ohne Autor" als Weltpremiere.

Das älteste der großen A-Filmfestivals schien also bestens gerüstet, um seinen Status als inoffizielle Startrampe für die US-amerikanische Oscar-Saison breitschultrig zu verteidigen. Kurz vor ihrem Start steht die Kino-Biennale jedoch eher als alter, gestriger Mann des Filmgewerbes da, denn die Entscheidung Barberas und seines Teams, wie schon 2017 nur einen einzigen Film von einer Regisseurin in den Wettbewerb zu heben ("The Nightingale" von Jennifer Kent), fliegt dem Festival um die Ohren.

Was macht eine profilierte Regisseurin wie Mary Harron ("American Psycho") mit einem Film über Charles Manson in einer Nebenreihe? Warum laufen die neuen Arbeiten von Claire Denis und Mia Hansen-Love in Toronto statt am Lido? Fragen wie diese verfolgen Venedig seitdem.

"Toxische Maskulinität"

Anfang August schickte ein Zusammenschluss von Branchenorganisationen einen offenen Brief an Barbera. Die Forderung: Die Situation von Frauen in der Filmwirtschaft zu verbessern, sich ähnlich wie zuvor bereits Cannes und Locarno dazu zu verpflichten, Diversität in der Filmauswahl anzustreben, die Anzahl und Geschlechteraufteilung der eingereichten Filme transparent zu machen und langfristig eine 50/50-Quote weiblicher und männlicher Regisseure zu erreichen. Außerdem solle das Auswahlpersonal des Festivals für "unterbewusste Vorbehalte" gegen Filme von Frauen sensibilisiert werden.

Noch weiter ging am Wochenende das US-Branchenblatt "Hollywood Reporter", das Venedigs Männerlastigkeit in einen Zusammenhang mit Italiens Kultur "toxischer Maskulinität" stellt - und einige Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit nennt, wie unbeholfen, wenn nicht obstruktiv das Festival mit Sensibilitäten der #MeToo-Debatte umgehe.

Vor einigen Wochen, als erste Kritik an den fehlenden Frauen im Wettbewerb aufkam, hob Barbera entschuldigend die Hände und stellte fest, dass er und sein Festival nicht verantwortlich seien für die strukturellen Gegebenheiten der Branche; nur 21 Prozent der für diesen Jahrgang eingereichten Filme seien von Frauen gedreht worden. Zu wenige seien gut genug für den Wettbewerb gewesen: "Dagegen kann Venedig nichts machen, es ist nicht unsere Sache, diese Situation zu ändern", sagte Barbera - und lehnte sich zusätzlich aus dem Fenster, indem er hinzufügte, er würde seinen Job als Festivalchef eher an den Nagel hängen, als eine Quotierung zuzulassen.

Das Netflix-Dilemma

Je mehr sich Venedig zum Oscar-Showcase der US-amerikanischen Studios macht und in direkte Konkurrenz oder Reihung mit den Herbstfestivals in Telluride und Toronto tritt, desto mehr wird es sich jedoch auch mit dem beginnenden Wandel in der US-Filmbranche befassen müssen, wo sich im Zuge von Diskussionen um #MeToo oder #TimesUp vor allem Jüngere gegen die jahrzehntelange Dominanz von Männerwirtschaft und Misogynie stemmen und Veränderung anstreben. Mit defensiver Ignoranz wird Barbera diesem Trend künftig nicht mehr begegnen können.

Trotz eines unbestritten interessanten Programms wächst also abseits der Leinwände der Druck auf Venedig, sich zu diversifizieren und zu modernisieren. Wie kompliziert das sein kann, zeigt ein anderes Ungemach, mit dem sich das Festival konfrontiert sieht. Anders als Cannes hat Venedig die Filmangebote von Streamingdiensten von Beginn an umarmt. US-Anbieter Netflix schlägt am Lido zum wiederholten Male ein großes Lager auf und bringt gleich sechs prestigeträchtige Filme mit, darunter die Wettbewerbsbeiträge von Cuarón, den Coens und dem britischen Regisseur Paul Greengrass, der sein Utøya-Drama "22 July" zeigt.

Netflix präsentiert am Lido außerdem die aufwändig restaurierte und ergänzte Fassung von Orson Welles' letztem, unvollendeten Film "The Other Side of the Wind" und die italienische Produktion "Sulla mia pelle" in der Nebensektion "Orrizonti".

Vor allem die massive Wettbewerbspräsenz von Netflix, dessen Filme ja normalerweise keinen regulären Kinostart haben, provozierte jetzt Protest von einigen mächtigen Kinobetreiber- und Filmemacherverbänden Italiens. Diese fordern Barbera in einem gemeinsamen Statement auf, diese "kontroverse und unangebrachte" Politik ab dem nächsten Jahr zu überdenken - auch im Hinblick auf die umfangreiche öffentliche Förderung des Festivals. Eine unverhohlene Drohung in Richtung des Festivalleiters, dessen Vertrag 2018 neu verhandelt werden muss. Vor der morbid-märchenhaften Strandkulisse von Viscontis "Tod in Venedig" muss der Festivalklassiker also beweisen, wie viel Flexibilität noch in ihm steckt.

Über die Höhepunkte des Festivals werden wir ab Mittwoch regelmäßig berichten.

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