"8 Frauen" Karussell der Neurosen

Acht Frauen und ein Mann: Der französische Regisseur François Ozon entwirft in seinem neuen Film einen köstlichen Zickenreigen voller cineastischer Zitate und lässt die besten Schauspielerinnen Frankreichs zu Hochform auflaufen.

Von Oliver Hüttmann


Acht Frauen ohne Hausherr: Köstlicher Zickenreigen
Constantin Film

Acht Frauen ohne Hausherr: Köstlicher Zickenreigen

Der Hausherr ist tot. Er liegt ausgestreckt im Bett, in seinem Rücken steckt ein Messer. Der Mord an Marcel wird bereits nach vier, fünf Minuten des Films entdeckt. Dabei ist für kaum einen Atemzug sein Leichnam im Bild. Und bis zur letzten Sekunde bleibt er auch der einzige Mann, der zu sehen sein wird. Der Darsteller ­ wenn es überhaupt einer ist ­ wird noch nicht mal im Abspann erwähnt. Dennoch spielen er und die Männer an sich eine allgegenwärtige Rolle hier ­ in den Köpfen, der Seele und im Herzen von "8 Frauen".

Für jene war Marcel das Familienoberhaupt. Als Gatte, Vater und Stiefvater, Schwiegersohn, Schwager, Bruder, Liebhaber und Arbeitgeber potenzieren sich in ihm allerdings auch nahezu alle patriarchalischen Positionen. Und dazu passt mit einem Augenzwinkern, dass hinter den Kulissen mit Francois Ozon ebenfalls ein Mann die Fäden zog. Denn nach dem Theaterstück von Robert Thomas eröffnet der französische Regisseur mit der Meucheltat einen köstlichen Zickenreigen, der zwar jenen männlichen Vorstellungen entspricht, die weibliches Verhalten prägen, in der Rivalität aber auch die heimliche Macht und Kraft der Frauen offen legt.

Zerlegt ihr Image als kühle Grande Dame: Catherine Deneuve (M.) als Witwe Gaby
Constantin Film

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Acht Frauen also, bravourös dargestellt von einigen der glamourösesten und bezauberndsten Schauspielerinnen Frankreichs. An Weihnachten irgendwann in den Fünfzigern treffen sie alle in Marcels Villa auf dem Lande ein. Die Gegend ist zugeschneit, das Telefonkabel zerschnitten, der Wagen sabotiert worden. Hilfe, Polizei oder gar Hercule Poirot können nicht verständigt werden. So harren sie im Wohnzimmer aus, rätseln und verdächtigen sich gegenseitig: Wer ist die Mörderin, was das Motiv? Nach und nach wird klar, dass jede in Frage kommt.

Catherine Deneuve spielt Marcels elegante und snobistische Ehefrau Gaby. Sie lebt von ihm getrennt, würde aber sein Vermögen erben. Dann stellt sich heraus, dass nur die Aktien ihrer Mutter Mamy (Danielle Darrieux), die mit im Haus lebt und im Rollstuhl sitzt, seine Firma vor der Pleite gerettet hätten. Gabys verhärmter, noch immer unverheirateter jüngerer Schwester Augustine (Isabelle Huppert) drohte Marcel stets mit Rausschmiss. Auch seine eigene Schwester Pierrette (Fanny Ardant), eine leichtlebige, süffisante Schönheit, ließ sich von ihm aushalten. Und das verführerisch-schnippische Dienstmädchen Louise (Emmanuelle Béart) hatte mit Marcel eine Affäre. Nur die pummelige schwarze Haushälterin Chanel (Firmine Richard) sowie die zwei Töchter Suzon (Virginie Ledoyen), eine süße Internatsschülerin mit Pferdeschwanz, und die burschikose Catherine (Ludivine Sagnier) scheinen zunächst ohne Makel zu sein. Doch auch bei ihnen kommt es noch ganz dicke, kein Geheimnis bleibt ungelüftet.

Darstellerin Ledoyen: Lolitahaft wie Audrey Hepburn
Constantin Film

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Jede gibt gerade so viel zu, was eine andere über sie auspetzt, um mit einer weiteren delikaten Enthüllung die Intrigen weiter zu drehen. So türmen sich mit steigendem Tempo und Wortwitz alle bekannten Gefühle, Laster und Mordgründe zu einem Karussell der Neurosen auf. Gier, Neid, Eifersucht, Narzissmus, Inzest, Abtreibung, lesbische Liebe - Gott wird sich die Ohren zu halten müssen. Und auch wenn der Plot an Agatha Christie erinnert, ist die kriminalistische Lösung ebenso nur eine Facette in einem prächtigen Referenzbogen wie in George Cukors "Die Frauen".

Das Dekor ist angelegt wie in Boulevardkomödien, manchmal glaubt man sogar das Knarren von Bühnenbrettern zu hören. Die Lieder, die jeder Charakter im Verlauf des Films anstimmt, verweisen auf die idyllisch-bürgerlichen Musikfilme. Die satten Farben gemahnen an die Melodramen von Douglas Sirk. Der possierlich drapierte Frost an den Fensterscheiben, durch den einmal voyeuristisch die Kamera lugt, zitiert Alfred Hitchcock. Der hatte sogar in den Siebzigern die Rechte an einem Skript von Thomas erworben, den Stoff aber nie umgesetzt. Und Ozon huldigt in allem seinem bisexuellen, von der Liebe besessenen Idol Rainer Werner Fassbinder, dessen "Tropfen auf heiße Steine" er verfilmt hatte.

Legt die heimliche Macht der Frauen offen: Regisseur Ozon
Constantin Film

Legt die heimliche Macht der Frauen offen: Regisseur Ozon

Sein Ensemble wiederum kostet es mit theatralischer Gestik und femininer Grandezza aus, die Klischees und klassischen Diven zu parodieren. Darrieux ist eine grantelnde Matrone, Sagnier das schmollende Kücken, Béart die devote Lust-Zofe und Richard gibt die Plantagenmutti am Küchenherd. Ledoyen wirkt so lolitahaft wie Audrey Hepburn, Huppert entspricht als frigide Jungfer den Figuren von Bette Davis wie in "Endstation Sehnsucht", Ardant streift sich frivol die Handschuhe ab wie Rita Hayworth in "Gilda" und Deneuve zerlegt ihr eigenes Image als kühle Grande Dame. Das ist kurzweiliger Sarkasmus, kunstvoll dirigiert, und irgendwie auch sehr komischer Cineasten-Trash.

"8 Frauen" ("8 Femmes"), Frankreich 2002. Regie/Drehbuch: François Ozon; Darsteller: Catherine Deneuve, Isabelle Huppert, Emanuelle Béart, Fanny Ardant, Virginie Ledoyen, Danielle Darrieux, Ludivine Sagnier, Firmine Richard; Produktion: Fidélité Productions, France 2 Cinéma, Canal Plus; Länge: 108 Minuten; Verleih: Constantin; Start: 11. Juli 2002



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