80. Oscar-Verleihung Zwei Brüder und ein Halleluja

Hollywood feiert sich selbst, aber große Überraschungen gab es bei den 80. Academy Awards nicht: Darsteller Daniel Day-Lewis garniert seine Karriere mit einem weiteren Oscar. Die Coen-Brüder festigen ihr Image als Wunderkinder Hollywoods. Und wer hatte das Nachsehen? George Clooney.


Ein Killer mit Mireille-Mathieu-Frisur? Will man so was sehen? Auf jeden Fall: In "No Country For Old Men" spielt der Spanier Javier Bardem diesen modisch und auch sonst schwer fehlgeleiteten Mörder mit so bedrohlicher Suggestivität, dass er dafür den Nebenrollen-Oscar bekam.

Auch bei den Königskategorien Bester Film, Beste Regie und Bestes adaptiertes Drehbuch setzte sich "No Country" durch. Joel und Ethan Coen, die Produzenten, Autoren und Regisseure des Films, profilieren sich mal wieder als Wunderkinder des amerikanischen Kinobetriebs.

"There Will be Blood", das andere hoch gehandelte Filmdrama, kann nur in einer Kategorie auftrumpfen: Daniel Day-Lewis spielt in P.T. Andersons Spätspätwestern einen teuflischen Kapitalisten, der sich im Lauf des Films alle emotionalen und sozialen Ressourcen abgräbt. Eine Paradenummer für den Schauspieler als Entselbstungsartisten und im Nachhinein ein Heimspiel für Lewis, der den Hauptrollen-Oscar erhielt.

Ein Verlierer im Wortsinn ist George Clooney: Den Hauptrollen-Oscar bekam der vor zwei Jahren als bester Nebendarsteller ausgezeichnete Hollywood-Star nicht. Dafür wurde Tilda Swinton, seine Filmpartnerin im Justiz-Thriller "Michael Clayton", als beste Nebendarstellerin gekürt. Sie schien genauso überrascht wie Marion Cotillard, die in "La vie en rose" als Edith Piaf die Academy überzeugte und einen Oscar als beste Hauptdarstellerin mit nach Hause nahm.

Der Auslands-Oscar ging an "Die Fälscher", die österreichische Produktion beweist erneut das dramatische Potential der Zeitgeschichte – und das große Gespür deutschsprachiger Regisseure, es kritisch zu aufzugreifen.

Beim Oscar für das beste Original-Drehbuch bewies die Academy Mut: Teenager-Schwangerschaften sind erst einmal kein Mainstream-Thema, gehören nun aber, mit dem von Diablo Cody geschriebenen "Juno", zum Kanon der modernen Kinostoffe.

Politische Einlassungen gab es bei diesen Oscars nicht. Umso besser, dass die brisante Dokumentation "Taxi to the Dark Side" den Preis gewann. Der Film über brutale Verhörmethoden der USA im sogenannten Krieg gegen Terroristen steht für die investigativen Möglichkeiten des Kinos. Man muss gar nicht in der Vergangenheit ("There Will Be Blood") oder in Romanvorlagen ("No Country for Old Men") graben, um schrecklichem ergreifende Stoffe zu finden.

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Die Preisträger im Überblick

Bester Film "No Country for Old Men"
Bester Hauptdarsteller Daniel Day-Lewis ("There Will Be Blood")
Beste Hauptdarstellerin Marion Cotillard ("La Vie en Rose")
Bester Nebendarsteller Javier Bardem ("No Country for Old Men")
Beste Nebendarstellerin Tilda Swinton ("Michael Clayton")
Bester Regisseur Joel Coen and Ethan Coen ("No Country for Old Men")
Bester fremdspachiger Film "Die Fälscher" (Österreich)
Bestes adaptiertes Drehbuch Joel Coen & Ethan Coen ("No Country for Old Men")
Bestes Originaldrehbuch Diablo Cody ("Juno")
Bester animierter Spielfilm "Ratatouille"
Beste Art Direction "Sweeney Todd"
Beste Kamera "There Will Be Blood"
Bester Ton "Das Bourne Ultimatum"
Bester Tonschnitt "Das Bourne Ultimatum"
Beste Filmmusik "Atonement" - Dario Marianelli
Bester Song "Falling Slowly" aus "Once" (Glen Hansard and Marketa Irglova)
Bestes Kostümdesign "Elizabeth: The Golden Age"
Bester Dokumentarfilm (lang) "Taxi to the Dark Side"
Bester Dokumentarfilm (kurz) "Freeheld"
Bester Filmschnitt "The Bourne Ultimatum"
Bestes Make-Up "La Vie en Rose"
Bester animierter Kurzfilm "Peter & the Wolf"
Bester Kurzfilm "Le Mozart des Pickpockets"
Beste visuelle Effekte "The Golden Compass"
Honorary Award Robert Boyle



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