Sonntag, 22. November 2009

Kultur



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31.01.2001
 

Interview mit Robert Redford

"Sex ist okay"

Von Nina Rehfeld

Robert Redford, 63, legt mit "Die Legende von Bagger Vance" seine sechste Regiearbeit vor. Mit SPIEGEL ONLINE spricht er über seine wüste Jugend, sein Image als Sexsymbol und sein nächstes Filmprojekt über Ché Guevara.

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Redford, hatten Sie keine Angst, mit einem Golf-Film das Publikum zu vergraulen?

Robert Redford in München: "Zu viele Mc Donald's"
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DPA

Robert Redford in München: "Zu viele Mc Donald's"

Robert Redford: Der Film handelt nicht vom Golfen, sondern von einer spirituellen Reise. Das interessiert mich, weil die Kräfte, die dem Individuum entgegenwirken, oft von so ungeheurer Wucht sind. Und ich fand immer schon, dass Golf eine wunderbare Metapher fürs Leben ist. Über die Strecke dieser 18 Löcher begegnet einem so ziemlich jedes Element, dem man sich auch im echten Leben stellen muss: Qual, Glück, Furcht, Wut. Dazu ist man der Natur ausgeliefert, und man kann das Spiel nur begrenzt kontrollieren. Es besitzt also einen geradezu mythischen Aspekt, und das hat mich sehr angesprochen.

SPIEGEL ONLINE: Ursprünglich wollten Sie den Film mit sich selbst, Morgan Freeman und Jack Nicholson in den Hauptrollen drehen. Warum haben Sie's am Ende sein lassen?

Redford: Ich fand es am Ende interessanter, die Tragödie eines jungen Mannes zu zeigen, dessen Unschuld und Lebensmut zerstört werden.

SPIEGEL ONLINE: Auch der amerikanische Süden der dreißiger Jahre erfährt hier eine mythische Verklärung - die Vergangenheit als besserer, ursprünglicherer Ort. Leisten Sie sich die Sentimentalität des Alters?

Redford: Sentimentalität ist das falsche Wort, aber ich fühle schon eine gewisse Nostalgie für das, was uns verloren gegangen ist. Momentan drehe ich mit Tony Scott "The Spy Game", einen Film, der sich mit CIA-Operationen in Berlin, Vietnam und Beirut in den siebziger und achtziger Jahren beschäftigt. Ich hatte mich besonders auf den Dreh in Berlin gefreut. Aber wir konnten dort nicht drehen, weil Berlin nicht mehr wie Berlin aussieht. Zu viele Mc Donald's. Genau das interessiert mich: was uns auf unserem Streben nach Forschritt verloren geht. Streben wir nur um des Strebens Willen, oder denken wir auch darüber nach, was dabei auf der Strecke bleibt?

SPIEGEL ONLINE: Ihre eigene Vergangenheit umfasst eine ziemlich wilde Jugend. Blicken Sie auch darauf nostalgisch zurück?

Redford: Ich war damals sehr unzufrieden mit meiner Jugend. Ich hatte einen Heidenspaß, aber ich hatte ständig Ärger, fand mich dauernd auf der falschen Seite wieder. Dann merkte ich, dass es sehr kraftraubend war und dass ich mich einfach langweilte. Ich fühlte mich wie in einem tiefen Schlaf. Ich schlug die Zeit tot, indem ich mich mit ungesunden Dingen amüsierte.

SPIEGEL ONLINE: Nach einem verspielten Baseball-Stipendium sind Sie nach Europa gegangen. Wie stark haben Sie diese frühen Erfahrungen geprägt?

Redford: Ich kam nach Europa, um Kunst zu studieren, da war ich gerade 18, sehr jung. Ich war politisch total blauäugig, absolut unbewandert in kulturellen Dingen, das genaue Gegenteil von weltgewandt. Ich war in den USA dazu erzogen worden zu glauben, Geld sei das Wichtigste und alles sei gut. Und dann geriet ich plötzlich unter politisch sehr aufgeweckte Studenten, die mich zur Haltung der USA in der Suezkrise und zum Ungarn-Aufstand befragten. Ich hatte keine Ahnung, und das war sehr peinlich. Also fing ich an zu lesen und eine politische Perspektive auf mein Land zu entwickeln - von außerhalb. Ich weiß noch, wie ich später nach Hause zurückkam und meine Eindrücke mit meinen Freunden teilen wollte. Aber alles, was sie interessierte war: Wie war das Essen? Und wie waren die Frauen? Das war eine Riesenenttäuschung für mich, und es hat mich sehr wütend gemacht. Das war der Punkt, an dem ich anfing, anders zu denken.

SPIEGEL ONLINE: Ihr politischer Standpunkt hat sich 20 Jahre später in der Gründung des Sundance Institute niedergeschlagen...

Redford-Film "Die Legende von Bagger Vance": "geradezu mythischer Aspekt"
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AP

Redford-Film "Die Legende von Bagger Vance": "geradezu mythischer Aspekt"

Redford: Ja. Anfang der Achtziger war abzusehen, dass sich Hollywood immer mehr ausschließlich auf die kommerzielle Verwertung seiner Produkte konzentrieren würde. Was völlig in Ordnung ist - bis zu dem Punkt, wo dies auf Kosten anderer Filmideen geschieht. Ich habe immer an den unabhängigen Film geglaubt und fand es wichtig, jungen Künstlern ein Forum zu bieten. Ich initiierte also auf meinem Land in Utah einen Workshop, das Sundance Institute. 1985 machten wir das Sundance Film Festival daraus. Ich hätte nie gedacht, dass es einmal so angesagt sein würde.

SPIEGEL ONLINE: In dem Jahr, als Sie Sundance gründeten, legten Sie mit "Ordinary People" auch Ihre erste Regiearbeit vor. Warum sind Sie Regisseur geworden?

Redford: Weil ich als Schauspieler immer ungeduldiger, frustrierter, kritischer wurde. Ich hatte ja schon seit 1969 Filme produziert, aber plötzlich ging mir auf, dass ich die ganze Sache von vorne bis hinten selbst in die Hand nehmen wollte. Ich wollte wie ein Maler vor einer weißen Leinwand sein: Der Maler ist sich selbst verantwortlich. Was mich sehr erstaunte, war dass ich ja mal als Künstler angefangen hatte und immer dachte, das sei unwiederbringlich vorbei. Tatsächlich manifestierten sich dann aber beim Regieführen meine Erfahrungen als Künstler und als Darsteller. Es kam etwas zusammen, anstatt dass ich etwas verlor, und das war sehr aufregend.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihre Selbstwahrnehmung als Künstler - nicht als Star - ein Grund, warum Sie Hollywood meiden?

Redford: Ich habe Hollywood ja nicht verlassen, ich hatte nur das Gefühl, immer stärker gegen diese Beschränkung auf mein Star-Dasein ankämpfen zu müssen. Ich war überrascht, wie hart ich daran arbeiten musste, meine Balance in diesem System beizubehalten, das sich vor allem mit Fragen der Kosmetik beschäftigt.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Image als Sexsymbol geht Ihnen gegen den Strich?

Redford: Ich muss zugeben, es stört mich nicht wirklich. Ich werde kaum darum bitten, dass man mich nicht als gutaussehend bezeichnet. Aber in den USA nimmt die Besessenheit mit dem Aussehen ja inzwischen groteske Züge an. Wobei ich natürlich sagen muss: Sex ist okay!

SPIEGEL ONLINE: An der Seite eines weiteren Sexsymbols, Paul Newman, haben Sie Ihre größten Erfolge gefeiert. Warum haben Sie nach "Butch Cassidy And The Sundance Kid" und "The Sting" nie wieder zusammengearbeitet?

Redford: Jedenfalls nicht, weil wir es nicht gewollt hätten. Wir sind gute Freunde. Aber wir haben auch einen sehr entschiedenen Standpunkt, was Drehbücher angeht. Es wäre ein Fehler, einen gemeinsamen Film zu drehen, nur weil wir gute Freunde sind, oder weil die anderen beiden kommerzielle Erfolge waren. Ich bin erstaunt, aber seither gab es schlicht kein Skript für uns. Aber wir würden schon gern noch einmal zusammenarbeiten, bevor es zu spät ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind jetzt 63. Wie gehen Sie mit dem Altern um?

Redford: Umgehen? Ich habe nicht viel Wahl, es ist einfach da, jeden Tag. Für mich ist Altern natürlich, da müssen wir alle durch. Ich habe kein Problem damit, auch nicht bei Frauen übrigens. Mir gefällt es, wie sich Frauen mit dem Alter entwickeln. In Amerika sind Frauen derart besessen von Schönheit und Jugend, aber mit dem Alter wächst auch die Erfahrung. Und Erfahrung besitzt für mich eine ganz besondere Schönheit.

SPIEGEL ONLINE: Als nächstes produzieren Sie mit "The Motorcycle Diaries" einen Film über die Jugendjahre Ché Guevaras. Was interessiert Sie in diesen unpolitischen Zeiten daran?

Redford: Wir kennen die politische Einstellung von Ché Guevara. Ich werde da nichts Neues enthüllen. Aber ich möchte wissen, wie die Entwicklung dieses intelligenten Mannes und ausgebildeten Arztes zu einem derart extremen politischen Aktivismus führte. Zumal er sich damals auf einem Motorrad fortbewegte...

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