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Horrorschocker "The Strangers": Terror ante Portas

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Kondensierter Horror, der Protagonisten wie Zuschauer atemlos vor sich hertreibt - Der Gruselfilm "The Strangers" ist großes Genre-Kino voller subtiler Grausamkeiten und visueller Verweise. Ärgerlich allein: Die Bedeutungshuberei am Schluss hätte Regisseur Bryan Bertino sich sparen können.

Horrorfilme müssen den Status Quo unserer Welt in Frage stellen: So kann das Genre eine revolutionäre – mal auch reaktionäre – Stoßrichtung haben, moralische Anklagen führen oder sich gar zum sozialkritischen Kommentar aufschwingen. Mithin am aufregendsten sind jedoch Horrorfilme, die zuvorderst auf eine ganz unmittelbare Verunsicherung ihres Publikums zielen. Dazu gehört "The Strangers", und in Sachen schierer Panikmache ist das Debüt von Autor und Regisseur Bryan Bertino fast bis zum Schluss ein Musterbeispiel für Reduktion und Effektivität.

Nur knappe 85 Minuten braucht der basale Schocker, um seinen Beitrag zur Demontage vermeintlicher Gewissheiten zu leisten. Ausgangspunkt ist eine der alltäglichsten Zivilisationsängste: Die Furcht, dass die eigenen vier Wände nicht mehr vor Unheil schützen können.

Doch zunächst haben Kristen McKay (Liv Tyler) und James Hoyt (Scott Speedman) andere Sorgen, als sie nach einer Hochzeitsfeier in ihrem abgelegenen Ferienhaus ankommen. Das Paar, dies enthüllen knappe Rückblenden, ist an diesem Abend in eine dramatische Beziehungskrise geraten, nachdem Kristen den Heiratsantrag ihres Freundes wider Erwarten abgelehnt hat. Umso deplazierter wirkt nun die romantische Kulisse aus Kerzen, Champagner und Rosenblättern, die der enttäuschte James als Überraschung in dem heimeligen Häuschen hochgezogen hat.

Zu zarten Folkklängen vom Plattenspieler mühen sich beide in ratloser Trauerarbeit aus betretenem Schweigen und ebenso unglücklichen Sex, als mitten in der tiefsten Nacht ein Klopfen an der Tür ertönt: Vor dem Hauseingang steht eine nur schemenhaft zu erkennende junge Frau, die schleppend fragt: "Is Tamara home?" Konsterniert erklärt ihr James, dass hier keine Tamara wohne. Schließlich gleitet sie zurück ins Dunkel, nicht ohne vorher bedeutungsschwer zu säuseln "See you later."

Derlei Versprechen will man um vier Uhr morgens auf keinen Fall von ungebetenen Gästen in der Einöde hören. Schon gar nicht, wenn sie wenig später wahr gemacht werden.

Fratzen am Fenster - atonaler Soundtrack im Ohr

Denn natürlich war das Missverständnis an der Haustür nur der Antrittsbesuch der titelgebenden Fremden. Es markiert zugleich den Auftakt zu einer Stunde hoch kondensierten Horrors, der den Zuschauer ebenso atemlos vor sich hertreibt wie die heimgesuchten Kristen und James. Dabei überzeugt vor allem die grundsätzliche Ökonomie des Schreckens: Ein klar definierter, stimmiger Ort des Geschehens, drei namenlose, maskierte Gestalten – zwei Frauen und ein Mann – und ein glaubhaftes Paar in Gefahr.

So spartanisch sich Bertinos Film in seinen Grundrissen gibt, so kunstvoll schmückt er die Standards des Genres aus. Fratzen tauchen unvermittelt vor Fenstern auf, Telefone stellen sich wie so oft tot und enervierende Geräusche künden von nahender Bedrohung. Dazu sägt der atonale Soundtrack von Tomandanady – die schon Alexandre Ajas "The Hills Have Eyes"-Remake sphärisch zerklüfteten – an den strapazierten Nerven, perfide konterkariert durch sinnig eingestreute Songs von Neo-Folkgrößen wie Wilco oder Joanna Newsom

Erst mit subtiler Grausamkeit, dann mit zunehmender Vehemenz bedrängen die "Strangers" Kirsten und James. Aber spätestens als eine Axt brutal durch die Tür in den Bildausschnitt geschlagen wird wie weiland in Stanley Kubricks "Shining" (1980) ist klar, dass es sich nicht bloß um einen übel eskalierten Klingelstreich handelt.

Die visuellen Verweise aus dem Fundus des Slasherkanons sind ohnehin Legion: Die starren Puppenmasken der weiblichen Freizeitterroristen erinnern an "Alice, Sweet, Alice" (1976), die verstörende Leinensackmaskerade des männlichen Täters wiederum an "Friday the Thirteenth Part 2" (1981), und über allem schwebt gleich einem unheiligen Schutzpatron John Carpenters "Halloween" (1978), aus dem beileibe nicht nur eine klaustrophobe Kleiderschrankszene entliehen ist.

Ein Horrorfilm fremdelt mit sich selbst

Diese offensichtlichen Zitate werden indes wie eine Drogendosis konsequent auf ihre Quintessenz heruntergekocht, so dass kein Bilderraten den Adrenalinrausch stört. Entscheidend für die nachhaltige Wirkung ist daneben die Tatsache, dass Liv Tyler und Scott Speedman als zutiefst sympathisches, ja anrührendes Paar jede Anteilnahme im Überlebenskampf verdienen.

Umso ärgerlicher ist der gleichsam zynische wie ungelenke Ausweg, den Bryan Bertino für sie in seiner sonst so stilsicheren Fingerübung bereithält: Als traue er der puren, kinetischen Wucht einer schnörkellosen Horrorfiktion nicht über den Weg, verpasst er seinem Film eine pompöse Erzählklammer. Die wartet anfangs mit einer markig aus dem Off gebrummelten Verbrechenstatistik auf und endet mit einer nihilistischen Note, die krude Exploitation und nur halbverstandenes Soziologieseminar auf fatale Weise vermengt.

Nur soviel sei dazu gesagt: Michael Hanekes "Funny Games" hatte als medienkritische Reflexion über willkürliche Gewalt seine absolute Berechtigung. Aber Bertinos Versuch, im blutigen Finale seinen sonst auf explizite Gewaltdarstellungen verzichtenden Genrefilm als Haneke ohne intellektuellen Überbau zu verkaufen, misslingt – und das nicht nur, weil bereits ein Sequel angekündigt wird.

Der vulgärkulturpessimistische Exkurs am Ende wirkt schlicht aufgesetzt, und während die "Strangers" als stumme Kinochiffren so gut funktionieren, ist ihr bedeutungshubernder Abgang ebenso unappetitlich wie der Verrat an den beiden Protagonisten herzlos.

Hätte Bertino es doch wie sein Kollege Nimrod Antal gehalten, der in seinem cleveren, verblüffend ähnlich strukturierten "Motel" (2007) ein argloses Paar, gespielt von Kate Beckinsale und Luke Wilson, gegen mordlustige Herbergsbetreiber antreten ließ. Antals detailverliebte Hommage an "Psycho" war reines, haarsträubendes und nicht zuletzt unterhaltsames Gruselkino ohne schlechtes Gewissen.

"The Strangers" ist zwar ungleich spannender, doch offenbar bekommt er auf den letzten Metern Angst vor der eigenen Courage, nur ein virtuoser Genrebeitrag sein zu wollen. Das fehlende Vertrauen in die eigenen Stärken ist bedauerlich: Denn mit ihm hätte "The Strangers" durchaus das Potential, den Status Quo des Horrorfilms in Frage zu stellen.

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"The Stangers": Quintessenz des Schreckens


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