Rache-Thriller "A Beautiful Day" Was von einem Leben übrig bleibt

Der Film der Woche: Als Auftragskiller mit Hammer schlägt Joaquin Phoenix in Lynne Ramsays brutalem Meisterwerk "A Beautiful Day" alles kurz und klein - außer seinen eigenen Traumata.

Constantin

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Keine Begrüßung, keine Verabschiedung. Nur die Worte "It's done" gibt Joe durch, wenn er seinen Auftrag erfüllt hat. Das heißt dann, dass er ohne Zwischenfälle ein Haus ausgekundschaftet hat, in dem ein Mädchen von reichen Pädophilen missbraucht wird, die Security überwunden hat, mit einem Hammer alle Menschen, die sich ihm in den Weg gestellt haben, totgeschlagen hat, das Mädchen befreit hat und aus der Stadt verschwunden ist, bevor jemand etwas von seinem Einsatz mitbekommen hat.

Genauso wie Joe geht Lynne Ramsay in ihrem Film "A Beautiful Day" vor. Keine Begrüßung, keine Verabschiedung, die Geschichte geht sofort los und endet abrupt, jeder Handgriff ist mit brutaler Perfektion ausgeführt, kein Bild stört als zu viel. Ein Meisterwerk des Genrekinos - it's done.

Lange Zeit war Lynne Ramsay ein großes Versprechen. Beeindruckend war der Schottin ihr Debütfilm "Ratcatcher" (1999) gelungen. Die Geschichte eines Jungen, der im Glasgow der Siebzigerjahre aufwächst, mehr Slum als Stadt, voller Ratten, die sich durch den Streik der Müllabfuhr ausbreiten, assoziativ und dicht zugleich erzählt.

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"A Beautiful Day": Ein Retter, der nicht zu retten ist

Es folgten "Movern Callar" (2002) und "We Need to Talk About Kevin" (2011), zwei viel beachtete Literaturverfilmungen, die sich durch Ramsays eigenwilligen Zugriff auf die Buchstoffe auszeichneten, mit außergewöhnlichen Schauspielerinnen (Samantha Morton bzw. Tilda Swinton) in den Hauptrollen, jeweils mit vielen Preisen bedacht.

Hilflos angesichts der Brutalität

Doch etwas fehlte in diesen Filmen. Ihre expressiven Bilder wollten sich nicht zusammenfügen. Der Geschichte der Supermarktkassiererin Movern Callar, die sich auf verstörende Weise an ihrem geltungssüchtigen Freund rächt, ging die fein-verdrehte Psychologie der Buchvorlage ab. Ebenso unvermittelt standen der jugendliche Amokläufer Kevin und seine hilflose Mutter, die sich seiner Brutalität nicht erwehren kann, einander gegenüber.

Bei "A Beautiful Day" scheint nun wieder alles gleich zu sein. Wieder hat Ramsay eine Literaturvorlage adaptiert, diesmal einen Roman von Jonathan Rames, wieder ist mit Joaquin Phoenix die Art von fast schon überpräsenten Schauspielern, wie sie Ramsay so mag, dabei. Und doch ist hier alles anders, löst Ramsay hier endlich ihr vor bald zwanzig Jahren gemachtes Versprechen ein. Denn in ihrem ersten Genrefilm füllen die Erzählkonventionen des Thrillers die Lücken, die sich sonst zwischen ihren Bildern auftun, und verleihen dem Film eine Kompaktheit, die weit aus dem aktuellen Filmschaffen herausragt.


"A Beautiful Day"
Originaltitel: "You Were Never Really Here"
UK/F/USA 2017
Regie: Lynne Ramsay
Drehbuch: Lynne Ramsay nach dem Roman von Jonathan Ames
Darsteller: Joaquin Phoenix, Ekaterina Samsonov, Judith Roberts, Frank Pando, Alex Manette, John Doman
Produktion: Why Not Productions, Film4, BFI Production Board
Verleih: Constantin
FSK: ab 16 Jahren
Länge: 89 Minuten
Start: 26. April 2018


Parallel treibt Ramsay die Erzählung von Joes neuestem Einsatz und seiner Lebensgeschichte voran. Hier der Auftrag vom New Yorker Senator Albert Votto (Alex Manette), seine dreizehnjährige Tochter Nina (Ekaterina Samsonov) aus der Zwangsprostitution zu befreien. Dort Joe als kleiner Junge, der sich von panischer Angst ergriffen in seinem Kleiderschrank versteckt.

Hier Joes Einmarsch in das Pädophilen-Bordell mit Toten in jedem Winkel, den die Überwachungskameras erfassen können. Dort Joes Stationierung als US-Soldat in der Wüste, wahrscheinlich in Irak. Zunächst nur als rätselhafte Einsprengsel montiert, erklären sich die Bilder aus Joes Vergangenheit alsbald und verbinden sich mit denen aus der Gegenwart zu einer Erzählung über Traumata und das, was sie von einem Leben übrig lassen können.

Lynne Ramsay bei der Preisverleihung in Cannes 2017
AFP

Lynne Ramsay bei der Preisverleihung in Cannes 2017

"You Were Never Really Here" heißt die Buchvorlage und lautet der Originaltitel, unter dem der Film Premiere 2017 in Cannes feierte und sowohl für den besten Darsteller als auch das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde. Er passt so viel besser als der pseudoironische deutsche Titel. Denn wenn man erst verstanden hat, wie Joe zu dem gekommen ist, was er nun macht, warum er mit einem Hammer tötet und sich selbst zu ersticken versucht, dann fragt man sich, ob sein Leben jemals begonnen hat oder ob es von Anfang an verwirkt war.

Schmerzhaft versehrt

Joaquin Phoenix scheint eine allzu naheliegende Besetzung für Joe zu sein. Seine Bereitschaft, körperlich extrem herausfordernde Rollen zu übernehmen, ist hinreichend bekannt und manchmal etwas, auf das Regisseure aus Bequemlichkeit zurückgreifen, wenn sie schnell und umstandslos Intensität erzeugen wollen.

Auch in "A Beautiful Day" muss Phoenix weniger spielen als seinen schmerzhaft versehrten Körper herzeigen, die verdrehte Schulter, die zahllosen Narben, den struppigen Bart, hinter dem sich sein Gesicht zu verstecken scheint. Das alles wird von Ramsay und ihrem Kameramann Thomas Townend wirkungsvoll in Szene gesetzt. Doch sie ergänzen dies mit Momenten, in denen in Phoenix' kleinen, hellen Augen plötzlich etwas aufblitzt. Angst, Fürsorge, Wut, meistens eine Mischung aus allen dreien.

Sie habe in ihm ihren Seelenverwandten im Kino gefunden, hat Ramsay über Joaquin Phoenix verlautbart. Es ist das Versöhnlichste, was sich zu diesem Film sagen lässt, an dem nichts versöhnlich ist, an dem aber alles stimmt.

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