Erotikthriller "A Bigger Splash" So liebt und stirbt man 2016

Tilda Swinton und Ralph Fiennes statt Romy Schneider und Alain Delon: Der Sommer-Thriller "A Bigger Splash" ist ein kongeniales Update des erotischen Filmklassikers "Der Swimmingpool".

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Zuerst dippst du den Fuß
Dann lässt du dich fallen
Leg die Maske an für den Fiaskoball

(aus dem Song "Plansch" von Bilderbuch, 2014)

Sonne, Autofahrt, Strand, Badetuch ausbreiten, eincremen, hoch gucken, Flugzeug im Anflug. Kamera und Schnitt nehmen vorweg, was sich für Rockstar Marianne (Tilda Swinton) und ihren jüngeren Freund Paul (Matthias Schoenaerts) schon bald erweisen wird: Ihr Urlaub auf der italienischen Insel Pantelleria wird kein ruhiger sein.

Prompt klingelt das Handy. Mariannes Ex-Freund Harry (Ralph Fiennes) kündigt sich an, im Schlepptau Tochter Penny (Dakota Johnson), von deren Existenz der umtriebige Harry selbst bis vor Kurzem nichts wusste.

Den groben Eckpunkten der Geschichte nach ist "A Bigger Splash" von Luca Guadagnino (Regie) und David Kajganich (Buch) ein Remake von Jacques Derays "Der Swimmingpool" von 1969. Damals spielten Romy Schneider und Alain Delon das Paar, das von Vater (Maurice Ronet) und Tochter (Jane Birkin) im Sommerurlaub gestört wird. Schon im Vorfeld sorgte der Originalfilm für Geraune, da er das ehemalige Paar Delon und Schneider auf der Leinwand wiedervereinigte.

Romy Schneider und Alain Delon in "Der Swimmingpool" (1969)
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Romy Schneider und Alain Delon in "Der Swimmingpool" (1969)

Der fertiggestellte Film machte Schneider schließlich zum internationalen Star: Mit der undurchsichtigen Marianne, die dem Flirt ihres Mannes mit der jugendlichen Tochter ihrer Ex-Affäre scheinbar unbeteiligt beiwohnt, ließ Schneider die junge Kaiserin endgültig hinter sich und empfahl sich für Rollen wie in Zulawskis "Nachtblende", die sie wenig später zu den Unsterblichen des europäischen Autorenkinos machen sollten.

Einen derartigen star making turn hat Guadagninos "A Bigger Splash" nicht zu bieten. Seine Hauptdarsteller Fiennes und Swinton sind seit Jahrzehnten international etablierte Stars, selbst Newcomerin Dakota Johnson hat mit "50 Shades of Grey" schon einen Blockbuster im Lebenslauf aufzuweisen. Bei "A Bigger Splash" geht es aber auch nicht ums Neu-, sondern ums Wiederentdecken. Wie bei kaum einem Remake der jüngeren Zeit sonst lohnt sich der Abgleich mit dem Original, denn er fällt zum Vorteil des neuen Films aus, ohne den alten zu schmälern.

Blaues Flair vergießt sich über dich
Du verschüttest viel zu viel versehentlich
Dein Auge zittert
Dein Auge zittert wie die Sonne im weiten Meer

Die wichtigsten Entscheidungen hat Guadagnino ("Ich bin die Liebe") im Vorfeld mit dem Casting getroffen. Mit Tilda Swinton als David-Bowie-hafter Rocksängerin setzt er nicht nur eine Frauenfigur ein, die im Gegensatz zu Schneiders ambitionsloser Marianne stark über ihren Beruf und ihren Erfolg darin definiert ist - er verschiebt auch die libidinösen Gewichte weg von der klassischen Filmstar-Erotik hin zur lässigen Androgynie.

Nur folgerichtig muss an Swintons Seite auch ein Mann neuen Typs stehen: Matthias Schoenaerts ("Am Rande der grünen Welt") ist seit Jahren Europas Darsteller Nummer eins, wenn es um zerrissene Männlichkeit geht. Auch hier ergeben sein imposanter Körper und seine ängstlichen Augen eine sensationell volatile Mischung, die einen beständig rätseln lässt, ob sein Paul als nächstes zum Weinkrampf oder zum Amoklauf ansetzt.

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"A Bigger Splash": Plansch!

Wie er auf die durchsichtigen Flirtversuche von Dakota Johnsons Penny reagiert, ist deshalb nicht ausgemacht. Im Vergleich zu Jane Birkin hat Johnson deutlich mehr zu spielen und zu sagen, nicht zuletzt dank der klugen Drehbuchentscheidung, Vater und Tochter in einigen zusätzlichen, verstörend zweideutigen Szenen zu präsentieren und hinter ihr Verhältnis ein großes Fragezeichen zu platzieren. Über die Rolle des klassischen Früchtchens kommt das in der Summe aber doch nicht hinaus.

Ralph Fiennes bestätigt schließlich, was schon in "Grand Budapest Hotel" evident war: Der Meister dramatischer Liebesfilme wie "Der englische Patient" ist auch einer der größten Komödianten unserer Zeit. Sein Harry versucht wie einst das Vorbild von 1969, mit rasantem Auto und High-Society-Kontakten zu beeindrucken. Sogar sein Job ist derselbe geblieben, er arbeitet in der Plattenindustrie.

Aber 2016 lesen sich Branche und Statussymbole deutlich anders: Harrys beste Zeiten sind schmerzhaft deutlich vorbei. Ein Umstand, den Fiennes mit anrührender Komik zu spielen versteht. Dauernd reißt er sich die Kleider vom Leib und springt mit viel Gespritze in den Pool von Mariannes und Pauls Feriendomizil. "A Bigger Splash" - das ist ein Gemälde von David Hockney, das ist aber auch das noch lautere Getöse, mit dem Fiennes als Harry verzweifelt um die Aufmerksamkeit seiner verflossenen Liebe Marianne wirbt.

Wenn du Angst vor der Zukunft hast, kauf dir einen Pool
Wenn du alles hast, kauf noch einen Pool
Wenn du zu viel Geld hast, schmeiß es in den Pool
Wenn du alles hast, ersauf dich im Pool

Diese charismatische Figuren- und Darstellerkonstellation lässt "A Bigger Splash" deutlich rasanter starten als seinen Vorgängerfilm. Während "Der Swimmingpool" die längste Zeit auf statische Erotik setzt und erst mit einem unerwarteten Todesfall an Fahrt gewinnt, verhält es sich hier umgekehrt: Erst sorgen die dynamisierten Geschlechterverhältnisse für jede Menge Wirbel, dann drosselt der Kriminalfall das Tempo.

Zudem will Guadagnino den Swimmingpool noch weiter metaphorisch aufladen. Er soll nicht nur Schauplatz amouröser Inszenierung sein, Auffangbecken für Emotionen und Verlangen sowie Todesstätte für eine der Hauptfiguren, sondern auch Sinnbild für Europas verblendete Dekadenz. Denn während sich Marianne und ihre Gäste im gut abgesicherten Pool vergnügen, kämpfen Flüchtlinge gegen die Wassermassen des Mittelmeers an, um auf die Urlaubsinsel zu gelangen. Dort sind sie fortan als Gruppe präsent, ohne jemals mehr als diffuse Mahnung an die weltpolitischen Umstände zu sein.

Es ist die einzige Re-Kontextualisierung, die Guadagnino nicht stilsicher gelingt. Insgesamt überzeugt "A Bigger Splash" jedoch mit seinem Update von Zeitgeist, Moral und Ästhetik des Originals. Mehr noch, der Film macht neugierig auf das nächste Remake: In welcher Konstellation Paul, Marianne, Penny und Harry wohl in nochmals 46 Jahren aufeinander treffen? Kein kleiner Triumph für ein Unterfangen, das sich auf dem Papier wie das uninspirierte Recycling eines klassischen Filmstoffs ausnimmt. Luca Guadagnino - so ein frecher Beckenverdrecker.

Im Video: Der Trailer zu "A Bigger Splash"

"A Bigger Splash"

    Italien/Frankreich 2015

    Regie: Luca Guadagnino

    Drehbuch: David Kajganich nach der Vorlage von Alain Page

    Darsteller: Tilda Swinton, Matthias Schoenaerts, Ralph Fiennes, Dakota Johnson

    Produktion: Frenesy Film Company et al.

    Verleih: StudioCanal

    Länge: 124 Minuten

    Start: 5. Mai 2016

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
MerlinXX 04.05.2016
1. Hmmm
Da der Artikel insgesamt so positiv ist müsste der letzte Satz wohl "Ein kleiner Triumph für ein Unterfangen, das sich auf dem Papier wie das uninspirierte Recycling eines klassischen Filmstoffs ausnimmt. Luca Guadagnino - so ein frecher Beckenverdrecker." lauten und nicht "Kein kleiner Triumph für ein Unterfangen, das sich auf dem Papier wie das uninspirierte Recycling eines klassischen Filmstoffs ausnimmt. Luca Guadagnino - so ein frecher Beckenverdrecker." - oder?
freddykrüger 04.05.2016
2. ???
Ein Erotikthriller mit Tilda Swinton? Ist das nicht ein Widerspruch in sich?
hilde_b 04.05.2016
3. Erotik
und Tilda Swinton schliessen sich keineswegs aus...z. B.Young Adam (T.S. und Ewan McGregor) ;-)
NoBrainNoPain 05.05.2016
4. Nicht das erste Remake
Das es schon ein geniales Remake mit Charlotte Rampling von Francois Ozon gibt, wird leider nicht erwähnt. Wäre ein interessanter Vergleich gewesen.
sekundo 05.05.2016
5. Stellen Sie sich einfach vor,
Zitat von freddykrügerEin Erotikthriller mit Tilda Swinton? Ist das nicht ein Widerspruch in sich?
Tilda Swinton trägt in einer Szene eine schwarze Lederkutte mit einem Lemmy-Portrait auf dem Rücken! Ich wette, da beginnt auch bei Ihnen das Kopfkino.
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