Griechischer Film "A Blast" All die aufgestaute Wut

Der griechische Film "A Blast" ist eine giftige Abrechnung mit der Elterngeneration, die das Land in die Krise gestürzt hat. Eine neue Dimension, die in den deutschen Medien kaum auftaucht.


Da sind sie ja, die faulen Griechen! Mama macht seit Jahren mit ihrem Lebensmittelladen Schulden und zahlt keine Steuern. Das eine Töchterchen ist hässlich und hysterisch, denkt nur an Sex und heiratet einen hässlichen, rechtsradikalen Müllmann. Das andere ist schön und hysterisch, denkt nur an Sex und heiratet einen schönen Seemann. Als die Krise kommt, schraubt sich die Hysterie der Damen in schrille Panik, die die heilige Familie in Stücke reißt. Und Papa schaut dem irren Treiben traurig und tatenlos zu, so wie all die Jahre schon.

Es ist ein familiärer Albtraum, den der griechische Regisseur Syllas Tzoumerkas, 37, in seinem zweiten Film heraufbeschwört. Wie schon in seinem Debüt "Homeland" (2010) betrachtet er die Krise, die Griechenland seit 2008 schüttelt, durch das Prisma der Familie - jene Institution, die bisher über das Leben eines jedes Griechen bestimmte und nie in Frage gestellt wurde. "Um zu verstehen, was in Griechenland in den letzten 20 Jahren passiert ist, muss man die Mentalität innerhalb der Familien verstehen", sagt der Filmemacher. "Schließlich sind das die Menschen, die entscheiden, die wählen gehen. Geschichte entsteht durch ihre Handlungen."

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"A Blast - Ausbruch": Leben und Land in Schutt und Asche
Handlungen, die bei den jungen Griechen ganz offensichtlich vor allem einen immensen Wutstau entstehen ließen. "A Blast" ist eine giftige Abrechnung mit den Eltern, eine radikale Attacke auf die Generation, die durch ihr Verhalten die derzeitige Krise erst entstehen ließ. Aber hier kommt niemand ungeschoren davon. Auch nicht Tzoumerkas' eigene Generation, die in blinder Egomanie und überwältigender Ratlosigkeit durch das Leben stolpert und, wo sie auch hinkommt, verbrannte Erde hinterlässt.

Ein Feuer, das alles reinigt

Das glühende Zentrum dieses Fegefeuers der Eitelkeiten ist Maria (Angeliki Papoulia). Eigentlich wollte sie in Athen studieren, aber dann verliebte sie sich Hals über Kopf in den Matrosen Yannis (Basile Doganis) und bekam mit ihm drei Kinder. Jetzt, mit Anfang 30, steht sie vor den Trümmern ihrer Existenz. Die Ehe scheitert, weil Yannis immer auf See ist. Die Schulden ihrer Eltern werden Maria bis an das Ende ihres Lebens drücken. Ihre Schwester Gogo (Maria Filini) ist nur mit sich selbst beschäftigt. Das große Elternhaus, das Ferienhaus, der Geländewagen: Ausstattungsstücke eines Lebens, das nicht mehr ihr gehört. Maria sieht nur noch einen radikalen Ausweg. Es muss eine Explosion geben, ein Feuer, das alles reinigt.

Tzoumerkas gehört zu einer jungen Generation von griechischen Filmemacherinnen und Filmemachern, die mit mit eigenwillig taumelnden Werken auf die Krise reagiert. Sie alle zeigen Familien am Abgrund. So wie "Dogtooth" von Yorgos Lanthimos über drei Kids, die von ihren Eltern gefangen gehalten werden, oder "Attenberg" von Athina Rachel Tsangari über eine junge Frau, die sich vor Berührungen ekelt. Künstlerisch tritt diese neue griechische Welle äußerst selbstbewusst und eigenständig auf. Die Filmemacher verabschieden sich nicht nur vom Primat der Familie, sie trennen sich auch radikal vom klassischen griechischen Kino eines Theo Angelopoulos, über dessen existenzielle Schwere sie sich mit ihren abstrakten, verspielten, verrätselten Filmen lustig zu machen scheinen.

Tzoumerkas' "A Blast" ist in der Verwendung der filmischen Mittel nicht weniger experimentell als die Filme seiner Kollegen. Wie sie pfeift auch er auf dramaturgische Stanzen, auf ein braves Erzählen der Reihe nach. Tzoumerkas zielt aber direkt auf die Magengrube des Zuschauers. "A Blast" ist ein irre intensives Montage-Monster. Vergangenheit und Gegenwart befinden sich hier auf ständigem Konfrontationskurs. Ein Schnitt lässt fast unbemerkt Szenen und Emotionen aufeinander prallen, zwischen denen viele Jahre liegen.

Spiel ohne Handbremse

So entstehen lange Montagesequenzen, die im Gedächtnis bleiben. Etwa die, in der Yannis mit Kameraden und Familie den Abschluss seiner Militärzeit feiert. Während die Party in ein besinnungsloses Besäufnis mit wilder Prügelei mündet, schneidet Tzoumerkas immer wieder in die Gegenwart, in der die verzweifelte Maria in einer bitteren Anklage mit ihrem Vater abrechnet.

Zusätzlich inszeniert Tzourmerkas jede Sequenz auf einen boiling point hin. Immer liegen die Gefühle offen und die Nerven blank. Meist wird nicht gesprochen, sondern gebrüllt. In einer Szene am Küchentisch schreit die gesamte Familie irgendwann nur noch hysterisch durcheinander. Maria zerrt die gelähmte Mutter brutal vom Rollstuhl, um an die nie eingelösten Steuerbescheide zu kommen, auf denen sie sitzt. Ihren Schwager schlägt sie kurzerhand zusammen. Angeliki Papoulia, eine der furchtlosesten europäischen Schauspielerinnen, spielt diese Maria ohne Handbremse, lässt aber auch das ganze Ausmaß ihrer Verzweiflung erahnen.

"A Blast" zeigt eine Dimension der griechischen Misere, die in den deutschen Medien gar nicht oder nur am Rande auftaucht. Der Film zeigt ein Land, durch das ein Riss geht. Durch die Generationen, die Familien, die Gesellschaft. Der Selbsthass regiert. Die wirtschaftliche und humanitäre Krise, sie ist auch eine psychologische.

A Blast - Ausbruch

    GR/D/NL 2015

    Regie: Syllas Tzoumerkas

    Buch: Boudali Youla

    Darsteller: Angeliki Papoulia, Vassilis Doganis, Maria Filini, Themis Bazaka, Giorgos Biniaris, Efthymis Papadimitriou, Eleni Karagiorgi, Christoph Berlet

    Produktion: UnaFilms

    Verleih: RealFiction

    Länge: 83 Minuten

    Start: 16. April 2015

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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
knaake 15.04.2015
1. Na ja..
Wenn irgendwer etwas über die deutsche Befindlichkeit wissen wollte, würde ich ihm nicht(!) anraten einen deutschen Filmschaffenden zu konsultieren. Ich nehme mal an in Griechenland ist das nicht anders?
brux 15.04.2015
2. +++++
Die bürgerlichen Abgründe hat Chabrol schon vor 40 Jahren gezeigt. So what ? Griechenland ist kein modernes Land. Renaissance und Aufklärung haben dort nicht stattgefunden. Eigentlich gehört Griechenland gar nicht in die EU, und wenn man diesen Fehler nicht gemacht hätte, würden wir von diesem Film nicht einmal erfahren.
Tiananmen 15.04.2015
3.
Zitat von bruxDie bürgerlichen Abgründe hat Chabrol schon vor 40 Jahren gezeigt. So what ? Griechenland ist kein modernes Land. Renaissance und Aufklärung haben dort nicht stattgefunden. Eigentlich gehört Griechenland gar nicht in die EU, und wenn man diesen Fehler nicht gemacht hätte, würden wir von diesem Film nicht einmal erfahren.
Sie haben aber schon mitbekommen, dass es nicht um Chabrols Frankreich von vor ca. 50 Jahren geht, sondern um das heutige Griechenland, oder? Dann hätten Sie vielleicht auch die Verbindung zur aktuellen Situation in Griechenland verstanden und ggf. eben die Gründe für die hohnsprechenden politischen Verhältnisse dort. Aber, Entschuldigung, es ist natürlich leichter in reflexartiger Manier wieder die EU-Keule herauszuholen. Einen schönen Tag noch!
schaafsnase 15.04.2015
4. Am Deutschen Wesen soll dir Welt genesen...
tut sie halt nur nicht, auch nicht nach dem n-ten Versuch. Eher schon ist das ständige Vergleichen der Verhältnisse anderwärts mit den hiesigen die Quelle von Unmut und Befürchtungen. Die Deutschen verstehen die Griechen nicht! Und umgekehrt genauso wenig. Vielleicht hilft der Film zu verstehen warum das so ist und warum denen, die zwischen den Fronten stehen eigentlich nur noch das Verzweifeln bleibt.
Mister Stone 15.04.2015
5. Das ist keine Mentalitätsfrage
Man muss die griechische Mentalität innerhalb der Familien verstehen? Was zur Hölle hat die denn mit dem kapitalistischen Diktat zu tun, welches nichts als Not und Elend für fast alle, aber zusätzlichen Reichtum für die sogenannnte Eliten generiert hat. Man muss den Turbokapitalismus und die menschenverachtenden neoliberalen Werte verstehen, die ausschließlich dem Shareholder-Value verpflichtet sind, um zu verstehen, was jetzt in Griechenland und bald auch in anderen Ländern passiert. Gier ist geil, nur wer ausbeutet gewinnt... Wenn man das Tag für Tag und Nacht für Nacht sieht, hört und erfährt, glaubt man es irgendwann.
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