Alpenhorror "A Cure for Wellness" Erholung kann die Hölle sein

Ein Wall-Street-Banker verliert endgültig den Kontakt zur Realität: Der Horrorthriller "A Cure for Wellness" führt in ein abgelegenes Spa in den Alpen, das seine Patienten auf grausame Art an sich bindet.


In "A Cure for Wellness" findet sich alles außer der Wirklichkeit - wie wunderbar! Regisseur Gore Verbinski, der mit "Fluch der Karibik" den Piratenfilm aus den Fesseln des historischen Abenteuers befreit hat, begleitet in seinem aktuellen Film einen jungen Finanzjongleur durch gleich zwei abgründige Parallelwelten.

Die eine verbirgt sich hinter den eiskalten Glasfassaden der Wall Street: Ein handgeschriebener Brief trudelt da einem nächtlich einsamen Mitarbeiter auf den Schreibtisch. Wer verfasst heute noch Nachrichten auf Papier? Der Chef des Mannes, so scheint es. Viel Zeit zum Grübeln über die rätselhafte Nachricht bleibt dem Mann jedoch nicht, am Wasserspender streckt ihn ein Herzinfarkt nieder. Ungerührt blinken und strahlen die Computermonitore mit ihren Graphen, Kurven und Zahlenkolonnen Tag und Nacht hindurch in den leblosen Raum.

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"A Cure for Wellness": Viel Wasser, viel Wahnsinn

Die indirekt mörderische Botschaft stammt vom CEO Pembroke, der sich entschlossen hat, seinen Kuraufenthalt in den Schweizer Alpen ins Endlose auszudehnen. Die neu gewonnene Freizeit nutzt er, um antikapitalistische Pamphlete in die alte Heimat zu schicken. The business, of course, must go on - also soll der junge Angestellte Lockhart (Dane DeHaan) den scheinbar schwer verwirrten Pembroke zurückholen. Lange genug zumindest, bis die Unterschrift unter einen Fusionsvertrag gesetzt ist und sich jemandem die Verantwortung für einen illegalen Buchungstrick Lockharts unterschieben lässt.

Faltige K örper in metallenen Riesentanks

Derart motiviert, verlässt der Banker die Zivilisation und heftet seinen Blick einen Hinweg lang auf Laptop und Smartphone - einen Blick, aus dem DeHaan wie wenige Schauspieler seiner Generation Gift versprühen kann: die schlangenhafte Brutalität eines zeitgenössischen Movers und Shakers.

Am Ziel angekommen, verschlägt es ihn jedoch aus den digitalen Datenströmen in eine eigentümlich vormoderne Welt, in der alte, faltige Körper im Bademantel über den manikürten Hofrasen spazieren, sich in metallenen Riesentanks Behandlungen unterziehen oder in bis an die Decke grün gekachelten Dampfbädern vor sich hinschwitzen. Vor allem aber trinken sie Wasser, Unmengen von Wasser. Niemand, so heißt es, wolle jemals von hier fort.

Am roboterhaften Lächeln des Pflegepersonals prallt der Schlangenblick ab. Pembroke ist zunächst unauffindbar, dann nach einem kurzen, erfolgreichen Gespräch plötzlich wieder verschwunden. Lockhart trotzt dem Mythos des Ortes und will fort, doch ein krachender, in Verbinskis Inszenierung quälend endloser, Autounfall führt ihn, diesmal als Patienten, wieder zurück.

Ein sphärischer Gesang, den Komponist Benjamin Wallfisch verführerisch, kindlich und furchterregend zugleich ausbalanciert hat, schwebt über all diesen Geschehnissen - eine Ahnung, dass Schönes, das zu schön ist, um wahr zu sein, eben auch nicht wahr sein kann. Lockhart weiß bald nicht mehr, ob er seinen Sinnen noch trauen kann, und unter alledem brodelt die düstere Historie des Sanatoriums, eine Geschichte von Adel und Inzest, von Menschenversuchen und der grausamen Rache der Dorfbewohner.


"A Cure for Wellness"

GER, USA 2016
Regie: Gore Verbinski
Drehbuch: Justin Haythe
Darsteller: Dane DeHaan, Jason Isaacs, Mia Goth, Ivo Nandi, Adrian Schiller, Celia Imrie, Harry Groener
Produktion: Regency Enterprises, New Regency Productions

Verleih: 20th Century Fox Deutschland
FSK: ab 16 Jahren
Länge: 146 Minuten
Start: 23. Februar 2017


"A Cure for Wellness" ist eine Studioproduktion in Blockbusterlänge von beinahe zweieinhalb Stunden Laufzeit, überwiegend in Deutschland und dort unter der Ägide des Studios Babelsberg gedreht. Einige Außenaufnahmen fanden auf der Burg Hohenzollern am Rande der Schwäbischen Alb statt, deren dritter Bau genau die neugotischen Backsteinfassaden bietet, die für den flüchtigen Blick einer schwer beschäftigten Business-Marionette traditionsschwer aussehen mögen.

Gleichzeitig eignen sie sich hervorragend, eine finstere Vergangenheit hinter ihren Oberflächen verschwinden zu lassen. Womöglich weiß ja die Langzeitpatientin Hannah (Mia Goth), eine ätherische Kindfrau, mehr? Versteckt Oberarzt Volmer (Jason Isaacs) ein düsteres Verlangen in seiner athletischen, zupackend freundlichen Erscheinung?

Die dritte Stufe des Wirklichkeitsentzugs nach der Umspülung durch die Datenflut und dem Rückzug in die traumwandlerische Vormoderne bilden die klassischen und zeitgenössischen Fiktionen, die diese spezifische Geschichte umschwirren. Verbinski und Drehbuchautor Justin Haythe

klauben sich durch eine Motivgeschichte, die ungefähr bei Edgar Allan Poe beginnt und über zahlreiche Zwischenstopps wie Thomas Manns "Zauberberg" und Stanley Kubricks "Shining" bis hin zu Martin Scorseses "Shutter Island" reicht.

Im Video: Der Trailer zu "A Cure for Wellness"

Das Ergebnis all dieser Verschlingungen ist ein erfrischend unreiner Film, ganz ohne Scheu vor dem Hysterischen, Übersinnlichen, Ekelhaften. Auf dem Weg in das makabere Geheimnis der Kuranstalt wird es Lockhart an die Zähne gehen, und er wird immer wieder unappetitliche Begegnungen mit Aalen machen. Die Schlange mit dem nun getrübten Blick wird bleich und kränklich, und auch dieses Extrem steht DeHaan auf geradezu unheimliche Weise gut.

Gesundheit, Harmlosigkeit, Normalität - das sind vielleicht für andere erstrebenswerte Zustände. Für die Wirklichkeit womöglich, in die ja bekanntlich niemand gerne zurückkehren möchte.

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
pelzfisch 23.02.2017
1. Sehenswert
Gestern Abend gesehen und irgendwo zwischen fasziniert und schockiert im Kinosessel rumgerutscht. Keine Längen, tolle Bilder und großartige Schauspieler. Aber nichts für schwache Nerven.
Zaphod 23.02.2017
2. Hans Castorp reloaded?
So ganz neu ist das Thema ja nicht: bereits im Zauberberg finden sich viele Aspekte, die in der Rezension genannt werden. Nur das Meisterwerk selbst wird nicht genannt. Es ist jedoch auch zu befürchten, dass die wenigsten heutzutage noch wissen, wer Hans Castorp oder Herr Settembrini ist.
hisch88 24.02.2017
3. Welche Sekte ...?
Hört sich nach Scientology Sekte an, weniger nach den Sektierern der Zeugen Jehovas.
qewr 24.02.2017
4. Schweizer Alpen?
Ich habe keine gesehen... Selbst das imposante Landwasser Viadukt wurde noch "photoshopiert".
thelix 24.02.2017
5.
Guter Regisseur, gute Schauspieler, gute Kamera - mit einer leider nur leicht aufgebrezelten 08/15-Story, wie sie seit den 50s/60s immer und immer wieder durchgenudelt wurde. Also wie überall: der Inhalt bleibt derselbe, nur die Form wird dem Zeitgeist angepasst.
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