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"A History of Violence": High Noon in Smallville

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Ein Meister in seinem Element: Regisseur David Cronenberg, bekannt für drastische Psycho- und Gewaltstudien, lässt in "A History of Violence" den amerikanischen Traum vom Kleinstadt-Idyll zerplatzen - und führt dem Zuschauer die eigene Lust am Gemetzel vor Augen.

Verstörend, mit diesem einen Wort könnte man das Werk des kanadischen Regisseurs David Cronenberg zusammenfassen. Sein neuer Film beginnt als Quentin-Tarantino-Zitat: Zwei Männer, die der geübte Kinogänger sofort als zwielichtige Gestalten identifiziert, checken aus einem Motel im Nirgendwo aus. Ihr Fahrzeug ist ein schnittiges Sportcabrio, das in der Morgensonne unwirklich leuchtet. Beide, der Ältere im eleganten schwarzen Anzug, der Jüngere in Jeans und T-Shirt, wirken übermüdet, wahrscheinlich sind sie seit Tagen auf der Flucht oder erschöpft von der harten Arbeit, die sie verrichten, der Arbeit des Tötens. Als der Ältere den Jüngeren zum Wasserholen ins Büro des Motels schickt, gerät der Botengang zur Schießerei; die Männer verlassen die Szenerie nicht, ohne ihre blutigen Spuren zu hinterlassen.

Familienvater Stall (Viggo Mortensen) in "A History of Violence": Braver Bürger als Mordbube
Warner Bros.

Familienvater Stall (Viggo Mortensen) in "A History of Violence": Braver Bürger als Mordbube

Man kennt diese abrupte Eruption der Gewalt nicht nur von Tarantino, dem Meister des zelebrierten Blutbads, man fühlt sich auch an Stephen King erinnert, in dessen modernen Schauermärchen das Böse oft unter dem Idyll brodelt, um dann umso unvermittelter seine hässliche Fratze zu offenbaren. Es ist ein alter, aber immer wieder effektiver Kniff des Thriller-Genres.

In "A History of Violence", lose basierend auf dem gleichnamigen Comic von John Wagner und Vince Locke, bedient sich auch Cronenberg erstmals der Genreregeln - und stellt sie auf den Kopf. Der kanadische Regisseur, bekannt durch seine konsequent unappetitlichen Sektionen der menschlichen Anatomie und Psyche ("Die Unzertrennlichen", "Crash"), nutzt eine der gängigsten Alltagsmythen Amerikas, um seine bitterböse Parabel zu erzählen. Millbrook, ein kleiner Ort im Herzen Indianas, sieht aus, als wäre es aus einem Gemälde Edward Hoppers herausgefallen. In der schnurgeraden Mainstreet des Städtchens gibt es keine Taco Bells oder McDonald's-Filialen wie heutzutage überall, hier prägen noch Barbershops und niedliche Eiscreme-Parlors die in satten Farben leuchtende Szenerie. Es ist das Idealbild der amerikanischen Smalltown, artifiziell und verkitscht. Doch die irritierende Anfangssequenz des Films wirft einen Schatten des Misstrauens über das Paradies. Es ist die klassische Western-Szenerie: Eine Kleinstadt voll braver Bürger wartet auf die Ankunft der Bad Guys. High Noon in Smallville.

Maria Bello als verunsicherte Ehefrau: Schluss mit Blümchensex
REUTERS

Maria Bello als verunsicherte Ehefrau: Schluss mit Blümchensex

Natürlich lassen sie nicht lange auf sich warten. Die Killer vom Motel machen auf ihrer mörderischen Tour auch in dem kleinen Diner von Tom Stall Halt. Der Familienvater, brillant gespielt von Viggo Mortensen, fristet mit seiner Frau Edie (Maria Bello) und seinen zwei halbwüchsigen Kindern ein friedliches Dasein: Sie arbeitet als Anwältin, er betreibt sein pittoreskes Restaurant, und das höchste der Gefühle im beschaulichen Leben der beiden ist ein niedliches Sex-Rollenspiel, bei dem sich Edie als Cheerleader verkleidet. Tom ist der All-American-Guy: hellblaue Augen, kantiges Kinn, gutmütige Art. Und dennoch ist nicht alles eitel Sonnenschein: Als sein Teenager-Sohn Probleme mit Rowdys in der Schule bekommt, zeigt er seinem Spross, wie er sich gegen die Klassenrüpel effektiv - und überraschend brutal - zur Wehr setzen kann.

Das Verdorbene, Gewalttätige, es wartet unter der duftenden Apfelkuchenfassade von Millbrook darauf, dass es seinen Pesthauch entfesseln kann. So ist man kaum noch erstaunt, dass Tom das schlechte Benehmen der Schurken in seinem Café nicht wie ein Softie erduldet. In einer virtuos gefilmten Szene offenbart Tom rasante Reflexe und schießt die beiden Schurken, ohne zu zögern, über den Haufen. Die Kamera verweilt lange auf dem zerstörten Gesicht eines toten Killers. Gewalt wird hier nicht nur als Mittel zum Zweck geduldet, ihre Entladung wirkt wie eine Erlösung.

Nach dem Zwischenfall im Diner, bei dem Tom eine Verletzung am Fuß davonträgt, wird der versehrte Café-Betreiber in den Medien als Held gefeiert, der die Stadt von dunklen Elementen gesäubert hat. Aber woher hat der brave Tom einen solchen Killerinstinkt? Ist sein Leben des domestizierten Diner-Chefs nur Fassade?

Regisseur Cronenberg: Genrefilm als Psychostudie
AP

Regisseur Cronenberg: Genrefilm als Psychostudie

Cronenberg entlarvt in "A History of Violence" nicht nur den Mythos einer zivilisierten Welt, mit maliziöser Präzision führt er dem Zuschauer auch die eigene Lust an brutaler Action, splitternden Knochen und spritzenden Blutfontänen vor Augen. Beim Meister des physischen Unbehagens kommen wir nicht so leicht davon wie bei einem x-beliebigen Gewalt-Blockbuster, den wir als bizarren Popcornspaß abtun können: Eine lange, lange Vorgeschichte der Gewalttätigkeit, scheint Cronenberg zu wissen, schlummert als anthropologische Konstante in jedem von uns.

Tom Stall wird alsbald von seiner dunklen Seite eingeholt. Aufmerksam gemacht durch die TV-Berichte über den American Hero, fallen alsbald weitere Bad Guys mit ihrem schwarzen Gangsterauto in die Stadt ein. Der Anführer (grandios vernarbt: Ed Harris) glaubt in Tom einen früheren Killer-Kollegen wiedererkannt zu haben und will eine alte Rechnung begleichen. Der friedliebende Familienvater, wild entschlossen seine heile Welt zu beschützen, wandelt sich zur Kampfmaschine und metzelt sich schließlich bis nach Philadelphia zum großen Finale. Hier stehen klassische Rachethriller wie John Fords "The Searchers" oder "Ein Mann sieht rot" Pate. Und Cronenberg gelingt es, die Gewalt derart überzustilisieren, Knochen so ostentativ krachen zu lassen, dass alle anfängliche Faszination in Unbehagen umschlägt. Da ist sie, die hässliche Fratze.

In einer Schlüsselszene des Films sehen wir Tom und Edie bei einer Auseinandersetzung. Die bis ins Mark verunsicherte Ehefrau weiß nicht mehr, woran sie ist, und wehrt sich gegen die Metamorphose ihres braven Gatten zum eiskalten Killer. Der Zank wird zum Handgemenge und mündet schließlich in einem brutal-animalischen Geschlechtsakt auf der Treppe zum Schlafzimmer. Edie findet den zum Alphatier mutierten Tom letztlich viel faszinierender als ihren handzahmen Restaurantbesitzer. Verstörende Pointe: Der Trieb zur Gewalt verfolgt uns sogar bis in intimste Bereiche. Vergessen ist der Blümchensex im Cheerleaderdress.


A History of Violence

USA/Kanada 2005. Regie: David Cronenberg. Buch: Josh Olson; John Wagner, Vince Locke (Comic). Darsteller: Viggo Mortensen, Maria Bello, Ed Harris, William Hurt. Produktion: Bender-Spink Inc., New Line Productions. Verleih: Warner Brothers. Länge: 96 Minuten. Start: 13. Oktober 2005

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