Corbijn-Thriller "A Most Wanted Man" Der Spion, der aus der Kneipe kam

Agentenkrieg in Hamburg: In "A Most Wanted Man" erzählt Anton Corbijn eine vertrackte Trickser-Story in kühler Hafenatmosphäre. Der Thriller ist der letzte melancholische Gruß des großen Philip Seymour Hoffman.

Von

Senator

Hamburg nennt sich gerne das Tor zur Welt, doch der Haupteingang bleibt immer mehr Menschen verschlossen. Der junge Tschetschene Issa Karpov (Grigoriy Dobrygin) etwa muss durch die nächtliche Elbe schwimmen, um in der Freien und Hansestadt an Land zu gehen.

Seine illegale Einreise markiert den Auftakt zu "A Most Wanted Man", dem dritten Spielfilm des niederländischen Starfotografen Anton Corbijn (der in dem Video oben exklusiv für SPIEGEL ONLINE seine Lieblingsszene aus dem Film zeigt). In seiner Adaption von John le Carrés gleichnamigem Roman - in Deutschland unter dem Titel "Marionetten" erschienen - ist Hamburg zugleich Fluchtpunkt und Falle. Nur ein sicherer Hafen ist sie in diesem so nüchternen wie zwingenden Thriller für niemanden mehr.

Fotostrecke

9  Bilder
Spionagethriller mit Philip Seymour Hoffman: Verfolgen und infiltrieren
Schon gar nicht für Issa, der zuvor in russischen und türkischen Gefängnissen misshandelt wurde. In den Berichten internationaler Nachrichtendienste firmiert der gläubige Muslim und illegitime Sohn eines sowjetischen Offiziers jedoch nicht primär als Opfer; in der Post-9/11-Lesart beschreibt seine Vita vielmehr den Werdegang eines Extremisten, der sich jederzeit von der potenziellen zur akuten Bedrohung wandeln kann. So braucht es nur die Aufnahme einer der vielen öffentlichen Überwachungskameras, und Issa taucht im Fahndungsraster der deutschen Sicherheitsbehörden auf.

Damit gelangt er auch auf den Schirm von Agent Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman), der eine inoffizielle und autonom operierende Anti-Terror-Abteilung leitet. Mit seinen Kollegen Erna (Nina Hoss, demnächst auch in Christian Petzold Holocaust-Melodram "Phoenix" auf der Leinwand zu sehen) und Max (Daniel Brühl) beginnt Bachmann, die Wege des Verdächtigen systematisch zu verfolgen.

Im Anti-Terror-Krieg

Issa findet derweil Unterstützung durch die Anwältin Annabel Richter (Rachel McAdams), die sich in der Flüchtlingshilfe engagiert. Ihr schildert der sonst so verschlossene Issa sein vermeintliches Anliegen: Er will in Hamburg seinen Anspruch auf das Erbe des verstorbenen und verhassten Vaters geltend machen, um es für wohltätige Zwecke in seiner Heimat zu spenden.

Den Vermögensnachlass verwaltet Privatbankier Thomas Brue (Willem Dafoe), und als es zur Kontaktaufnahme kommt, sieht Bachmann seine große Chance: Denn eigentlicher Gegenstand seiner Ermittlungen ist nicht der ins Visier genommene Issa, sondern die Hilfsorganisation von Dr. Faisal Abdullah (Homayoun Ershadi). Bachmann glaubt, dass Abdullah im Schatten gemeinnütziger Arbeit Geldwäsche für islamistische Terrorgruppen betreibt. Den nötigen Beweis dafür soll - unwissentlich - Issa liefern. Er, seine idealistische Anwältin sowie Banker Brue werden so zu Figuren in Bachmanns riskanter Spionagemission. Doch obwohl der unorthodoxe Agent alles daran setzt, allein die Fäden in der Hand zu behalten, bleibt er nicht der einzige Drahtzieher hinter den Kulissen.

Angesichts eifersüchtig konkurrierender Geheimdienste und wechselnder Machtinteressen werden die cleversten Puppenspielern schnell selbst zu Marionetten. Das grundlegende Misstrauen, welches le Carrés Romanvorlage gegenüber willkürlich agierenden Überwachungsapparaten formuliert, ist selbstverständlich nicht neu. Doch Corbijn gelingt es, die alles durchdringende Verunsicherung ohne Rückgriff auf vertraute Klischees der Agentenkolportage zu visualisieren. Wichtiger als konkrete Handlungswendungen ist ihm die abstrakte Idee eines Thrillers, der für das labyrinthische und paranoide Moment seiner Geschichte ungewöhnliche Bilder findet.

Melancholisch, aber nie zynisch

Von St. Pauli bis zur City Nord zeigt Corbijn eine Stadt, die unverkennbar Hamburg ist - und doch nichts mit üblichen Postkartenansichten gemein hat. Hier, zwischen trotzigen Waschbetonburgen und alten Patrizierwohnungen, protzigen Hafenfrontneubauten und verwinkelten Kiezhöhlen versucht Bachmann, im chronisch falschen Spiel das Richtige zu tun.

Philip Seymour Hoffman verleiht dem mal sarkastischen, oft melancholischen, aber nie zynischen Staatschützer beeindruckend Gestalt, und es ist natürlich unmöglich, "A Most Wanted Man" nicht auch als trauerumflortes Vermächtnis des im Februar verstorbenen Ausnahmeschauspielers zu sehen.

Sein Bachmann, der nächtelang in Spelunken auf Hamburg-St.Pauli abhängt, brüskiert rückgratlose Karrierebeamte mit Intelligenz und rüder Rhetorik, beherrscht die Kunst des Verhörs wie das Klavierspiel, trinkt, raucht, wütet und zärtelt und von alledem immer zu viel. Ein sensibler Berserker, den die professionelle Existenz einsam gemacht hat, und der die Verzweiflung, die mit seinem Wissen einhergeht, nie abschütteln kann.

In ihrer Würde und Tragik unterläuft Hoffmans Interpretation der Rolle die virtuose Distanz, mit der Corbijn ansonsten diese bittere Geschichte über Schuld und Ungewissheit an den diversen Fronten des Anti-Terror-Kriegs illustriert. Die Große Freiheit, das Versprechen von Hamburgs Straßen an die Welt, sie erscheint am Ende verschwindend klein. So wie die Leinwand ohne Philip Seymour Hoffmann.

A Most Wanted Man

USA , Großbritannien , Deutschland 2014

Regie: Anton Corbijn

Buch: Andrew Bovell (Drehbuch), John le Carré (nach einer Vorlage von)

Darsteller: Philip Seymour Hoffman, Rachel McAdams, Robin Wright, Grigoriy Dobrygin, Nina Hoss, Daniel Brühl, Willem Dafoe

Produktion: Potboiler Production, The Ink Factory, Amusement Park, Senator Film Produktion

Verleih: Senator Film Verleih

Länge: 121 Minuten

Start: 11. September 2014

"A Most Wanted Man" im SPIEGEL

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jawollja2014 09.09.2014
1. Und einmal mehr versagt ...
... der Rezensent, indem er die Leistung des Drehbuchautors vergisst, ohne die der - zweifellos großartige - Anton Corbijn nichts zu inszenieren gehabt hätte. Das ist so armselig wie ermüdend. Erstaunlich bzw. ärgerlich, dass selbst Angehörige der schreibenden Zunft immer wieder darauf hingewiesen werden müssen: Ohne Drehbuch kein Film!!! (Die extrem wenigen Ausnahmen von dieser Regel: Geschenkt!) Oder anders gesagt: Lieber Film-Rezensent, machen Sie doch mal Ihre Hausaufgaben und erkundigen Sie sich, wie ein Film entsteht.
observerlbg 09.09.2014
2. Meine Heimat in einem neuen Licht?
Egal, P.S. Hoffman ist einfach genial. Allein das lohnt den Gang ins Kino.
endymion 18.09.2014
3. In welcher Sprache?
Normalerweise schaue ich mir Filme gerne im Originalton an. Hier stellt sich für mich die Frage ob ich einen Hamburger auf Englisch hören will. Wie gut ist die Synchronisation?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.