Doku über Bodybuilder Pumpen für die Erhabenheit

Was treibt Männer zu extremem Bodybuilding? Und warum schauen viele so fasziniert hin? Der Dokumentarfilm "A Skin So Soft" bietet Bilder und Antworten, die man nicht erwartet hätte.

Camino Filmverleih

Von Jan Künemund


In Denis Côtés vorherigem Dokumentarfilm "Bestiaire" (2012), sah man wenig anderes als Bilder von Tieren in einem Safaripark. Da einem keine Geschichte im eigentlichen Sinn angeboten wurde, war man schnell auf die Frage zurückgeworfen, warum man sich das eigentlich mit so viel Genuss 70 Minuten lang ansieht.

Im neuen Film des kanadischen Filmemachers sehen wir 90 Minuten lang sechs Bodybuildern zu. Diese sind wenig gesprächig, haben einen Alltag aus wenigen, immer gleichen, routiniert absolvierten Übungen, und eine Geschichte wird auch diesmal nicht erzählt. Wieder fragt man sich, warum man so fasziniert auf diese Protagonisten schaut - bis man merkt, dass es genau darum geht: unseren Blick und was ihn so gefangen nimmt.

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"A Skin So Soft": Berge von Muskeln

Wie in "Bestiaire" taucht auch in "A Skin so soft" irgendwann eine Zeichenklasse auf, die wie wir zum intensiven Betrachten aufgefordert ist. Vor ihr steht ein knapp bekleideter Muskelmann. Der Lehrer mahnt: "Jetzt nicht die Proportionen aus den Augen verlieren!"

Die Kamera hat dasselbe Problem, sie fährt ungläubig in 360° um den Körper herum. Er sprengt alle Proportionen. Alles an ihm ist Projekt und Ergebnis totaler Selbstdisziplin. Alles, was zu sehen ist, wurde entworfen, modelliert, herausgearbeitet, die weiche Haut aus dem Filmtitel möglichst flexibel gemacht, damit sie die Muskeln nicht verdeckt. Ein Körper, der gesehen werden will, ein freiwilliges Objekt der Schaulust, ein Phänomen reinster Erhabenheit, das sich selbst genug ist - und das Faszination und leichtes Schaudern hervorruft, wie alles, was wir nicht verstehen.

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Keine Freakshow

Côtés Film ist keine Freakshow. Er macht sich nicht lustig über die Männer, die sich selbst auf ihre Körper reduzieren. Sein Blick ist eindeutig voyeuristisch, aber genau darin ein Komplize der Porträtierten. Sie flirten nicht, sie bieten kein Identifikationspotenzial an, sie wollen nicht verführen. Aber sie sind dafür da, um angesehen zu werden.

Wir sehen sie bei ihren Morgenroutinen, beim Ausrechnen der Kohlehydrate, Hauteinölen, bei der lustlos-funktionalen Nahrungsmittelaufnahme, beim Betrachten des komplett ausgefüllten Spiegelbilds. Ganz allmählich lässt auch der Film seine Muskeln spielen - er stellt auf raffinierte Weise Situationen her, in denen die Muskelberge anschaulich aus den bürgerlichen Proportionen fallen.


"A Skin So Soft"
CAN 2017
Originaltitel: "
Ta peau si lisse"
Regie und Buch: Denis Côté
Mit: Jean-François Bouchard, Cédric Doyon, Benoit Lapierre, Maxim Lemire, Alexis Légaré, Ronald Yang
Verleih: Arsenal
Länge: 93 Minuten
FSK: o.A.
Start: 2. August 2018


Einer hebt Riesengewichte, während seine Mutter vor dem Fenster Unkraut zupft. Einer zieht einen Truck mit bloßer Körperkraft durchs Wohngebiet. Einem springen die Adern schier aus dem Unterarm, als er beim Autowaschen das Leder auswringt. Das ist witzig, aber man lacht über die Bildeinfälle, die Maßlosigkeit, die schiefen Verhältnisse, nicht über die Menschen.

Irgendwie ist der Blick auf diese Riesen auch politisch, er wirft Fragen über die Welt auf, in die sie nicht passen. Nichts an ihnen ist produktiv oder gesund oder kommunikativ oder sexy. Sie sind keine Helden des Neoliberalismus, die sich fit machen für Tinder oder den Arbeitsmarkt. Sie verfolgen vielmehr ein ästhetisches Projekt, vor dem man erschrickt, aber an dem man sich kaum satt sehen kann. Pumpen für die Erhabenheit.

"Gutes Östrogen!"

Am Ende führt der Film die sechs Einzelkämpfer zusammen und fährt mit ihnen aufs Land, wo sie wie umgefallene Standbilder in der Wiese liegen. Gut rudern und schwimmen können sie nicht. An Sex haben sie kein Interesse. (Côté hat das im Interview erzählt: sechs Männer, vier Tage zusammen, und es fällt keine einzige schlüpfrige Bemerkung.) Also bauen sie sich eine kleine Bühne und posieren für einander, nur von einer Schafsherde und einer Kamera beobachtet. Ihre Blicke gleiten über die Körper der anderen. "Gutes Östrogen!"

Die Homoerotik ist ein schöner, unbeabsichtigter Nebeneffekt, der uns einmal wieder auf unseren Blick zurück wirft. Alex, Ronald, J-F, Cédric, Benoit und Max spannen ihre Muskeln an und zeigen uns die Schönheit des von Erotik, Geschlecht und Produktivität befreiten Körpers. Ihr Lächeln ist einstudiert, aber es lügt nicht.

Im Video: Der Trailer zu "A Skin So Soft"

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
sakis77 02.08.2018
1. Pumping Ercan
Zu dieser Thematik ist der Film Pumping Ercan sehr zu empfehlen.
TS_Alien 02.08.2018
2.
Wenn man die üblichen Kriterien beim Bodybuilding anlegt, kann man problemlos zum Ergebnis kommen, dass Bodybuilder unter einem verzerrten Körperbild leiden. Wie bei der Magersucht kann man das als Krankheit bezeichnen. Bodybuilding ruiniert (dauerhaft) den Körper, bei vielen auch die Finanzen und macht einsam. Filme und Dokus übers Bodybuilding können dennoch interessant sein. Bei vielen Zuschauern schwingen die Gedanken "Wie kann man das nur machen?" und "Was für ein Wahnsinn!" mit.
dmenzel 02.08.2018
3. ungesund vielleicht, krank eher nicht.
Nur, weil wir es nicht verstehen, muss es krank sein. Ein(e) Magersüchtige(r) ist in akuter Lebensgefahr. Bei diesen Jungs sieht es nicht so aus. Ist ein Hochleistungssportler krank? Ein Extremkletterer? Alles gefährlich und ungesund, aber doch nicht krank.
TS_Alien 02.08.2018
4.
Zitat von dmenzelNur, weil wir es nicht verstehen, muss es krank sein. Ein(e) Magersüchtige(r) ist in akuter Lebensgefahr. Bei diesen Jungs sieht es nicht so aus. Ist ein Hochleistungssportler krank? Ein Extremkletterer? Alles gefährlich und ungesund, aber doch nicht krank.
Es gibt Bodybuilder, die denken an noch größere Muskeln, während Außenstehende, selbst Kraftsportler, das bereits Erreichte als hochgradig unnatürlich und absolut unästhetisch ansehen. Dahinter steckt ein verzerrtes Körperbild bei manchem Bodybuilder. Und das ist krankhaft. So mancher Bodybuilder befindet sich sicher in Lebensgefahr. Auch ohne Doping. Die aufgeblasenen Muskeln (mit weniger Kraft als viele denken) belasten extrem das Kreislaufsystem. Man muss sich nur die Liste der Bodybuilder anschauen, die vergleichsweise früh gestorben sind.
Charlie Whiting 03.08.2018
5. Der Artikel
bestaunt die BB wie in den 70er Jahren als das kaum jmd kannte. Soo exotisch ist das nun auch nicht. Dass mangelndes Interesse an Sex auf verbotene bzw. ungesunde Mittel hinweisen könnte wird leider nicht erwähnt.
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