Musikfilm "A Star Is Born" Der Mucker und das Mädchen

Lady Gaga ungeschminkt, Bradley Cooper als Regisseur und Rockstar: Das vierte Hollywood-Remake von "A Star Is Born" ist eine gefühlige Ballade auf Oscar-Kurs. Eine moderne Idee für unsere Zeit hat sie nicht.

Warner Bros.

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"Maybe it's time to let the old ways die", singt der alternde Rockstar Jackson Maine - und greift beherzt in die Saiten seiner Gitarre: Vielleicht ist es an der Zeit, neue Wege zu gehen. Aber warum eigentlich? Für Maine, der eigentlich immer Cowboyhut trägt, nur nicht auf der Bühne, weil er sich da, und nur da, emotional nackig macht, läuft es ziemlich gut. Gleich in der ersten Szene von "A Star Is Born" sieht man ihn mit dröhnend lautem Southern-Rock vor einem Arena-Publikum auftreten. Als ob dieser Retro-Sound aus Eagles und Allman Brothers im Jahre 2018 noch so attraktiv wäre.

Aber in Filmen dieser Art geht es um Illusionen, und Bradley Cooper, der den vom Ruhm gegerbten Altrocker Maine mit tiefergelegtem Südstaaten-Akzent, Bart- und Zottelhaar spielt, erweist sich in seiner ersten Arbeit als Regisseur und Drehbuchautor als ein suggestiver Märchenerzähler. So gefühlsmächtig transportiert er seine Rockstar-Ballade, in der neben Cooper auch die Pop-Sängerin Lady Gaga mitspielt, dass die US-Presse seit der Premiere bei den Festivals in Venedig und Toronto gar nicht mehr aus dem Schwärmen herauskommt. Bereits jetzt, zu Beginn der Oscar-Saison, gelte es als sicher, dass Cooper mit "A Star Is Born" zu den Favoriten zählen wird: Bester Film, beste Regie, beste HauptdarstellerIn, beste Kamera (Matthew Libatique, "Black Swan"), bester Song, all das könnte drin sein im kommenden Februar. Mal abwarten.

Die Begeisterung für diesen klassischen Musikfilm, dessen Story bereits 1937, 1954 und 1976 im Hollywood-Kino erzählt und zuletzt 2013 mit John Carneys "Begin Again" aktualisiert wurde, erklärt sich vielleicht dadurch, dass Cooper die "old ways" nicht sterben lässt, im Gegenteil: Er erzählt eine vermutlich sehr persönliche, im Kern aber altbackende Saga über die seelenheilende Kraft von Musik und Liebe: Sein Jackson Maine trägt schwer an seiner Alkoholsucht und familiären Dämonen, bis er - in einer queeren Bar voller Drag Queens - die junge Sängerin Ally (Gaga) entdeckt.

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"A Star Is Born": Rock'n'Roll-Romantik

Bald darauf haben sich die begabte, aber verzagte Songwriterin und der lebensmüde Rocker verliebt - und es kommt zum umwerfenden Spontan-Duett mit einem von Allys Songs (geschrieben von Gaga mit Cooper) vor jubelndem Massenpublikum: Ein neuer Star ist geboren, während der schon verlöschende, von Tinnitus geplagte Maine im Glanz seiner Entdeckung noch ein bisschen nachglühen darf. Bis es zu hässlichen Implosionen kommt, versteht sich.

Cooper und Gaga, die sich auch auf der zugehörigen PR-Tournee als Herz- und Seelen-Einheit gaben, spielen auf der Leinwand so mühelos und intim miteinander, dass allein diese überzeugende Chemie den Film sehr weit trägt. Gaga, oder Stefani Germanotta, wie die 32-Jährige bürgerlich heißt, nutzt die Bühne, die ihr Cooper bietet, um ihren jüngst begonnenen Image-Wandel vom furiosen Pop-Art-Geschöpf im Fleischkostüm zur vermeintlich verletzlichen Songpoetin zu komplettieren: Sie zeigt sich in vermeintlich ungeschminkter Natürlichkeit - und stellt unter Beweis, dass sie zusätzlich zu allem musikalischen Talent auch eine gute Schauspielerin ist. Ein später Triumph für die ehemalige Strasberg-Studentin, die sich zu Beginn ihrer Karriere zunächst erfolglos als Darstellerin bewarb - und sich dann für die Musik entschied.

Cooper lässt Gaga funkeln, sowohl im Konzert, als auch in den Liebes- und Leidensszenen. Aber anders als in den früheren Versionen, die auch Show-Vehikel für die Popstars Judy Garland und Barbra Streisand waren, ist hier nicht die Sängerin der Star, sondern der alte Rocker mit seinen nostalgischen Vorstellungen von wahrer, aufrichtiger Kunst: Cooper, intensiv und präsent bis zur Egomanie, interessiert sich wenig für das aktuelle Pop-Geschäft und damit die Welt, in der sich Lady Gaga weitgehend aus eigener Kraft zur Ikone emporgearbeitet hat.


A Star Is Born

USA 2018
Regie: Bradley Cooper
Drehbuch: Bradley Cooper, Will Fetters, Eric Roth
Darsteller: Bradley Cooper, Lady Gaga, Andrew Dice Clay, Sam Elliott, Anthony Ramos, Rafi Gavron, Dave Chappelle
Produktion: Warner Bros. Pictures, Live Nation Entertainment, MGM u.a.
Verleih: Warner Bros.
Länge: 136 Minuten
FSK: ab 12
Start: 4. Oktober


Als Ally, beeinflusst von einem Manager-Ekel aus England (Rafi Gavron) die Gefilde handgemachter Musik zugunsten einer zeitgemäßen, aber denunzierend läppisch inszenierten Elektro-Pop-Performance verlässt und Maines Popularität überflügelt, fokussiert sich der Film fast nur noch auf Coopers Auslotung seiner depressiven und selbstzerstörerischen Figur.

Im Video: Der Trailer zu "A Star is Born"

Clay Enos/ Warner Bros.

In dem Moment, wo es also interessant wird und etwas Neues, zum Beispiel über den Kampf weiblicher Künstlerinnen um Selbstbestimmung erzählt werden könnte, stiehlt der Regisseur seiner Protagonistin so gut wie jede Szene - bis hin zu einem Auftritt bei den Grammys, wo er ihr buchstäblich in die Parade pisst. Selbst im tragischen Finale sorgt er dafür, dass sein kaputt-romantischer Rock'n'Roll-Mythos wie ein Schatten an ihrer künftigen Karriere haften bleibt.

Allzu progressiv ist das nicht, und man könnte in die Larmoyanz und Sentimentalität von "A Star Is Born" vieles über die Rückzugsgefechte männlicher Dominanz im Entertainment-Biz hineinlesen. Doch damit täte man Bradley Cooper Unrecht. Der Schauspieler, der mit den "Hangover"-Filmen zum Star wurde, bereitete sein Regie-Debüt jahrelang mit obsessiver Leidenschaft und Akribie vor. Mit seiner altmodischen Verbeugung vor den Exzessen des Macho-Kinos der New-Hollywood-Ära zieht er schlicht - und letztlich auch ergreifend - sein Herzens-Ding durch. In der klugen Geschäftsfrau Lady Gaga fand er eine engagierte Partnerin, die zudem ein junges Publikum für diese alte Geschichte begeistern wird. Let the old ways die? Vielleicht beim nächsten Remake.

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insgesamt 3 Beiträge
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toninotorino 02.10.2018
1. A. Borcholte´s Filmkritik zu "A Star is born"
Voll mein Ding! Könnte mir gefallen, der Film. Über die Erwähnung der Allman Brothers, (Retrosound, überhaupt noch heutzutage attraktiv?) muss ich schmunzeln. Steh´ auf "Retro-Shit". "At Fillmore East", "Eat A Peach" kann ich mir immer anhören! Und höre ich mir auch an. Mit das Beste, was Rockmusik hervorgebracht hat. Diese Musik gehört zu meiner DNA. Dunkel, magisch, paar Sonnenstrahlen, voll auf Selbstzerstörungstrip. Stehe ich drauf. :)))
Bluemax 02.10.2018
2. Hollywood-Dutzend-Ware
Na, das klingt ja mal wieder genau nach der überflüssigen und mittelmäßigen Hollywood-Dutzend-Ware, die kein Mensch braucht. Und wieder ein Remake....also pure Einfallslosigkeit. Dazu noch eine schauspielerisch unerfahrene Hupfdohle, deren musikalische Karriere wohl auf dem absteigenden Ast ist und sie sich auf diesem Weg wieder ins Gespräch bringen will. Da warte ich dann lieber auf den nächsten Film der Coen-Brüder, bevor ich meine Zeit mit so was verschwende.
beathovenr66 02.10.2018
3.
Ja, Andreas Borcholte, der letzte Satz des Trailers passt gut ins Kritikerkonzept : " ... lässt eine moderne Idee von Pop vermissen". Da reicht auch keine Lady Gaga, die, im Gegensatz zu ihrer Mucke, als Schauspielerin ganz gut rüberkommt. Es hilft ja nichts, wenn die geneigte Musikjournallie wöchentlich ein anders "Produkt" hypt, die Akkorde sind alle gespielt, Texte alle gesungen. Massgebliche "neue " Musik bleibt bei den gegenwärtigen Hörgewohnheiten und dem Siechtum der Plattenihdustrie aus. Das verzweifelte Hochschreiben des "Next big thing" endet meist nach dem 2.Album. Dann doch besser "Retrorock", einchecken im Hotel California und wünschen, dass man den Ausgang nie mehr findet.
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