"A Touch of Sin" in Cannes: Chinas Zensur zum Trotz

Aus Cannes berichtet

"A Touch of Sin": Chinas blutiger Beitrag zum Filmfestival in Cannes Fotos
Festival De Cannes

Im chinesischen Cannes-Beitrag "A Touch of Sin" geht ein Arbeiter mit der Schrotflinte auf Bonzenjagd. Angeblich hat der offen gesellschaftskritische Film von Regisseur Jia Zhangke die Zensur bereits passiert. Und das, obwohl der Streifen auf realen Begebenheiten beruht.

Es herrscht Katerstimmung an der Croisette. Stundenlang ergoss sich am Samstag eine erbarmungslose Regenflut vom Himmel auf die hektisch umherhuschenden Festivalbesucher. Der Schock steckt jenen Besuchern noch in den Knochen, die am Freitagabend Zeuge eines Schreckschusspistolen-Anschlags auf ein Interview mit Christoph Waltz und Daniel Auteuil geworden waren. Verletzt wurde niemand, die Show muss weitergehen.

Und das tut sie natürlich. Angesichts der Rekordarbeitslosigkeit in Frankreich und dem verschärften Kontrast zwischen Arm und Reich wirkt es beinahe sozial befriedend, wenn die Glamour-Auftritte auf dem roten Teppich im strömenden Regen stattfinden. Das Plastikdach beulte sich bedenklich unter der Last der Wasserlachen. So mancher der an den Rabatten zuschauenden Normalbürger mag sich insgeheim schadenfroh ausgemalt haben, wie sich eine solche Regenblase schwallend auf eine Paris Hilton ergießt.

Kopfschuss im Maserati

Weitaus prekärere Spannungen bietet das diesjährige Festivalprogramm, vor allem im chinesischen Wettbewerbsfilm "Tian Zhu Ding" ("A Touch of Sin") des anerkannten Autorenfilmers Jia Zhangke. Das lose verknüpfte Episodendrama über vier Schicksale im China der Gegenwart beruht auf echten Zeitungsmeldungen über vier Morde und einen Suizid. Der Film dürfte neben Asghar Farhadis Familiendrama "Le passé" zu den ernstzunehmenden Anwärtern auf die Goldene Palme gehören.

Bemerkenswert an Jias Film sind nicht nur seine atemberaubende Bildsprache und ein im chinesischen Kino eher rarer, sehr schwarzer Humor. Vor allem, dass er offenbar die staatliche Zensur passiert hat, obwohl er so ziemlich jeden sozialen Missstand des fernöstlichen Reichs mehr oder weniger subtil anprangert: Da gibt es den alternden Kohleminenarbeiter Dahai, dessen Darsteller Jiang Wu dem Dissidenten Ai Wei Wei frappierend ähnelt. Aus Wut darüber, dass der Dorfvorstand den durch den Verkauf der Mine erzielten Gewinn in die eigene Tasche fließen lässt, statt das Geld wie versprochen unter Dörflern und Arbeitern aufzuteilen, schnappt sich Dahai seine Schrotflinte und geht auf blutige Bonzenjagd. Den aalglatten Dorfchef erwischt er im Maserati: Leuchtend rote Blutsprengsel auf mondän-orangefabener Luxus-Inneneinrichtung - ein verstörend-faszinierendes Tableau, von denen es in "A Touch of Sin" einige gibt.

Politische Themen sind nicht neu im Kino Jia Zhangkes. 2006 gewann er mit seinem Film über das Leben an der Drei-Schluchten-Damm-Baustelle den Goldenen Löwen von Venedig. Neu ist jedoch die Gewalt, mit der sich der Unmut seiner Protagonisten Bahn bricht: Eine Sauna-Rezeptionistin wird von Männern so lange gedemütigt, bis sie Gebrauch von einem sehr scharfen Messer macht; ein junger Mann findet seinen Lebensinhalt darin, auf offener Straße Reiche zu erschießen und sie zu berauben. Ein anderer versucht, erst in einem dekadenten Nachtclub namens "The Golden Age" als serviler Butler wohlhabender Geschäftsleute zu reüssieren, dann in einer Fabrik für Elektronikteile. Offensichtlich stand der wegen seiner unzumutbaren Arbeitsbedingungen kritisierte Handy-Zulieferer Foxconn Pate. Schließlich stürzt er sich verzweifelt aus einem tristen Arbeiterwohnblock, der zynischerweise mit "Oase des Wachstums" betitelt ist.

Der Griff zur Waffe als letztes Mittel der Selbstverteidigung

Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Chauvinismus, Korruption, plakativer und eindringlicher wurden die Probleme der modernen chinesischen Gesellschaft in den vergangenen Jahren selten auf der Leinwand dargestellt. Schon gar nicht als ein so sarkastisches, immer wieder bitterkomisch überzeichnetes Panorama. Jia zeigt sein Volk als Masse moderner Industrienomaden, umherstreifend zwischen den Megacities des riesigen Landes, konfrontiert mit den Härten des staatlich kontrollierten Kapitalismus. Ihr letztes verbliebenes Mittel der Selbstverteidigung ist der Griff zur Waffe.

Solche Inhalte werden in China zumeist streng zensiert, überbordende Gewalt sowieso. Unlängst verhinderte das den China-Start von Quentin Tarantinos "Django Unchained". Umso überraschender, dass der ehemalige Untergrundfilmer Jia nun in Cannes behauptete, sein brutal anklagender Film habe in der hier gezeigten Fassung nicht nur bereits die Zensurstelle passiert sondern auch die Zusage für einen landesweiten Kinostart erhalten. Jia dreht seit einigen Jahren mit staatlicher Genehmigung und öffentlichen Produktionsmitteln. Dem Branchenblatt "The Hollywood Reporter" sagte er, dass er sich der in seiner Heimat weit verbreiteten Selbstzensur aus Angst vor staatlichen Repressalien verweigere: "Ich will meinen Impulsen folgen und die Geschichten erzählen, die ich als wichtig empfinde".

Dass Chinas ansonsten nicht zimperliche Zensur einen im Kern aufrührerischen Film wie "A Touch of Sin" im eigenen Land zeigen will, wäre eine zu begrüßende und erstaunliche Lockerung der öffentlichen Kontrolle von Kunst und Medien. Wenn es denn wahr ist.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Zensur ist keine chinesische Erfindung
derandersdenkende 18.05.2013
Zitat von sysopIm chinesischen Cannes-Beitrag "A Touch of Sin" geht ein Arbeiter mit der Schrotflinte auf Bonzenjagd. Angeblich hat der offen gesellschaftskritische Film von Regisseur Jia Zhangke die Zensur bereits passiert. Und das, obwohl der Streifen auf realen Begebenheiten beruht. A Touch of Sin: Film aus China in Cannes von Regisseur Jia Zhangke - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/a-touch-of-sin-film-aus-china-in-cannes-von-regisseur-jia-zhangke-a-900681.html)
Sie ist auch hierzulande eine alltägliche Erscheinung und sorgt hier wie dort dafür, daß die vorherrschende Ideologie und die sie tragenden Eliten weitestgehend kritiklos ihren Sermon übers Volk schütten können. In der Regel stellen dies hauptsächlich die Zensierten fest und es soll aber auch welche geben, die halten diese Praxis für Freiheit und Demokratie.
2.
fremdenführer 18.05.2013
Zitat von sysopIm chinesischen Cannes-Beitrag "A Touch of Sin" geht ein Arbeiter mit der Schrotflinte auf Bonzenjagd. Angeblich hat der offen gesellschaftskritische Film von Regisseur Jia Zhangke die Zensur bereits passiert. Und das, obwohl der Streifen auf realen Begebenheiten beruht. A Touch of Sin: Film aus China in Cannes von Regisseur Jia Zhangke - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/a-touch-of-sin-film-aus-china-in-cannes-von-regisseur-jia-zhangke-a-900681.html)
Wahrscheinlich werden diese Begebenheiten in wenigen Jahren auch bei uns zur Realität, wie im Film eben. Die Regierung arbeitet gerade daran.
3. Vielleicht der Beginn einer Kampagne
xxyxx 18.05.2013
Zitat von sysopIm chinesischen Cannes-Beitrag "A Touch of Sin" geht ein Arbeiter mit der Schrotflinte auf Bonzenjagd. Angeblich hat der offen gesellschaftskritische Film von Regisseur Jia Zhangke die Zensur bereits passiert. Und das, obwohl der Streifen auf realen Begebenheiten beruht. A Touch of Sin: Film aus China in Cannes von Regisseur Jia Zhangke - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/a-touch-of-sin-film-aus-china-in-cannes-von-regisseur-jia-zhangke-a-900681.html)
Daß die chinesische Führung diesen Film durch die Zensur ließ und sogar für einen landesweiten Kinostart empfohlen hat, muß nicht überraschen und kann durchaus auch als ein Signal der Parteiführung an korrupte Funktionäre und Kader verstanden werden. Auch 1965, am Beginn der Kulturrrevolution begann die große Abrechnung mit den "Machthabern auf dem kapitalistischen Weg" mit dem überraschenden offiziellen Lob von Theaterstücken, in denen diese bloßgestellt und von Arbeitern zur Rechenschaft gezogen wurden.
4. daß bürger ausflippen kann auch in D geschehen,
wolum 18.05.2013
wenn erst der griff aufs geplante privatvermögen der bürger beginnt, wage ich keine prognose, sondern sehe nur blut und tränen derjenigen, die sich bis jetzt den staat in D zur beute gemacht haben.
5. Quoten-Relativierer
Ptrebisz 18.05.2013
Zitat von derandersdenkendeSie ist auch hierzulande eine alltägliche Erscheinung und sorgt hier wie dort dafür, daß die vorherrschende Ideologie und die sie tragenden Eliten weitestgehend kritiklos ihren Sermon übers Volk schütten können. In der Regel stellen dies hauptsächlich die Zensierten fest und es soll aber auch welche geben, die halten diese Praxis für Freiheit und Demokratie.
Als langjährigem SPON-Leser drängt sich bei mir der Eindruck auf, dass es für jeden Forums-Thread mindestens einen Quoten-Relativierer gibt.
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