Suizidgedanken bei Jugendlichen "Und plötzlich hast du tausend Probleme"

Charleen ist 15, hat eine ganz okaye Familie, eine beste Freundin - und einen Suizidversuch hinter sich. Die Komödie "About a Girl" nähert sich feinfühlig dem Unerklärlichen und punktet mit einer wunderbar motzigen Heldin.

Von Carolin Weidner


Dieser Sommer ist nicht arm an Suizidversuchen. Jedenfalls im Kino. Mike (Alex Ozerow), 16 Jahre alt, probiert es derzeit etwa in "Coconut Hero" mit einer Schrotflinte. Er scheitert und der Film hat damit seinen Boden bestellt. Ganz ähnlich läuft es in "About a Girl" des deutschen Regisseurs Mark Monheim. In ihm ist es Schülerin Charleen (Jasna Fritzi Bauer), die dem Leben treulos werden will. Mit einem plärrenden Föhn stellt sie sich in die halb befüllte Badewanne. Doch der landet gar nicht erst im Wasser. Ein Sturz beendet des Vorhaben. Charleen hat eine krankenhauswürdige Beule. Und obendrein einiges an Psycho-Tamtam um die Ohren.

"Scheiße, ich bin irgendwie nicht davon ausgegangen, dass ich das irgendjemandem erklären muss", mault es aus dem Off. Monheim lässt Charleen immer mal wieder das Geschehen kommentieren. "About a Girl" ist kein nüchterner Blick auf einen leidenden Teenager, ist weniger Beobachtung als ein Sich-Einfühlen.

Ähnlich hat sich Monheim mit dem Heranwachsen schon einmal beschäftigt. Sein Halbstünder "Mit sechzehn bin ich weg" von 2008 begleite Jenny (Lucie Hollmann) in die Provinz. Motor war hier die Mutter, die sich auf der Flucht vor Jennys Vater befand. Im Gegensatz zu "About a Girl" hielt Monheim damals noch eine gewisse Distanz. Jenny: in sich gekehrt, schön, der lange blonde Pony wie ein Schutzwall, gebaut aus Haar. Diesem Mädchen hat man aus der Ferne beim Versuch zugesehen, sich mit einer unliebsamen Situation zu arrangieren. Dafür wurde Monheim im selben Jahr noch mit einem First Steps Award ausgezeichnet. Ein schöner Ansporn, war "Mit sechzehn bin ich weg" doch der Abschlussfilm an der HFF München.

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"About a Girl": Der Fehler im System
Nun also das Langfilmdebüt, "About a Girl", das sich erneut mit einer jungen Frau in der Krise befasst. Dieses Mal aber sehr viel ausführlicher, näher und wärmer. Das liegt auch an Jasna Fritzi Bauer ("Barbara", "Scherbenpark"). Denn sie ist eine, die es schafft, eine besondere Verbindlichkeit herzustellen. Das liegt zum einen am Off-Sprech. Aber es ist auch die Art, wie Bauer ihre Charleen der Umwelt begegnen lässt. Explosiv nämlich und wütend. Charleen motzt und schimpft. Blicke und Gesten sprechen dabei oft eine andere Sprache. Diesen Spagat muss man erstmal hinkriegen.

"Findest du das normal?"

In Wahrheit ist Charleen nichts weiter als überfordert. Das Erwachsenwerden erlebt sie so: "Du wachst morgens auf, und plötzlich hast du tausend Probleme." Oder so: "Das Leben geht weiter, sagen die Leute, wenn was Schlimmes passiert ist. Ich würde mein Leben am liebsten anhalten, mal auf Pause drücken. So lange, bis ich weiß, wie es überhaupt weitergehen soll."

Nach der erfolglosen Selbsttötung ist Charleen angehalten, Reflexionen wie diese auch mit anderen zu teilen. Mit einem Therapeuten zum Beispiel. Der versucht, die Nuss zu knacken. "Mit fünfzehn kann man 'ne Menge Spaß haben. Aber du möchtest lieber tot sein. Findest du das normal?" Tatsache ist, dass es in Charleens Welt eigentlich keine offensichtlichen Gründe gibt, auf die man die Lebensmüdigkeit schieben könnte.

Mutter Sabine (Heike Makatsch) ist eine jung gebliebene, emotional intakte Frau. Schule ist im Großen und Ganzen okay. Eine beste Freundin gibt es auch. Charleen hat zwar an der Trennung ihrer Eltern zu knabbern ("An dem Tag habe ich kapiert, dass das Leben kein Kindergeburtstag ist. Meins jedenfalls nicht"), aber so richtig möchte Monheim das nicht gelten lassen. Der alsbald zurückkehrende Vater Jeff offenbart sich dann auch als liebenswerter Rocker im Modus Junggeselle.

Die Suche nach dem Fehler im System

Da müssen andere Erklärungsmodelle her. Etwa solche, die sich auf Charleens Verkopftheit beziehen, gepaart mit einem gewissen Hang zum Endlichen. Von den Wänden ihres Zimmers leiden Kurt Cobain, Jim Morrison und Jeff Buckley herunter. Alle längst tot, klar. Das ist keine raffinierte Bildsprache. Ebenso wie die Pinocchio-Puppe, die sich im Wartezimmer des Therapeuten an ihre Seite gesellt. Wen belügt Charleen? Sich selbst? Die anderen? Ist alles doch nur Aufgestautes, Abgekapseltes?

"About a Girl" ist ein Suchen nach dem Fehler im System. Monheim macht das unsystematisch, und das ist gut. Noch spannender ist dieses Gefühl, das sich nach und nach breitmacht: Der Suizidversuch passt rein in das gezeigte Leben und fällt doch gleichsam raus.

Irgendwie ergibt er Sinn. Und dann wieder gar nicht. Das ist verstörend. Darin liegt die Intelligenz dieses Films. Charleen selbst bringt es selbst gut auf den Punkt. Als sie auf den um den Kopf gewickelten Verband angesprochen wird, blafft sie bloß: "Ich hatte eben 'nen großen Gedanken."

Sehen Sie hier den Trailer zu "About a Girl"

About a Girl

    D 2015

    Regie: Mark Monheim

    Drehbuch: Mark Monheim, Martin Rehbock

    Darsteller: Jasna Fritzi Bauer, Heike Makatsch, Aurel Manthei, Simon Schwarz, Dorothea Walda, Sandro Lohmann, Nikolaus Frei

    Produktion: Martin Rehbock

    Verleih: NFP (Tobis)

    Länge: 106 Minuten

    FSK: Ab 12

    Start: 6. August 2015

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