"Absolute Giganten" Die geilste Zeit im Leben

Der Regisseur Sebastian Schipper präsentiert mit "Absolute Giganten" seinen ersten Kinofilm ­ eine raue Ballade über das Ende einer Jungs-Freundschaft.


Was tun drei junge Großstadthelden mitten in der Nacht in der Tiefgarage, wenn sie plötzlich die große Sehnsucht packt? Sie wälzen sich auf der Motorhaube ihres Autos im Hamburger- und Pommes-Müll, drehen das Radio auf Maximallautstärke und nehmen Aufstellung für einen Freudentanz ­ zu Marc Bolans Pop-Klassiker "20th Century Boy".

Schipper-Kinofilm "Absolute Giganten": Musical-Glamour in der Tiefgarage
Senator Film

Schipper-Kinofilm "Absolute Giganten": Musical-Glamour in der Tiefgarage

Der Einbruch märchenhaften Musical-Glamours in eine ansonsten eher triste Welt aus Hochhausbeton und Absturzkneipen ist in diesem Film so etwas wie die Erfüllung der allerwildesten Träume: Ein paar wunderbare Augenblicke lang sieht es so aus, als wären Floyd, Ricco und Walter tatsächlich das, was der Filmtitel verspricht ­ "Absolute Giganten" eben. In Wahrheit schlagen sich die drei Burschen, von denen der Schauspieler und Regie-Newcomer Sebastian Schipper in seinem Kinodebüt erzählt, eher als Kleinmurkser durchs Hamburger Leben: Floyd (Frank Giering) hat wegen irgendeiner Jugendstrafe eine Bewährung am Hals und rackert als Krankenpfleger. Ricco (Florian Lukas) jobbt als Buletten-Brutzler in einem Schnellimbiss. Und der dicke Walter (Antoine Monot jr.) ist zwar ein As im Aufmotzen von Motoren, muss sich aber ständig vom Chef der Autowerkstatt, in der er sein Geld verdient, herunterputzen lassen. "Absolute Giganten", schon das ist eine erfreuliche Nachricht, setzt trotzdem nicht auf die Verlierertragik des neueren deutschen Depressionskinos der Nachtwandler und Untergeher. Ob Floyd, Ricco und Walter wirklich Loser sind oder im Lebenslotto nicht doch den Hauptgewinn ziehen, ist nämlich längst nicht ausgemacht.
"Giganten"-Darsteller Giering, Hummer: Hoffen auf den Hauptpreis im Lebenslotto
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"Giganten"-Darsteller Giering, Hummer: Hoffen auf den Hauptpreis im Lebenslotto

In ihren Köpfen jedenfalls bewegen die drei grandiose Pläne: Walter wird seinen Ford Granada, Baujahr 1974, noch weiter aufrüsten (oder gegen einen größeren Schlitten tauschen) und die tollsten Mädchen der Stadt spazieren fahren; Ricco übt Tag und Nacht an seinen Reim-Künsten und wird als Deutschrap-Star die Massen verzaubern; und Floyd wird auf einem Frachter anheuern und irgendwo in der Ferne das Abenteuer suchen. Schippers Film füllt ein Genre mit neuem Leben, das im US-Filmgeschäft in schönster Blüte steht, von deutschen Regisseuren aber meist verschmäht wird: den Abschied von der Kindheit, das Drama des Erwachsenwerdens. Dabei lässt sich schon der Filmtitel als Anspielung auf den größten aller jugendlichen Rebellen verstehen ­ in keinem seiner Filme sah James Dean besser aus als mit geschultertem Schießgewehr in "Giganten". Und wer mag, kann im verschlafenen Augenaufschlag, den weichen Gesichtszügen und der Maulfaulheit des "Absolute Giganten"-Darstellers Giering durchaus Chancen auf einen Spitzenplatz bei James-Dean-Ähnlichkeitswettbewerben entdecken. Doch anders als etwa Thomas Jahns deutscher Kinohit "Knockin' on Heaven's Door" verpflanzt Regisseur Schipper nicht einfach US-Vorbilder in ein nur angeblich deutsches Niemandsland. "Absolute Giganten" nämlich ist nicht bloß ein rau-sentimentaler JungsFilm, sondern eine Kinohuldigung an Hamburg. Wobei man durchaus ein paar sehr schöne Bilder von der Elbe, vom Hafen und der Reeperbahn zu sehen bekommt ­ der Hauptschauplatz des Films aber ist eine Hochhaussiedlung am Rand der Stadt. Das ist der Ort, der Floyd, Ricco und Walter zueinander gebracht hat und mit dem sie eine seltsame Hassliebe verbindet; hier kicken sie auf dem Bolzplatz und flirten mit dem leider ein paar Jahre zu jungen Nachbarmädchen (nett verschlampt und zerbrechlich: Julia Hummer); hier prahlen sie beim Bier mit ihren Tischfußballkünsten und schwärmen von tollen Autos, Musik und krummen Heldentaten; und hier verrät Floyd eines Abends seinen Freunden, dass seine Bewährung überstanden ist und er am nächsten Morgen für immer die Stadt verlassen will. Als Schauspieler arbeitete Schipper, 32, erst im Theater und war in Tom Tykwers Filmen "Winterschläfer" und "Lola rennt" dabei; in seinem von Tykwer produzierten ersten Spielfilm schickt er seine Akteure auf eine nächtliche Abschiedstour mit Verfolgungsjagden, Ausflügen in die Drogenhölle und einem Duell am Kickertisch ­ und zeigt in aller Action-Hektik bewundernswertes Vertrauen in die Genauigkeit und den Witz seiner Darsteller. Insofern sind die Passagen, in denen Schipper seine Helden davon reden lässt, wie groß ihre Sehnsucht sei und wie mies sie sich fühlten, weil nun "die geilste Zeit im Leben" zu Ende gehe, nahezu überflüssig: Das alles haben die Gesten und Gesichter längst ebenso erzählt wie die Musik. Die stammt fast vollständig von Notwist, einer allseits hoch gelobten deutschen Rockband. Zu Hause sind die Notwist-Jungs im bayerischen Weilheim, auch der Regisseur Schipper lebte lange in München, weshalb Erbsenzähler vielleicht darüber rätseln, ob der Hamburg-Film "Absolute Giganten" wirklich authentisch sei. Was natürlich völlig egal ist: Mit solcher Behauptungskraft und so viel umwerfendem Charme hat lange kein deutscher Film mehr Musicalträume und reales Leben miteinander versöhnt. WOLFGANG HÖBEL



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