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Abu-Ghureib-Doku: Folter in Nahaufnahme

Von Lars-Olav Beier

Die Folterbilder aus Abu Ghureib sind ein digitales Mahnmal. Die Dokumentation "Standard Operating Procedure" rekonstruiert nun, wie sie entstanden und welche Folgen sie hatten - ein außerordentlicher Film über die Macht der Bilder und den moralischen Bankrott der USA.

Es waren Schnappschüsse, aufgenommen mit drei billigen Digitalkameras, und sie wurden zu Inbildern. Rund 270 Amateurfotos, die im Herbst des Jahres 2003 im Gefängnis von Abu Ghureib entstanden waren, zeigten die US-amerikanische Militärpolizistin Lynndie England, wie sie einen nackten irakischen Gefangenen an einer Hundeleine herumführte; eine Menschenpyramide aus nackten Häftlingen und einen einsamen Gefangenen auf einem Podest aus Pappe, einen Sack über dem Kopf und Elektrokabel in den Händen - dieses Bild wurde eine Art digitales Mahnmal für die im Irak von US-Truppen begangenen Misshandlungen.

Der Oscar-Preisträger Errol Morris ("The Thin Blue Line", "The Fog of War") hat über die Vorgänge in Abu Ghureib den packenden, eindringlichen und verstörenden Film "Standard Operating Procedure" gedreht. Nun läuft er als erste Dokumentation, die je im Wettbewerb um den Goldenen Bären teilnahm; auf der Berlinale wird er sicher für Furore sorgen. Denn Morris rekonstruiert, was in dem Gefängnis, dessen Name längst zum Synonym für den moralischen Bankrott einer Supermacht geworden ist, vor und nach den kurzen Belichtungszeiten geschah.

"Standard Operating Procedure" (auf deutsch etwa: "Standardverfahren") ist nicht nur eine filmisch sondern auch investigativ-journalistisch eine außerordentliche Leistung. Erstmals äußern sich ein Dutzend der damals handelnden Personen vor der Kamera, meist niedere Dienstränge wie die damals erst 20-jährige England und ihre Kolleginnen Sabrina Harman und Megan Ambuhl. Mal reden sie offen, mal weichen sie aus, mal scheinen sie dreist zu lügen, dann wieder erzählen sie mit frappierender Ehrlichkeit von ihrer schrittweisen Verrohung in Abu Ghureib. Mit einer insitierenden Kamera tastet Morris die Gesichter ab, nimmt sie auf der Suche nach der Wahrheit unter die Lupe.

Seelische Verwahrlosung unter Dauerbeschuss 

Aus den Rechtfertigungsversuchen (England: "Es war okay"), aus Harmans frühen schuldbewussten Briefen in die Heimat, aus den Fotos und - überflüssigerweise - auch aus mit Schauspielern nachgestellten Szenen montiert Morris ein komplexes Werk: Es geht um seelische Verwahrlosung unter Dauerbeschuss, um Befehl und Gehorsam und um die fragwürdigen Kategorien der US-Militär-Rechtsprechung. Diese bewertete die Menschenpyramide schließlich zwar als Verbrechen, die um die Welt gegangenen Bilder des Gefangenen Gillegan mit Kapuze und Kabeln hingegen nur als Dokument einer nicht strafwürdigen "Standing Operating Procedure".

Morris' Beitrag ist aber weit mehr als eine anklagende politische Dokumentation über Folter und Misshandlung, er macht ganz bewusst auch die neue ubiquitäre Macht der digitalen Bilder zum Thema. Ohne sie kein Skandal, keine Aufklärung (anhand der digitalen Bildinformationen wurden Tatzeitpunkte und Täter ermittelt) und keine Verurteilungen. Doch die Bilder, so Morris' These, verschleiern so viel, wie sie zeigen - vor allem die Verantwortlichkeiten.

Für die Vorgänge in Abu Ghureib wurden am Ende nur Soldaten mit niedrigen Diensträngen zur Rechenschaft gezogen - nur diejenigen, die dumm genug waren, sich bei ihren Taten fotografieren zu lassen. Der Militärpolizist Javal Davis, selbst zu sechs Monaten Haft verurteilt, bringt es auf den Punkt: Auf den Bildern seien "nur" Erniedrigungen zu sehen, von der eigentlichen Folter durch die CIA und andere, bei der es in Abu Ghureib auch Tote gab, existierten keine Fotos.

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