Action-Debakel "Knight and Day" Stahlvisage trifft Kicher-Blondchen

In James Mangolds Agentenkomödie "Knight and Day" lächeln sich Tom Cruise und Cameron Diaz an den Rand der Besinnungslosigkeit. Leider erfolglos: Als Schmunzel-Terminatoren bleiben sie auch in Badehöschen unattraktiv.

20th Century Fox

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Wenn man die Hälfte seines 100-Millionen-Dollar-Budgets für das Lächeln der beiden Hauptdarsteller ausgibt, dann sollen die gefälligst ihre Gesichter in Bewegung setzen. So oder so ähnlich hat sich das offenbar Regisseur James Mangold gedacht. Und deshalb grinsen, grienen und wiehern Tom Cruise und Cameron Diaz, die beide Gagen von weit über 20 Millionen Dollar verdienen, als wollten sie jeden einzelnen Dollar wieder hereingrimassieren. Tragikomischer als in "Knight and Day" hat sich die Ökonomie des Blockbusterkinos noch in keinem Film offenbart.

Dabei fragt man sich, weshalb die beiden Stars ausgerechnet in einem Actionreißer, in dem sie von einer mörderischen Situation in die nächste schlittern, ohne Unterlass ihre göttlichen Grübchen zeigen? Das soll wohl mit der Charakterzeichnung zu tun haben: Während Cruise in der Rolle des undurchsichtigen Ex-Geheimagenten Roy Miller seine wahren Ambitionen hinter einem Dauerlächeln zu verbergen versucht, kichert sich Diaz als unbedarftes Blondchen aus manch gefährlicher Situation heraus, in die er sie bugsiert hat.

So übersichtlich die Mimik der beiden Hauptdarsteller, so undurchsichtig ist der Plot: Schuld daran ist eine neuartige, sich selbst aufladende Batterie, die sowohl von spanischen Waffenhändlern als auch von abtrünnigen amerikanischen Nachrichtendienstlern begehrt wird. Cruise verteidigt dieses Wunderwerk als Spionage-Freischärler gegen die einen wie die anderen und nimmt dabei ungefragt die Hilfe der von Diaz gespielten Automechanikerin June Havens in Anspruch.

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Actionthriller "Knight and Day": Grinsen als Gewaltakt

Eine wirklich starke Szene, so fair muss man sein, gibt es gleich zu Beginn: Gerade haben sich die beiden beim Besteigen eines Flugzeugs kennengelernt, da geht sich June auf der Bordtoilette schminken, während Roy der gesamten Crew samt Piloten den Garaus macht. Danach serviert er Drinks, als wäre nichts gewesen. Die Maschine aber fliegt mit leerem Cockpit durch die Nacht.

Lausige Digital-Tricks

Doch was als aberwitziges Szenario eines Kontrollverlusts daherkommt, wird bei näherer Betrachtung zum Sinnbild für die ganze Machart des Blockbusters: Einen Piloten gab es hier anscheinend auch nicht. Regisseur Mangold, der sich mit Polizei-Krimis wie "Copland" oder Neo-Western wie "Todeszug nach Yuma" als Genre-Fachmann hervorgetan hat und klassische Suspense-Stoffe ansonsten in ihrer innersten Logik durchdringt, ist mit seiner explosiven Agentenkomödie irgendwie überfordert.

Ohne jede Plausibilität schlägt sein Film an allen möglichen Touristenzielen auf: Auf den Azoren oder an der kalifornischen Küste, in Salzburg oder Sevilla. Es wirkt ein bisschen, als hätte ein großer Touristikveranstalter die Route vorgegeben.

Wenn aber die Hälfte des Budgets für die Stars draufgeht und die andere für Reisekosten, dann bleibt für Stunts oder Spezialeffekte kein Geld mehr übrig. So lausige digitale Nachbearbeitungen wie in "Knight and Day" hat man schon lange nicht mehr in einer Hollywood-Großproduktion gesehen. Besonders die gepixelten Stiere bei einer Verfolgungsjagd durch Sevilla wirken wie aus einem anderen Film hereinkopiert.

Unter Gesichtspunkten des Actionkinos ist dieses Werk ein Super-GAU. Das fällt gerade im Vergleich mit seinen direkten Genre-Vorbildern auf: Anders als bei James-Bond- oder Bourne-Filmen, aber auch anders als bei Cruises eigener "Mission Impossible"-Serie, werden die authentischen Orte in "Knight and Day" nicht in eine fiktive Handlung eingewoben - sie werden einfach schnöde in den Computer eingespeist und dort zur digitalen Kulisse.

Kein Gramm zu viel

Das einzige, was in "Knight and Day" echt ist, sind die Körper der Stars. Und mit diesen geht der Regisseur auch entsprechend hausieren. Diaz ist inzwischen Ende 30, Cruise Ende 40. Beide sind eigentlich schon auf dem Sprung ins Charakterfach gewesen. Diaz etwa spielte in dem Sterbemelodram "Beim Leben meiner Schwester" ohne jeden Grübchenschmu eine überforderte Mutter, Cruise in "Operation Walküre" mit steifer Noblesse den kriegsversehrten Nazi-Widerständler Stauffenberg.

Doch nun zeigen sie, vielleicht weil mit Charakterdarstellungen einfach keine Mega-Gagen zu machen sind, noch einmal ihre makellosen Körper. Beim handlungstechnisch vollkommen unmotivierten Kokosnussaufschlagen am Strand eines Südseeparadieses fährt die Kamera genüsslich um die Hüft- und Bauchpartien der beiden Stars herum: kein Gramm zu viel! Was als künstlerische Schmach für Regisseur Mangold daherkommt, ist zugleich ein Sieg für die Personal Trainer von Cruise und Diaz.

An alte Superstar-Zeiten anschließen können die beiden Hauptdarsteller mit "Knight and Day" trotzdem nicht. Und das liegt daran, dass ihnen beim überhitzten Witz die wohltemperierte Ironie abgeht, die solch ein Stoff zur gelungenen Umsetzung bedarf.

Zwei deutliche Bezugsgrößen des Films sind Stanley Donens "Charade" und Alfred Hitchcocks "Der unsichtbare Dritte" - doch gerade daran lässt sich Cruises Vermessenheit besonders gut dokumentieren: Selbst wenn er einen Actionfilm dreht, tut er das zur Image-Veredelung. In den beiden Klassikern kämpfte sich ein damals schon weit über 50 Jahre alter Cary Grant durch Verschwörungsszenarien, die ihn an die schönsten Touristen-Spots der Welt führten; im Nacheifern des großen alterslosen Gentleman Grant sucht Cruise nun einen Ausweg aus der Misere des Älterwerdens.

Schmunzelnde Stahlvisage

Doch während es Cary Grant gelang, trotz sardonischen Lächelns stets hochkonzentriert und extrem empfindsam zu agieren, verwechselt Cruise Ironie mit Teilnahmslosigkeit. Egal, ob seine Figur kopfüber aufgehängt in irgendeinem Verlies auf die Exekution wartet, oder ob der geliebte weibliche Sidekick im Kugelhagel der Feinde niedergemäht zu werden droht - stets schmunzelt Cruise mit unangemessener Stahlvisage vor sich hin.

Bei allen absurden Gefahren, denen der Agent ausgesetzt ist: Ein Hochofen, der das Aggro-Lächeln dieses Grins-Terminators zum Schmelzen brächte, ist leider nicht dabei.



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
angst+money 21.07.2010
1. ok
Diese Kritik glaube ich unbesehen. Bis auf den Schnitzer, dass "Der unsichtbare Dritte" mit dem "Dritten Mann" verwechselt wird.
Ireland 21.07.2010
2. kann man nicht anschauen...
Kudos für den Redakteur, der den Film bis zum Ende geschafft hat - denn er ist eine einzige Qual. ich nehme an das ist der Grund für die gepixelten Stiere: http://www.aceshowbiz.com/news/view/00029054.html
Haio Forler 21.07.2010
3. .
Zitat von sysopIn James Mangolds Agentenkomödie "Knight and Day" lächeln sich Tom Cruise und Cameron Diaz an den Rand der Besinnungslosigkeit. Leider erfolglos: Als Schmunzel-Terminatoren bleiben sie auch in Badehöschen unattraktiv. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,707538,00.html
Thomas Kreuzer konnte noch nie schauspielern. Als wandelnder Kleiderständer scheint er aber immer noch Leute anzuziehen. Cocktailfresse, mehr nicht.
gummiball2 21.07.2010
4. Null Ahnung von Physik
Als Zuschauer graut es mich immer, wenn ich sehe, wie irgendwelche Stunts mit Computerhilfe "umgebogen" werden. Das ist in diesem Film auch nicht anders. Da wird mal eben mit dem Motorrad in die Luft gesprungen und Cruise landet (ohne einen einzigen blauen Flecken) auf der Motorhaube einen schnell fahrenden Autos. Die Newtonsche Mechanik ist in Hollywood völlig außer Kraft gesetzt. Den Regisseuren empfehle ich den Physik-Nachhilfekurs der Volkshochschule. Dazu paßt auch: 3 Engel für Charlie Das A-Team ... P.S. das Motorrad landet neben dem Auto im Fluß mit einer seeeeehr schlecht berechneten Wasserfontäne. Aber das Thema gab es schon in der Kritik.
Teoem 21.07.2010
5. Titel:
Der Film verspricht ja mal wieder ein typisches Feuerwerk der guten Unterhaltung mit Tom Cruise zu werden. Mir ist bei diesem Hauptdarsteller mein Geld zu schade.
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