Action-Schocker "Apocalypto" Blutrausch in der grünen Hölle

Es ist ein grausamer Action-Thriller vor exotischer Kulisse: Am Donnerstag läuft das Maya-Epos "Apocalypto" an, in dem Regisseur Mel Gibson hemmungslos seine Gewaltphantasien auslebt. Ein Comeback ist dem in Verruf geratenen Filmemacher sicher, in den USA steht der Film auf Platz eins.

Von Jenny Hoch


"Angst ist eine Krankheit", sagt der weise Stammesfürst zu Beginn des Films zu seinem Sohn Jaguarpfote, und so lange er lebe, werde er nicht zulassen, dass sich sein Dorf damit infiziere. Ein frommer Wunsch, denn der Häuptling hat seine Rechnung ohne den Regisseur gemacht. Tatsächlich haben weder die Herrscher, noch irgendwelche höheren Mächte in der grünen Hölle des mexikanischen Dschungels das Sagen, sondern der umstrittene Filmemacher Mel Gibson. Gottgleich lässt er in seinem Spektakel "Apocalypto" das Maya-Reich des frühen 15. Jahrhunderts wiederauferstehen – um es in einem fiebrigen und äußerst brutalen Action-Schocker sogleich wieder untergehen zu lassen.

Mit dem Altvorderen, der als einer der letzten Vertreter der alten Ordnung gelten darf, die seit Generationen das beschauliche Leben eines Maya-Stammes regelt, macht Gibson kurzen Prozess: Vor den Augen seines Sohnes wird er von einem feindlichen Krieger massakriert, und ab sofort durchdringt die Angst jede Faser dieser frühen Gesellschaft, es regieren Gewalt und Brutalität.

Er habe einen Film über die Angst machen wollen, hatte Mel Gibson selbst über sein blutrünstiges Werk gesagt, bevor es in den USA in die Kinos kam. Und nimmt man die 14,3 Millionen Dollar Einspielergebnis als Messlatte, mit denen sich "Apocalypto" am Startwochenende auf Platz eins der Charts katapultierte, dann hatte Gibson, der berühmt ist für seine filmischen Gewaltexzesse, mal wieder den richtigen Riecher: Angst und Action kommen an. Daran konnte weder die schlechte Presse über seine jüngsten antisemitischen Ausfälle etwas ändern, noch die Debatten um seinen blutrünstigen Film "Die Passion Christi", der ebenfalls unter Antisemitismusverdacht stand.

Tatsächlich scheint "Mad Mel", wie Gibson in den USA halb bewundernd, halb abwertend genannt wird, mit "Apocalypto" den eigenen Untergang als Hollywood-Ikone noch einmal abwenden zu können. Noch vor kurzem galt der einstige Schauspielstar und Erfolgsregisseur als teuflischer Charakter: Nachdem er von der kalifornischen Polizei betrunken hinter dem Steuer seines Autos hervorgezogen worden war und neben anderen wüsten Beschimpfungen "den Juden" Schuld "an allen Kriegen dieser Welt" gab, wendete sich Hollywood von ihm ab. "Es gibt Zeiten, in denen der Kampf gegen Bigotterie und Rassismus wichtiger als Geld ist", schrieb etwa der mächtige Filmagent Ari Emanuel, und viele Produzenten, Manager und Schauspieler folgten seinem Aufruf.

Einen Oscar für das grausige Werk?

Doch mit dem enormen Erfolg des Films an den Kinokassen und den überwiegend positiven Kritiken scheinen Gibsons Missetaten auf einmal vergessen. Schließlich, so wird argumentiert, müsse man den Filmemacher Gibson unabhängig von der Privatperson Mel beurteilen. Und er habe nun mal ein "herzergreifendes" Werk ("Hollywood Reporter") von "schmerzhafter Schönheit" ("Rolling Stone") geschaffen. Das beliebteste Klatschthema in Hollywood ist derzeit, wie sich die Mitglieder der Academy in diesem heiklen Fall wohl verhalten werden. Die Zeichen, dass der Film Chancen auf einen Oscar hat, stehen gut: "Wenn der Typ einen Klassiker abgeliefert hat, werde ich womöglich für ihn stimmen, und hey, ich bin Jude!", zitierte die "New York Times" einen Mitarbeiter der Produktionsfirma von Harvey und Bob Weinstein.

Ohne Zweifel hat Gibson Talent als Action-Filmer: "Apocalypto" rauscht von der ersten bis zur letzten Minute in hohem Tempo am atemlosen Zuschauer vorbei, die extrem bewegliche Digitalkamera von Dean Semler bleibt immer dicht am grausigen Geschehen und bringt sogar das Kunststück fertig, für Sekunden die Perspektive eines abgeschlagenen Kopfes einzunehmen.

Außerdem kann sich Gibson zugute halten, dass er sich als erster Hollywood-Filmer der Hochkultur der Maya angenommen hat. Dass er dafür ausschließlich Laiendarsteller aus Nord-, Mittel- und Südamerika gecastet hat, zeugt von Mut. Wie schon in "Passion Christi" sprechen die Schauspieler nicht etwa Englisch, sondern ihre ursprüngliche Sprache. Auch das war eine kluge Entscheidung, denn die Sprachbarriere verstärkt den Eindruck einer in sich geschlossenen Welt, deren inneren Zerfall Gibson zeigen will.

Opfer für den Sonnengott

Wie um sich von den Vorwürfen reinzuwaschen, rassistische oder gewaltverherrlichende Filme zu machen, hat Mel Gibson immer wieder betont, in "Apocalypto" besonderen Wert auf die Authentizität der Darstellung der Maya-Kultur gelegt zu haben. Er engagierte eigens Wissenschaftler, die sich für die Echtheit der Szenen verbürgten. Doch abgesehen davon, dass die Forschung bis heute den Niedergang einer Hochkultur wie die der Maya tatsächlich nur bruchstückhaft rekonstruieren kann, offenbart dieses Vorgehen im besten Fall ein eher naives Verständnis von Authentizität.

Tatsächlich dienen die Hundertschaften martialisch mit Tattoos, Brandnarben und Piercings geschmückter dunkelhäutiger Maya-Krieger ausschließlich als Projektionsfläche für Gibsons Gewaltphantasien. Er inszeniert sie als lendenbeschürzte Barbaren, die sich gegenseitig abschlachten. Wobei die Hauptfigur Jaguarpfote den Typus des edlen Wilden verkörpert, der im Laufe seines eigentlich aussichtslosen Kampfes gegen sadistische Machthaber über sich selbst hinauswächst.

Die Handlung ist dementsprechend schlicht: Böse Maya-Krieger metzeln in endlosen Sequenzen ihre friedlichen Brüder nieder und nehmen die Besten gefangen. Die Frauen werden auf dem Sklavenmarkt verkauft, die Männer sollen dem Sonnengott geopfert werden. Unter ihnen ist auch Jaguarpfote, dem es vor der gewaltsamen Verschleppung in die steinerne Maya-Stadt gelungen ist, seine hochschwangere Frau und seinen Sohn in einer Höhle zu verstecken. Als er dem Opfertod knapp entgeht - das Herausreißen der Herzen seiner Mitgefangenen bei lebendigen Leibe wird genüsslich in Großaufnahme zelebriert -, beginnt eine Hetzjagd durch den Dschungel, die wiederum unzählige weitere Möglichkeiten zu Gewaltdarstellungen gibt.

Vorboten einer dunklen Zukunft

Seinen kulturpessimistischen Feldzug im Actionfilm-Mantel garniert Mr. Gibson mit groben Zeichen: Die blutgierigen Hohepriester und Herrschenden in der Stadt sind dümmlich, dick und degeneriert. Die Spuren ihrer verderbten Zivilisation sind blutige Massengräber, madige Kokosnüsse, ausgetrocknete Flüsse und vertrocknete Felder. Ein Waisenkind mit Wundmalen im Gesicht sieht böse Omen heraufziehen.

Einem Exorzisten gleich, versucht Mel Gibson, Böses mit Bösem zu vertreiben. Mit an Obsession grenzender Liebe zum ekelerregenden Detail, zoomt er immer näher an gemarterte Physiognomien und klaffende Wunden heran und erfindet immer krudere Todesarten.

Es sind junge Männer, die in diesem sadistischen Purgatorium am meisten zu leiden haben. Tatsächlich bietet Mel Gibson in "Apocalypto" eine Variation seines immer wiederkehrenden Themas der Schändung und Zerstörung des männlichen Körpers. In seinem mittelalterlichen Schlachtspektakel "Braveheart" etwa erlegte er sich als Hauptdarsteller eine wahnwitzig brutale Folterszene auf. Im Gangsterfilm "Payback" spielt Gibson den Antihelden Porter, dem gleich in der alptraumhaften Anfangssequenz Pistolenkugeln aus dem Rücken geschnitten werden. In "Million Dollar Hotel" verkörpert er den FBI-Agenten Skinner, dessen Körper nur noch durch ein High-Tech-Stützkorsett zusammengehalten wird. Zuletzt, in "Die Passion Christi", kulminierte die drastische Darstellung gemarterter Leiber in einer beinahe pornografischen Vision der letzten Stunden des Jesus von Nazareth.

In "Apocalypto" zeigt sich das Männer-Leiden exemplarisch an der Entwicklung des Hauptdarstellers Jaguarpfote, furios dargestellt von dem jungen Cherokee Rudy Youngblood, der nie zuvor in einem Film mitgespielt hat. Als einzigem gesteht ihm Gibson so etwas wie eine Persönlichkeit zu, immerhin soll er dem weißen Kinozuschauer als Identifikationsfigur dienen.

Die Zurichtung des kriegsversehrten Körpers des Mannes auf seiner Flucht vor den Häschern ist vielgestaltig: Als Menschenopfer wurde er blau angemalt, diesen niederen Status wäscht er ab, als er todesmutig einen tosenden Wasserfall hinunter springt. Als nächstes gerät er in einen schwarzen Sumpf und damit vollzieht sich die wahre Metamorphose: Der Mensch wird zum Tier, Jaguarpfote verwandelt sich symbolisch in sein Patentier. Auf allen Vieren hetzt er weiter, der Rettung seiner Familie entgegen. Erst nach vollbrachter Tat erfolgt die Rückverwandlung in eine menschliche Kreatur, der es – welch Triumph des Willens - gelungen ist, die eigene Angst zu besiegen.

Leider muss man zweieinhalb Stunden Gemetzel durchstehen, bis Gibson endlich offenbart, dass er auch zu subtilen Zwischentönen fähig ist. Denn es ist tatsächlich bemerkenswert, wie der Regisseur in der Schlusssequenz das vordergründige Happy End mit der dunklen Zukunft des Maya-Geschlechts verknüpft. Nur so viel sei verraten: Der wahre Feind kommt aus dem Meer.



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