"Das Bourne Vermächtnis": Super-Junkie auf Entzug

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Neuer Darsteller, neue Story, aber leider viel weniger Drive als die Vorgänger: Nach Querelen hinter den Kulissen übernahm Drehbuchautor und Regisseur Tony Gilroy die erfolgreiche Bourne-Serie und ersetzte in "Das Bourne Vermächtnis" Matt Damon mit Action-Newcomer Jeremy Renner.

Das Timing war eigentlich perfekt. Der neue Bond-Film "Skyfall" wird erst in ein paar Monaten anlaufen, es wäre folglich ein leichtes für Universal Pictures gewesen, den Konkurrenten von Sony zu zeigen, wo die echte, zeitgemäße Agenten-Action gemacht wird. Wäre "Das Bourne Vermächtnis" der Film, den man hätte erwarten können, hätte good old 007 unter Umständen langsam und gemächlich gewirkt. Doch bis auf weiteres kann die Bond-Crew entspannt auf den Winter warten, denn der vierte Bourne-Film, der diese Woche in Deutschland startet, lässt einiges zu wünschen übrig.

Die Reihe um den seiner Identität beraubten CIA-Agenten Jason Bourne setzte in den vergangenen Jahren neue Maßstäbe für rasante Action-Stoffe. Das war vor allem dem Team um Regisseur Paul Greengrass, Hauptdarsteller Matt Damon und Drehbuchautor Tony Gilroy zu verdanken, die den vielfach abgewandelten Thriller-Stoff von Robert Ludlum zu einem hypernervösen, manchmal schlichtweg virtuosen Katz-und-Maus-Spiel um den Globus verdichteten. Der bisher letzte Teil "Das Bourne Ultimatum" (2007) gehört mit seiner schwebenden, unruhigen Handkamera sowie Faustkämpfen und Verfolgungsjagden an der Schmerzgrenze der visuellen Rezeption zu den besten Action-Filmen der jüngeren Kinogeschichte. Aber dann gab es Streit.

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"Das Bourne Vermächtnis": Der Ritalin-Renner
Und der war eigentlich absehbar. Denn Autor Gilroy, ein Meister des Verschwörungs-Thrillers ("Michael Clayton") kam schon lange nicht mehr zurecht mit der Art und Weise, wie Regisseur Greengrass ("United 93") seine Filme machte. Kinetik und Dynamik kommen bei dem Briten stets vor Skript-Treue, das Drehbuch dient lediglich als Ausgangsbasis für Ideen, die sich beim Filmen ergeben. Für Gilroy hingegen ist das Skript heilig. Branchen-Berichten zufolge hasste der New Yorker Autor die ersten beiden Bourne-Filme und ließ sich in den Vertrag für den dritten eine Klausel schreiben, die es ihm ermöglichte, am Set nicht mit Greengrass kommunizieren zu müssen. Die Crux: Sowohl Greengrass als auch Gilroy erhoben Anspruch, die Tonangeber des erfolgreichen Kino-Franchise zu sein.

Der vorläufige, womöglich endgültige Bruch kam, als Greengrass und Matt Damon in der Zeit zwischen zwei Bourne-Filmen den Thriller "Green Zone" drehten - und das Budget explodierte. Bei Universal, wo man "Green Zone" als billiges Goodie eingeplant hatte, um die beiden Kassenbringer bei Laune zu halten, war man darüber nicht amüsiert und entschied sich letztlich für Gilroy als Autor und Regisseur für einen vierten Bourne-Film. Matt Damon jedoch, der in Interviews immer mal wieder gegen Gilroy gestichelt hatte, zeigte sich loyal gegenüber Greengrass - und stieg vorerst aus dem Franchise aus.

Ein neuer Hauptdarsteller musste also her - und der fand sich in Jeremy Renner. Ein Glücksgriff in vielerlei Hinsicht, denn Renner, Oscar-nominiert für seine Rollen in "The Hurt Locker" und "The Town", ist einer der kommenden Top-Stars von Hollywood und ein Typ, der, ähnlich wie Damon, Körperlichkeit und Charakter gleichermaßen überzeugend darstellen kann.

Superagent als Super-Junkie

In "Bourne Legacy" spielt er Aaron Cross, einen jener psychisch wie physisch manipulierten Agenten, die der CIA in den aus den früheren Filmen bekannten Ultrageheimexperimenten Treadstone und Blackbriar als ultimative Menschenwaffe erschaffen haben. Zu Beginn des Films kämpft sich Cross, auf Körperkraft und Überlebensinstinkte zurückgeworfen, im Rahmen einer Trainingseinheit durch eine winterliche Gebirgslandschaft. Doch bald muss er sich vor dem militärisch-industriellen Komplex verstecken, der ihn zu dem gemacht hat, was er ist. Wie zuvor Jason Bourne rennt, rast und prügelt Cross, einst Elite-Soldat im Irak, um sein Leben und findet nach und nach heraus, was mit ihm geschehen ist.

Dramaturgisch wagt Tony Gilroy das unerhörte Experiment, den Beginn von "Vermächtnis" chronologisch parallel zum letzten Akt von "Ultimatum" ablaufen zu lassen. Während Bourne in England entscheidende Informationen über die Geheimprogramme an die Presse gibt, geraten die Funktionäre in der CIA-Zentrale (wieder dabei: Scott Glenn und David Strathairn) unter Druck, ihre Machenschaften zu vertuschen. Der als "Cleaner" eingesetzte Colonel Byer (Edward Norton) beschließt (hier streckt sich das Drehbuch arg nach der Plausibilität), die in aller Welt eingesetzten Superagenten einfach auszuschalten, folglich auch Aaron Cross.

Durchaus spannend auch, wie Gilroy die übernatürlichen Kräfte dieser zu Kampfmaschinen umfunktionierten Ex-Soldaten erklärlich macht: Cross muss sich in regelmäßigen Abständen eine blaue und eine grüne Pille zuführen. Diese "Chems", wie er sie nennt, sind pharmazeutische Wundermittel, die Muskeln und Hirn zu Höchstleistungen antreiben. Das Problem: Wenn Cross die Pillen absetzt, verfällt er in die posttraumatische Katatonie, aus der ihn die Blackbriar-Leute nach seinem Kriegseinsatz holten. Der Superagent ist also in Wahrheit ein Super-Junkie, und so geht es ihm, nachdem er dem ersten Mordanschlag seiner Chefs entronnen ist, zunächst ausschließlich darum, den Drogennachschub zu gewährleisten. Zu diesem Zweck kidnappt er eine Ärztin (Damsel in distress: Rachel Weisz), die er von seinen Kontrollterminen kennt. Zusammen flüchten sie aus den USA nach Manila, wo die Pillen synthetisiert werden.

An dieser beschaffungskriminellen Komponente des Films ist rein gar nichts auszusetzen, im Gegenteil, gerade in diesem von Tricktechnik unterstützten Superhelden-Spektakeln jeglicher Couleur (Batman, Avengers, Expendables) dominierten Kinojahr stellt sich mehr denn je die Frage nach der physikalischen Glaubwürdigkeit.

"Das Bourne Vermächtnis" kontert auf Old-School-Art und kommentiert nebenbei nicht nur die Überreizungen seines Regie-Vorgängers, sondern auch den zeitgeistigen Körperkult und Perfektionswahn. Jeremy Renner, der in "The Avengers" den Comic-Helden Hawkeye spielt und den Großteil der Stunts selbst absolvierte, spielt Aaron Cross feinnervig wie einen ADHS-Patienten auf Ritalin-Entzug. Er etabliert sich mit seiner ersten tragenden Action-Rolle als kompetenter leading man.

Doch all das - und eine extrem ausgedehnte Motorrad-Verfolgungsjagd mit spektakulärem Finale - reicht letztlich nicht aus, um den ganzen Film zu tragen, zumal, wenn man ihn zwangsläufig mit seinen Vorgängern vergleichen muss. Zu langatmig und zerfasert gibt sich "Das Bourne Vermächtnis", bis er nach gut einer Stunde Laufzeit endlich ein angemessenes Tempo erreicht.

Die Inszenierung ist ermüdend konventionell: Verschwunden sind die waghalsigen Kamera-Operationen, das Gefühl, den Protagonisten unbequem nah auf die Pelle zu rücken - kurzum alle Elemente, mit denen Paul Greengrass die angespannte Atmosphäre seiner Thriller fast körperlich erfahrbar machte. Unter Gilroys Regie schrumpft die einst superlative Bourne-Reihe auf ein solides Durchschnittsthrillermaß.

Ein paar grüne und blaue Pillen hätten gut getan.

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Nikita Klon?
freeride4ever 11.09.2012
das mit den Chems klingt verdammt nach der US Serie Nikita...
2. Ich finde das Konventionelle
Palisander 11.09.2012
hate dem Film ganz gut getan. Diese hektischen und nervösen Zerrbilder sind mittlerweile doch arg veraltet. Ich finde es ist ein hübscher Agentenfilm entstanden, der in einer Szene sehr gut demonstriert wie ein kaltblütiger Amoklauf wirklich passiert. Dennoch gebe ich Ihnen recht, so richtig zündet der Film nicht. Ich denke aber das liegt eher an dem etwas dünnem Drehbuch und der arg vorhersehbaren und unaufregenden Story. Irgendwo fehlt etwas. Ich kann aber nicht sagen wo. Die Darsteller sind eigentlich hervorragend, und das Tempo ist auch ok.
3. Malaysia??
spon-facebook-633186710 11.09.2012
Der Beitrag war gut bis Malaysia erwaehnt wurde. Die letzten Teile des Films spielen in Manila und Palawan auf den Philippinen !
4.
ichbineinschaf 11.09.2012
Zitat von freeride4everdas mit den Chems klingt verdammt nach der US Serie Nikita...
Das habe ich auch sofort gedacht... Aber wenn's zu einem besseren Film beiträgt, ok. Einerseits schön, dass die 3 ersten Bourne-Filme so gut waren und Massstäbe setzen konnten, die nach wie vor unerreicht sind. Andererseits schade, dass wir noch länger auf etwas vergleichbares warten müssen. In der letzten Zeit enttäscuen die Kinofilme regelmässig, dafür entschädigen die Serien. Sons of Anarchy season 5 ab heute :)
5. optional
Llares 11.09.2012
Ich mag die Bourne- Filme, aber teilweise waren sie echt anstrengend zu gucken. Diese wackeligen Handkameras sind manchmal einfach zu viel. Meiner Frau wird dabei richtiggehend schlecht. Und auch die Schnitte waren mir manchmal zu schnell. Man aht überhaupt nicht mehr gesehen, was passiert. Und das sage ich als Shooter- gestählter PC- Spieler^^
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Das Bourne Vermächtnis

USA 2012

Originaltitel: The Bourne Legacy

Regie: Tony Gilroy

Buch: Tony Gilroy, Dan Gilroy

Darsteller: Jeremy Renner, Rachel Weisz, Edward Norton, Stacy Keach, Scott Glenn, David Strathairn

Produktion: Bourne Film Productions, Captivate Entertainment, Universal Pictures

Verleih: Universal

Länge: 135 Minuten

Start: 13. September 2012