Actionfilm "Mission: Impossible 4" ... und plötzlich ist Tom Cruise sympathisch!

Wenn das keine unmögliche Mission ist: Ein Regisseur, der bisher nur Animationsfilme gedreht hat, eine Action-Saga, die ihre besten Zeiten hinter sich hat, und Tom Cruise, der wohl meistgehasste Hollywood-Star. Trotzdem ist der vierte Teil der "Mission: Impossible"-Reihe grandios.

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Eigentlich kann ich Tom Cruise nicht mehr sehen. Dieses schiefe Gewinnergrinsen, dieser hündische Blick von unten, wenn er Betroffenheit oder Ernsthaftigkeit darstellen soll. Dieser komisch watschelnde Gang aus dem Hohlkreuz, der roboterhafte Laufstil, die zur Schau gestellten Power-Workout-Muskeln - nicht meins. Von Scientology mal ganz zu schweigen. Kein Wunder also, dass ich Cruise am besten fand, als er in "Tropic Thunder" mit Ganzkörper-Latexmaske den fiesen Filmproduzenten Les Grossman spielte und am Ende sehr selbstironisch einen hinreißenden HipHop-Tanz hinlegte - man erkannte ihn nicht wieder, und das war erfrischend.

Cruise ist ein Phänomen: Seit Jahren gehört er zu den meistgehassten Hollywood-Stars, spült aber gleichzeitig immer wieder Millionenbeträge in die Kinokassen, wenn er die Hauptrolle spielt. Egal, wie schlecht der Film ist. Sein letzter, furchtbar käsiger Actionfilm, "Knight and Day" mit Cameron Diaz, spielte letztlich dann doch noch das Doppelte seines Budgets von knapp 120 Millionen Dollar ein. Cruises seit 1996 laufende "Mission: Impossible"-Reihe setzte bereits rund zwei Milliarden Dollar um. Dabei war die letzte Episode, wiewohl vom durchaus begabten "Lost"-Schöpfer J.J. Abrams gedreht, an Humorlosigkeit nicht zu überbieten - und Cruise nun mal der limitierte Schauspieler, der er ist: Grinsen, Hundeblick, Laufen, Ballern, aus. Reicht anscheinend, um jede Menge Geld zu verdienen. Also noch ein Teil. Sympathischer machte ihn das aber nicht. Bisher.

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Action-Spektakel mit Tom Cruise: Mission durchaus possible
Doch das ändert sich im vierten Teil. Zwar ist die Handlung schlicht wie in den bisherigen Folgen: Cruise alias IMF-Superagent Ethan Hunt muss die Welt vor einem durchgeknallten Wissenschaftler (nordisch und gemein: Michael Nyqvist) retten, der glaubt, die Welt wäre friedlicher, wenn man sie mit nuklearen Waffen komplett in Schutt und Asche legt. Zusätzliche Schwierigkeit: Hunt und seinem Team fehlt die technische und materielle Unterstützung seines Hauptquartiers, da die gesamte US-Geheimabteilung (ohne Witz: IMF steht für "Impossible Mission Force") desavouiert wurde, nachdem zu Beginn des Films der halbe Kreml in die Luft fliegt und Hunts Leute für dieses diplomatische Desaster zu Unrecht verantwortlich gemacht werden.

Improvisation und Selberbasteln

Man ist also vermehrt auf Improvisation und Selberbasteln angewiesen, was dem Film schon mal sehr guttut, denn in Teil zwei und drei tat die immer pompöser werdende Material- und CGI-Schlacht dann doch schon sehr in den Augen weh. "Phantom Protokoll", oder besser gesagt: Regisseur Brad Bird, schafft es, die erstarrte Serie wieder zum Schwingen zu bringen. Eine fast unmöglich scheinende Mission, bedenkt man, dass Pixar-Veteran Bird mit dem Cruise-Vehikel seinen ersten Realfilm drehte und sein Hauptdarsteller als Hauptproduzent auch noch bei jedem Detail mitreden durfte.

Doch Cruise, ob man ihn nun mag oder nicht, wäre nie zu einer konstanten Hollywood-Größe geworden, wenn er nicht die Schläue besäße, stets die richtigen Leute zur richtigen Zeit um sich zu versammeln. Der fast 50-Jährige weiß natürlich um sein Image und holte sich mit Bird einen in der Branche anerkannten, wenn nicht verehrten Regisseur, der mit den animierten "Incredibles" bewies, was für ein grandioses Gespür für perfekt choreografierte Action er besitzt, und mit "Ratatouille" zeigte, wie man normalerweise ungeliebte Charaktere so gewitzt inszeniert, dass man sogar Ratten ins Herz schließt.

Timing ist alles

Und so stellt man am Ende von "Phantom Protokoll" verdutzt fest, dass Tom Cruise ja doch sympathisch sein kann, wenn um ihn herum mal nicht alles so bierernst abläuft. Denn wenn das große, pumpende Herz dieses Films die wie immer aufwendig inszenierte Action ist, dann ist seine Seele ein selbstironischer Humor, der dieser Filmreihe bisher fremd war. Das beginnt bei der präzise getakteten Anfangssequenz, in der sich Cruise aus einem ungarischen Gefängnis herausprügeln muss, während über die Knastlautsprecher Dean Martins launiger Schlager "Ain't That a Kick in the Head" dudelt - und endet bei den Slapstick-Einlagen und britisch-trockenen Punchlines von Technik-Nerd Benji, der wie schon im dritten Teil von Simon Pegg ("Shaun of the Dead") gespielt wird, diesmal aber eine wichtigere Rolle hat.

Timing, was Dramaturgie und Dialoge betrifft, nimmt einen viel größeren Raum ein als in den früheren Filmen der Reihe. Zeitweise, etwa bei einer minutiös geplanten parallelen Dokumenten- und Diamantenübergabe mit Bösewichten in zwei Hotelzimmern, fühlt man sich an die hochspannenden und virtuos inszenierten Elemente von "Ocean's Eleven" oder "Inception" erinnert.

Solche eleganten Momente ergänzen Action-Glanzstücke wie etwa Cruises Freeclimbing-Einsatz am höchsten Gebäude der Welt, dem Burdsch Chalifa in Dubai: Nur mit zwei elektronischen Saugnapf-Handschuhen hängt er an den nackten Glasscheiben des Wolkenkratzers und muss mehrere Stockwerke nach oben klettern - eine doppelte Hommage an die Vorgängerfilme, denn schon im ersten Teil spielten Magnet-Haltegriffe eine größere Rolle; im dritten schwang sich Cruise/Hunt zwischen den Bürotürmen Shanghais hin und her. Höher, schneller, weiter als das, lautete wohl die Devise - und das kommt auch bei einer Verfolgungsjagd im Sandsturm und beim Finale in einem automatisierten Parkhaus mit auf- und absausenden Plattformen zum Tragen. Sagen wir mal so: Sam Mendes, der Regisseur des nächsten Bond-Films, wird sich "Phantom Protokoll" sehr genau ansehen - und dann aufrüsten müssen, wenn er diesen hohen Standard im traditionellen Actiongenre halten will.

Doch Mendes wird Daniel Craig als emotionales Zentrum seines Films haben, und Cruise ist kein Craig, so stimmig und sympathisch er sich in diesem vierten Abenteuer als Ethan Hunt auch durch Moskau, Mumbai, Budapest und Dubai schlägt und charmiert. Dennoch gebührt dem Team Cruise/Bird Respekt: Der schwerfälligen "Mission: Impossible"-Reihe einen so gewitzten, enorm spannenden und trotzdem altmodischen Thriller hinzuzufügen, ist schon ein Kunststück. Genau das habe ihn an der Zusammenarbeit mit Cruise (und Co-Produzent Abrams) gereizt, sagte Brad Bird der "New York Times", zu beweisen, dass ein "kommerzieller Film auch Kunst sein kann". Das ist dann vielleicht doch ein bisschen hoch gegriffen. Aber ein Kommerzmonster wie den Actionstar Cruise menschlicher und liebenswerter zu machen, so dass es am Ende sogar Spaß macht, zuzusehen - diese Mission ist ihm allemal gelungen.

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der_niegel 13.12.2011
1. Limitiert?
Wer Cruise in "Collateral", "Last Samurai" oder "Geboren am 4. Juli" oder einigen anderen Filmen gesehen hat, der kann nicht allen Ernstes von einem "limitierten" Schauspieler reden. Über Scientology kann man sicher eine Meinung haben, ich kenne nicht genügend Fakten (die mir nicht von Dritten oder Vierten vorgekaut wurden), darüber zu urteilen. Nur sehe ich keinen Zusammenhang zu seinen Leistungen als Schauspieler, Produzent und damit Entertainer. Und das einer mal auf einer Couch herumhüpft....oh Gott, da gibt's nun echt wichtigeres zu berichten, nicht? Mal davon abgesehen, dass das schon eine ganze Weile her ist...
rettungsschirm 13.12.2011
2. ?
Zitat von sysopWenn das keine unmögliche Mission ist: Ein Regisseur, der bisher nur Animationsfilme gedreht hat, eine Action-Saga, die ihre besten Zeiten hinter sich hat, und Tom Cruise, der wohl*meistgehasste Hollywoodstar. Trotzdem ist der vierte Teil der "Mission: Impossible"-Reihe grandios. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,803251,00.html
Offen gesagt ist mir nicht klar, warum dem Author Cruise nun auf einmal sympatisch ist... Die kindlich faszinierte Schilderung der Action-Szenen lassen mal wieder auf Schlimmes hoffen.
xcver 13.12.2011
3. Cruise
Zitat von sysopWenn das keine unmögliche Mission ist: Ein Regisseur, der bisher nur Animationsfilme gedreht hat, eine Action-Saga, die ihre besten Zeiten hinter sich hat, und Tom Cruise, der wohl*meistgehasste Hollywoodstar. Trotzdem ist der vierte Teil der "Mission: Impossible"-Reihe grandios. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,803251,00.html
Also ich bin auch kein Riesen-Fan von Tom Cruise aber ihn als mittelklassigen Darsteller hinzustellen erscheint mir etwas suspekt. Zumindest ich hatte das Gefühl das in Filmen wie Rain man, Geboren am 4. Juli, Interview mit einem Vampir, Jerry Maguire, Magnolia oder Collateral etwas mehr von ihm geboten wurde als Grinsen, Dackelblick und Watschelgang...
jerzick 13.12.2011
4. !
Zitat von sysopWenn das keine unmögliche Mission ist: Ein Regisseur, der bisher nur Animationsfilme gedreht hat, eine Action-Saga, die ihre besten Zeiten hinter sich hat, und Tom Cruise, der wohl*meistgehasste Hollywoodstar. Trotzdem ist der vierte Teil der "Mission: Impossible"-Reihe grandios. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,803251,00.html
Ich habe eine Rezension in Bayern 5, dem info Kanal von Bayern gehört, die den Film verrissen hat. Er sei einfach stinklangweilig. Wie sagte Buddha: Menschen mit Meinungen laufen herum und behelligen sich gegenseitig.
filmforist 13.12.2011
5. Naja OK
Zitat von sysopWenn das keine unmögliche Mission ist: Ein Regisseur, der bisher nur Animationsfilme gedreht hat, eine Action-Saga, die ihre besten Zeiten hinter sich hat, und Tom Cruise, der wohl*meistgehasste Hollywoodstar. Trotzdem ist der vierte Teil der "Mission: Impossible"-Reihe grandios. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,803251,00.html
[QUOTE=sysop;9294799]...ist der vierte Teil der "Mission: Impossible"-Reihe grandios.] "Grandios" ist ein übertriebener Euphemismus. Der Film funktioniert und man hat Spaß, aber letztendlich handelt es sich um den Standard für Popcornkino. Die Einschätzung auf Kritikertipp (http://www.kritikertipp.de) ist treffend. Auch wenn Cruise so einiges auffährt, ist nichts wirklich neu oder offenbart einen neuen Denkansatz. Es wird wie immer in viel zu dicken Autos durch die Landschaft geheizt und die Welt außerhalb der PS Monster und des Luxus wird nur als Fußabtreter gebraucht. Schön sind die Gadgets und die Stunts.
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