Actionfilm "Speed Racer" Rasend vor Langeweile

Wenn die Wachowski-Brüder Gas geben, sind Schauwerte programmiert: Die "Matrix"-Schöpfer verfilmten die Anime-Serie "Speed Racer" um einen legendären Rennfahrer. Zu sehen gibt's allerdings nur ein sich selbst ausbremsendes Spektakel.

Von Daniel Haas


Von allen Fetischen, die das Kino hervorgebracht hat und von deren Nimbus es sich nährt, ist das Auto vielleicht das originellste. Seit Stan und Olli 1929 in "Big Business" lustvoll einen Ford zerstörten, gehört es zu den Gründungsmotiven der filmischen Unterhaltung - ein kreatives Vehikel, das die bewegten Bilder buchstäblich an- und weitertrieb.

Da kommt was auf den Kinofan zu: Emile Hirsch als Speed Racer
Warner Bros.

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Mit dem Roadmovie brachte das Automobil sogar eine eigene dramaturgische Form hervor: Als Barry Newman in "Vanishing Point" (1971) mit seinem Dodge Challenger von Denver nach San Francisco sauste, wurde Selbsterfahrung auch eine Frage der PS.

Auf seiner langen Fahrt durch die Kinogeschichte hat sich das Auto mit allerlei ideologischem Ballast befrachtet. Einsteigen konnten alle: Kulturpessimisten ebenso wie Fortschrittsoptimisten, Technik-Freaks und Öko-Kämpfer.

Mit "Speed Racer" tritt das Auto nun in die Phase seiner ideologischen Restverwertung ein. Mag die real existierende Industrie den Globus verpesten und die Ressourcen schröpfen, im neuen Film der Wachowski-Brüder wird der Bolide zum Zeichen eines technoiden Humanismus, wie es sich Enzo Ferrari nicht schöner hätten ausdenken können.



Kulturkritisch war man eigentlich schon weiter: Schon Mitte der Sechziger erklärte Andy Warhol, "ich möchte eine Maschine sein", wohl wissend, dass Menschlichkeit ein Hindernis darstellt, sowohl moralisch als auch kreativ. Rund 40 Jahre später wird dann ein korrupter Waffenhändler gerade durch die partielle Enthumanisierung zum "Iron Man" und Weltenretter geläutert.

Die Regie-Brüder Larry und Andy Wachowski interessieren sich allerdings nur vordergründig für solche Ambivalenzen einer zwischen Technologie und Moral gestellten Identität. Letztlich glauben sie an Versöhnung: von Mensch und Maschine, Individuum und Kollektiv, Ethik und Ökonomie.

In diesem Sinne also geht er an den Start: Speed Racer (Emile Hirsch), ein junger Rennfahrer, dessen Familie seit jeher Boliden baut. Der ältere Bruder (Scott Porter), selbst ein Held der Rennstrecken, ist bei einem Crash gestorben; Speed eifert ihm nach - und legt sich in Folge mit mächtigen Syndikaten und korrupten Wirtschaftsbossen an.

Die Vorlage ist "Mach Go Go Go", eine berühmte Manga- und Zeichentrickfilmserie, die in den Sechzigern in Japan und Amerika lief und im deutschen Fernsehen 1971 eine kurzen, ruhmlosen Boxenstopp einlegte.

Die Wachowskis haben das quietschbunte Comic-Design in eine aus Bits, Bytes und realen Darstellern gemixte Projektion übersetzt; gedreht wurde in Babelsberg (deshalb auch die Gastauftritte von Moritz Bleibtreu, Benno Fürmann und Ralph Herforth). "Realfilm Anime" nennt sich der Look; man habe "ganz bewusst die emotionale Wirkung über den Realismus gestellt", erklärt Effekte-Spezialist Dan Glass im Presseheft.

Diesen Willen zur Überzeichnung, zur ironischen Stilisierung des Sujets, bremst "Speed Racer" allerdings immer wieder aus: mit einer Überbetonung der bürgerlichen Werte Familie, Treue und Gehorsam, wie sie selbst in den im Film massiv zitierten frühen sechziger Jahren nie im Schwange war.

Nach rund zwei Stunden kann man die Elogen auf die Familie und warum sie das Kernstück aller großen Kulturleistungen darstellt dann auch nicht mehr hören. Zwar gehört zum Racer-Clan auch der kleine Chaot Spritle (Paulie Litt) und sein Schimpanse Chim Chim. Als selbstreflexive Possenreißer kommen sie gegen den staatstragenden Ernst von Vater (John Goodman) und Mutter Racer (Susan Sarandon) aber nicht an.

Ein merkwürdiger Widerspruch: Was der Film auf Ausdrucksebene gestaltet, ebnet er inhaltlich sofort wieder ein. Man kreiert eine technologische Super-Utopie mit dem Ziel, Tradition gegen Innovation auszuspielen.

Das machte ja schon die naive Biederkeit der "Matrix"-Filme aus: anzunehmen, dass der technisch-schöne Schein Lüge und die Welt dahinter irgendwie aus Schmutz und Schmerz, Ehre und Eindeutigkeit geformt sein muss. Ein paradoxes Plädoyer gegen die Ästhetik mit den Mitteln der Filmkunst, wie man sie bis dahin noch nicht gesehen hatte.

Wie sehr "Speed Racer" seinem eigenen Verfahren misstraut, macht eine frühe Szene deutlich. Da wird der junge Held vom Bruder ermahnt, bei Motorproblemen innezuhalten: "Schließ deine Augen und hör hin!" Dass ausgerechnet die Bilderstürmer Wachowski dem optischen Weltverhältnis eine Absage erteilen, dass ist ein starkes Stück Selbstdemontage.

Eine zutiefst resignative Haltung liegt darin verborgen – und ein Mangel an Gespür fürs eigene Medium, versteht man das Sehen auch als weitergehendes Betrachten, im Sinne von Reflexion und Analyse. Davon könnten die beiden Filmemacher eine satte Portion vertragen.

Mit anderen Worten: Eine Hundertschaft Programmierer ersetzt noch keine Dramaturgie. Sie aber vermittelt einem Film erst die Balance zwischen Ernst und Humor, Ironie und Pathos – und ganz wichtig: für die Wechsel der Tempi. Von ihnen weiß "Speed Racer" jedoch nichts; der Film kennt nur die Beschleunigung der Bilder, nicht die Verdichtung des Plots.

Kurz gesagt: die rasende Langeweile.



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