Actionstar Van Damme "Ich war ständig von Dealern umgeben"

Man kennt ihn aus finsteren B-Movies wie "Bloodsport" und "Universal Soldier", doch nun zeigt der Actionstar Jean-Claude Van Damme seine selbstironische Seite: Im jetzt auf DVD veröffentlichten Film "JCVD" ist er als sympathisches Wrack und Opfer der Entertainment-Industrie zu sehen.

Von Uh-Young Kim


Eine absurd lange Kamerafahrt eröffnet "JCVD": Jean-Claude Van Damme kämpft sich im Alleingang durch ein haarsträubendes Kriegszenario. Wie zu seinen besten Zeiten schlägt, kickt und schießt sich der Actionheld den Weg frei. So kennt man "The Muscles from Brussels", wie er in Hollywood genannt wird. Und so wurde der belgische Karateka zum Rollenmodell für Legionen von Freibadgängern. Heute allerdings führt Van Damme ein Schattendasein auf den hinteren Plätzen der Fernbedienungen und Videotheken: verdammt dazu, Runde für Runde den unbesiegbaren Kickboxer zu geben.

Doch "JCVD" ist das Gegenteil eines dieser typischen Actionreißer. Der algerisch-französische Regisseur Mabruk al-Machri nimmt den Helden, nach dessen Initialen die Tragikomödie benannt ist, flott und virtuos auseinander. Van Damme spielt sich nämlich selbst. Und zwar durchaus authentisch, wie er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erzählt: "Der Film basiert auf echten Begebenheiten aus meinem Leben. Irgendwann wurden die Probleme größer, dann kam der Abstieg. "

Van Damme wirkt grandios verloren und erschöpft: ein gefallener Hollywoodstar und frustrierter B-Movie-Darsteller. Mit 47 Jahren muss er immer noch die Muskeln spielen lassen. Tiefe Augenringe zeichnen sich im Film auf seinem verhärmten Gesicht ab. Die geschundene Seele reist zur Erholung in die Heimat nach Brüssel. Dort ist er noch immer ein großer Star. Alle wollen ein Foto mit ihm machen und Autogramme haben - bis der Heimkehrer prompt in einen Banküberfall verwickelt wird.

Nach Sylvester Stallone in "Rocky Balboa" und Mickey Rourke in "The Wrestler" hat nun also auch Jean-Claude Van Damme seinen Kampf um ein Comeback als Hauptfigur und Schauspieler zugleich verfilmt. Van Damme geht jedoch noch einen Schritt weiter, indem er deckungsgleich mit dem Protagonisten wird. So kann er noch drastischer die Hosen runter lassen und das Mitgefühl eines Publikums wecken, das ihn bisher nur verachtet hat. Seit "JCVD" vergangenes Jahr erstmals in Cannes gezeigt wurde, lieben Filmkritiker und Feuilletonisten die sympathische Selbstdemontage. Trotzdem kommt der Film hierzulande nicht ins Kino, sondern erscheint lediglich auf DVD. Hardcore-Fans, so das mögliche Kalkül, könnte die Dekonstruktion ihres Helden zu sehr verstören.

"Jean-Claude Van Damme raubt gerade die Bank aus!"

Van Dammes persönliche Niederlagen werden von Regisseur Machri genüsslich ausgebreitet: die jahrelange Kokainsucht, peinliche Interviewauftritte, Schuldenberge, Scheidungen und Demütigungen im Filmgeschäft. Der Actionheld erinnert sich an seinen Niedergang Mitte der Neunziger: "Das System Hollywood ist eine Einbahnstraße. Du willst den Ruhm und den Luxus nicht aufgeben. Ich war ständig unterwegs und umgeben von Dealern und Anwälten. Dabei habe ich den Sinn für die Realität verloren."

Nachdem er im Film das Sorgerecht für seine Tochter verloren hat - in Wirklichkeit ging es um seinen Sohn -, sucht er Zuflucht in Brüssel. Ein dreckig brauner Schleier liegt über der Stadt. Durch mehrere Rückblenden und Perspektivwechsel wird erzählt, wie Van Damme in einen Bankraub gerät und als Retter versagt. Zu allem Überfluss wird er auch noch mit den Geiselnehmern verwechselt, nur weil er berühmt ist. Der ganze Schlamassel nimmt mit dem filmreifen Funkspruch eines Streifenpolizisten seinen Lauf: "Jean-Claude Van Damme raubt gerade die Bank aus!"

Hier wird "JCVD" plötzlich zu einer aberwitzigen Allegorie auf die Celebritykultur und die Obsession der Medien mit Stars und Sternchen. Die Wirklichkeit wird dabei längst von Fiktionen überlagert. Die Polizei verhält sich wie im Action-Film, passenderweise bezieht sie in der benachbarten Videothek Stellung. Augenblicklich wird die Geiselnahme zum Medienspektakel um Van Damme - eben noch gottgleicher Promi, jetzt ein wahnsinniger Schurke. Der Mob und die Kameras dürsten nach einem blutigen Showdown. Derweil gibt die Berühmtheit in der Bank eine ziemlich jämmerliche Figur ab. Sie spielt das Spiel mit und gibt den Überfall als Verzweiflungstat eines bankrotten Stars aus. Einer der Bankräuber ist sogar ein Fan - Stockholm-Syndrom mal umgekehrt.

Mitten im nervenaufreibenden Geiseldrama bricht die Handlung ab. Jean-Claude Van Damme spricht in die Kamera über sein Scheitern, seine Ängste und die Versuchungen des Showgeschäfts, denen er erlegen ist. Er hat sich hochgearbeitet. Aber er bereut, nicht für seine Familie da gewesen zu sein. Mit ergreifender Ehrlichkeit philosophiert er über sein sinnloses Leben und weint seinem Traum nach. Für den oft belächelten und auf seinen Körper reduzierten Darsteller stellt dieser fünfminütige Monolog den größten Triumph aus "JCVD" dar: "Niemand", sagt er, "hat damit gerechnet, dass dieser Film der Beweis dafür sein würde, dass Jean-Claude Van Damme doch schauspielern kann."

Die Ära der harten Kerle ist vorbei. Aber sie geben nicht auf. Bei seinem nächsten Film, dem Actionthriller "Eagle Path", bewegt er sich als Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller längst wieder auf altbekanntem Terrain: Allein gegen alle im Kampf um eine schöne Frau. Für das unverhoffte Comeback durch "JCVD" fällt ihm im Gespräch noch ein Vergleich aus der Filmwelt ein: "Du bist der Champion und gehst auf die Bretter. Aber du stehst wieder auf. Und in der letzten Sekunde der 8. Runde gewinnst du durch K.O. - das wollen die Leute sehen! Es ist wie bei 'Rocky'. Ich hoffe, dass mein Leben wie bei 'Rocky' ausgeht."



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dent42 24.07.2009
1. So wie ihm gehts vielen
Van Damme hatte mal vor Jahren einen Gastauftritt in der NBC-Serie "Las Vegas", dort spielte er sich auch selbst. Er sollte für eine PR-Aktion mit einem Motorrad von einem Hoteldach springen, irgendwas ging schief, er ist abgestürzt und kam ums leben. Ein passendes Bild, hoffentlich landet er in der Realität weicher.
madmat, 24.07.2009
2. Jcvd
Klasse Film, lief vor ein paar Monaten auf HBO. Schade dass er es nicht auf die große Leinwand geschafft hat.
roflem 25.07.2009
3. Schade
Zitat von sysopMan kennt ihn aus finsteren B-Movies wie "Bloodsport" und "Universal Soldier", doch nun zeigt der Actionstar Jean-Claude Van Damme seine selbstironische Seite: Im jetzt auf DVD veröffentlichten Film "JCVD" ist er als sympathisches Wrack und Opfer der Entertainment-Industrie zu sehen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,638062,00.html
In seinem verzweifelten Versuch, junge Leser zu gewinnen, hat sich der Spiegel schon lange verlaufen und irrt seitdem von einer Wand zur nächsten. Vorbei sind die Zeiten als in jedem Spiegel gut recherchierte Artikel veröffentlicht wurden, die zu lesen oft eine Freude waren....jetzt ist es immer mehr ein Ärgernis, zu sehen wie auch hier Werbung und Kommerz aus " Agenturmeldungen" abgeschrieben werden!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.