Afghanistan-Doku "Restrepo" Die sinnlose Mission der Babyface-Killer

Wie brutal der Krieg in Afghanistan geführt wird, haben viele Amerikaner schon verdrängt. Jetzt entlarvt ein Dokumentarfilm die Mission mit ungeschönten Bildern aus Sicht der Soldaten. "Restrepo" offenbart die Realität hinter den Generalsparolen - in 94 Minuten Blut, Schweiß und Tränen.

Tim Hetherington

Von , New York


Juan Restrepo freut sich auf die Front: "Das wird verrückt!", grölt er, grinsend. Der 20 Jahre alte Armeesanitäter albert auf dem Weg nach Afghanistan mit seinen Freunden herum und filmt sich dabei selbst mit der Handy-Kamera. Die Sonnenbrille sitzt ihm schief auf der Nase, sein massives Gebiss funkelt. "Wir lieben das Leben! Und wir ziehen in den Krieg!"

Doch Restrepo kommt nicht weit. Die Taliban locken seine Patrouille im afghanischen Korengal-Tal in einen Hinterhalt. Restrepo, von zwei Schüssen in den Hals getroffen, verblutet im Helikopter, auf dem Weg ins Feldlazarett.

Die Filmemacher Sebastian Junger und Tim Hetherington haben ihre Kriegsdokumentation nach Juan Restrepo benannt. Denn "Restrepo" ist auch der Name, den die Soldaten des 2nd Platoon der Battle Company, 173rd Airborne Brigade, ihrem Gefechtsvorposten hoch über dem Korengal-Tal, direkt an der Frontlinie geben - zu Ehren ihres gefallenen Kameraden.

Das tragische Geschichte der 15 Mann, die Restrepo von Mai 2007 bis Juli 2008 gegen tägliche Taliban-Angriffe halten, steht sinnbildlich für die Geschichte des gesamten Afghanistan-Kriegs. Bestsellerautor Junger ("The Perfect Storm") und Fotograf Hetherington ( World Press Photo Award) haben sie begleitet und aus ihren Erlebnissen nun einen Film gemacht, der am Wochenende in New York und Los Angeles im Kino anläuft.

Das Ergebnis sind 94 Minuten Blut, Schweiß und Tränen, ebenso packend wie niederschmetternd. "Restrepo" offenbart die ganze Tragik dieses bereits verlorenen Krieges, die brutale Realität hinter den Parolen der Feldherren - und einen Soldatenalltag, wie er an der Heimatfront kaum bekannt ist.

"Wir sind keine Aktivisten", beharrt Junger am Rande einer Vorführung von "Restrepo" durch die Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch (HRW) Anfang dieser Woche in New York. "Wir sind Journalisten. Wir wollen über die Welt berichten, so wie sie ist, damit sich die Leute ihre eigene Meinung bilden können."

Tal des Todes im Land des Sterbens

"Restrepo" braucht aber gar keinen Kommentar, keinen Sprecher, der einem aus dem Off erklärt, worum es geht, warum diese Soldaten im Korengal-Tal sind. Sie wissen es ja selbst nicht so richtig. Restrepo sichere eine Zugangsstraße in die Berge, murmeln sie, doch der größere strategische Sinn bleibt ihnen verborgen. Er zählt sowieso nicht: Der Zweck des Vorpostens ist der Erhalt des Vorpostens.

Junger und Hetherington enthüllen diesen brutalen Unsinn, indem sie die Soldaten und die Bilder sprechen lassen, gelegentlich von Fragen unterbrochen. Kein General liefert "Kontext", kein Talking Head nimmt Stellung. Die nackte Wahrheit spricht für sich.

Der Film, der im Januar den großen Preis des Sundance Festivals gewann, beginnt und endet mit dem Handy-Clip Restrepos: Eine Handvoll Teenager ziehen in ihr Verderben, picklig, kichernd, unbedarft. Die Aufnahmen, einem ausgelassenen Urlaubsvideo ähnlich, stehen in solch krassem Kontrast zu dem Kriegsgrauen, das sie einrahmen, sie lösen beim Zuschauer einen fast physischen Schock aus. Es ist ein Schock, wie ihn wohl auch die Soldaten empfunden haben müssen.

"Heilige Scheiße, auf das sind wir nicht vorbereitet", sagt einer, als ihnen ihre Lage dämmert. Denn das Korengal-Tal, in dem sie landen, gilt als eine der schlimmsten Ecken Afghanistans, das Tal des Todes im Land des Sterbens. "2007 spielte sich da ein Fünftel aller Gefechte ab", sagt Junger, der über das 2nd Platoon gerade auch einen Bestseller geschrieben hat. Die Amerikaner quälen sich von Bergkuppe zu Bergkuppe, meist zu Fuß, Meter für Meter.

Selbst hartgesottene Krieger hätten Mitleid, wenn er erzähle, wo es hingehe, sagt Captain Dan Kearney, der Einheitsführer, zu Beginn. "Der tödlichste Ort der Welt. Korengal-Tal." Das zeigt sich schon in einer der ersten Szenen: Das Humvee, von dessen Hintersitz aus Junger und Hetherington filmen, fährt auf eine selbstgebastelte Bombe. Sie explodiert glücklicherweise unter dem Motorblock, die Insassen kommen mit dem Schrecken davon. Wie ein Reflex zoomt die Kamera auf den Rückspiegel, an dem ein Mini-Skelett baumelt - ein makaberes Omen für das, was kommt. "Hier werde ich sterben", ahnt einer der Soldaten.

Kein Wasser, kein Strom, kein Internet

Auf einem Bergkamm graben sie mit bloßen Händen ihren Vorposten aus. Sie graben und graben und graben. Wenn die Taliban sie beschießen, von einem der 3000 Meter hohen Gipfel ringsum, schießen sie zurück. Wenn Feuerpause herrscht, graben sie weiter. Der Mini-Stützpunkt besteht aus kaum mehr als ein paar Hütten und Gruben, durch Sandsäcke geschützt. Es gibt kein Wasser, kein Strom, kein Internet - "ein Anti-Paradies", sagt Junger. Als Ansporn kleben die Soldaten ein Foto ihres toten Kameraden Restrepo an eine Ziegelmauer.

Sie sind freundliche Rambos und Babyface-Killer: Specialist Misha Pemble-Belkin, fast noch ein Kind, hat sich "Endurance" auf den Unterarm tätowiert, den Namen des Schiffs, mit dem Antarktis-Forscher Sir Ernest Shackleton 1915 im Eis steckengeblieben war. Specialist Angel Toves mit seiner Gitarre. Sergeant Brendan O'Byrne, kahlköpfig, aber gutmütig.

Wie klobige Aliens stapfen sie über die Felspfade, bestückt mit modernster Kriegselektronik, die ihnen hier nur wenig hilft: Nachtsichtgeräte, Mikrofone, Spezialfernrohre. Abgeschnitten vom Nachschub, leben sie von Zigaretten und Dosenfleisch, und wenn es mal Frischfleisch gibt, "Kuh vom selben Tag", wie sie es nennen, "dann ist das ein guter Tag".

Ihr Job ist einfach, aber tödlich: Stellung sichern, Vorstöße unternehmen, Taliban killen. Sie singen, sie ringen, zwischendurch ballern sie sich den Frust von der Seele und jubeln, wenn es einen Feind zerreißt. "Hat Spaß gemacht, Mann", sagt einer nach einem der zahllosen Feuergefechte. "Einen besseren Rausch gibt's nicht. Das ist wie Crack."

Einmal die Woche treffen sie sich mit den Stammesältesten aus dem Dorf zur "Shura", einer Art Kriegsrat. Denn bei den Kämpfen sterben auch immer wieder Zivilisten, was Einheitsführer Kearney fast verzweifeln lässt. Nirgends wird die Kultur- und Sprachkluft deutlicher als bei einer Diskussion mit den Einheimischen: Da schießt sich die Kamera auf die Hände eines Afghanen ein, der versucht, eine amerikanische Plastiktüte voll Orangensaft mit einem Strohhalm aufzupusten - vergebens.

"Guck weg, guck weg"

Eine riskante Operation, mit der die Frontlinie verschoben werden soll, versetzt den Platoon in Panik. Die Furcht steht ihnen in die plötzlich stummen Gesichter geschrieben. Und in der Tat: Ein Mitglied der Einheit - "der Beste von uns allen" - wird tödlich getroffen, die Kamera beäugt die Leiche durchs Gestrüpp. Ein Soldat bekommt einen Heulkrampf. "Guck weg, guck weg", sagen die anderen, dann ziehen sie weiter, das Blut des Toten auf ihren Uniformen.

Junger und Hetherington zeigen einfühlsam, wie sich die Soldaten gegenseitig vor dem Durchknallen bewahren, mit überbetonter Kameradschaft und viel Galgenhumor. Aber auch die Filmemacher, selbst Kriegsveteranen in langen Diensten von ABC News und "Vanity Fair", stoßen bald an ihre Grenzen. Junger zieht sich einen Riss der Achillessehne zu, Hetherington bricht sich am Berg das Wadenbein. Unter schweren Schmerzen muss er weiterhumpeln, um den Vormarsch der Einheit nicht zu bremsen.

Nach 14 Monaten endet die Rotation des Platoons. "Nie mehr zurückkommen, nie mehr zurückkommen", murmelt einer wie ein Mantra. "Wir taten, was wir tun mussten, und jetzt machen wir uns aus dem Staub."

Der Film schließt mit einer letzten Vignette aus Juan Restrepos Handy-Kamera, mehr als ein Jahr zuvor. "Sag goodbye, Soldat", lacht er da voller Vorfreude in die Linse. "Sag goodbye."

Das wahre Ende des Films findet statt, lange nachdem die Dreharbeiten beendet und Junger und Hetherington in die Heimat zurückgekehrt sind. Im April dieses Jahres ziehen die Amerikaner aus dem Korengal-Tal ab. Das Sterben von Restrepo, es war sinnlos.


Am 1. und 2. Juli wird "Restrepo" in der Reihe "American Independents" auf dem Filmfest München zu sehen sein.



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insgesamt 80 Beiträge
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Seite 1
hladik 22.06.2010
1. Kein Mitleid
Wieder so eine Dokumentation mit dem Thema "seht, wie unsere wackeren Landser leiden, waehrend sie fuer unsere Regierung ein Land unterwerfen." Die Leiden der amerikanischen Soldaten lassen mich voellig kalt - schliesslich hatten sie eine Wahl, ob sie als Beruf Toeten waehlen oder etwas anderes. Und wenn jemand, der jubelnd in den Krieg zieht, diesen dann nicht ueberlebt, dann verdient er mMn nur einen Preis: Den Darwin Award.
brux 22.06.2010
2. Gähn
Wir Deutsche hatten das ja alles schon mehrfach. Erinnert in seiner Sinnlosigkeit irgendwie an Höhe 304 und Stalingrad. Leider kann man die Amerikaner nicht bedauern: Jeder, der da mitmacht, ist bekanntlich ein Freiwilliger, und das Volk selbst zeigt auch keine kritische Distanz zum amerikanischen Exportgut Nr. 1, der militärischen Gewalt. Leid tun mir eigentlich nur die Afghanen, aber die bringen sich bekanntlich auch nur gegenseitig um, mit oder ohne ausländische Beteiligung.
stesoell 22.06.2010
3. Schnell
Zitat von hladikWieder so eine Dokumentation mit dem Thema "seht, wie unsere wackeren Landser leiden, waehrend sie fuer unsere Regierung ein Land unterwerfen." Die Leiden der amerikanischen Soldaten lassen mich voellig kalt - schliesslich hatten sie eine Wahl, ob sie als Beruf Toeten waehlen oder etwas anderes. Und wenn jemand, der jubelnd in den Krieg zieht, diesen dann nicht ueberlebt, dann verdient er mMn nur einen Preis: Den Darwin Award.
Sie haben es nicht verstanden. Es ist ein Film gegen Krieg, nicht für das Sterben von Amerikanern. Und solche ein Posting bereits am Anfang des Threads. Chapeau.
Marshmallowmann 22.06.2010
4. Hm.
Wenn ich manipulative Dinge wie [zitat]:"Tragik dieses bereits verlorenen Krieges"[/zitat] lese, welche einfach nicht stimmen, wird mir ehrlich gesagt schlecht. Wo ist die Zitatfunktion hin...
hladik 22.06.2010
5. Immer noch kein Mitleid
Zitat von stesoellSie haben es nicht verstanden. Es ist ein Film gegen Krieg, nicht für das Sterben von Amerikanern. Und solche ein Posting bereits am Anfang des Threads. Chapeau.
Sichi? [/quote] Es ist ein Film gegen Krieg, nicht für das Sterben von Amerikanern.[/QUOTE] Wenn dieser Film wirklich gegen den Krieg ist, warum beschaeftigt er sich dann nur mit den Taetern, nicht mit den Opfern?
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