Afghanistan-Film "Zwischen Welten" Vermintes Gelände

"Zwischen Welten" von Feo Aladag ist der erste Kinofilm, der sich intensiv mit dem Bundeswehreinsatz in Afghanistan beschäftigt. Ein bewundernswerter Kraftakt, bei dem aber zu viele gute Absichten gestemmt werden müssen.

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Wenn die Bundeswehr Ende dieses Jahres nach mehr als zwölf Jahren Kriegseinsatz aus Afghanistan abzieht, geht eines der großen, komplizierten Kapitel deutscher Geschichte zu Ende. Unendlich viele Artikel, TV-Beiträge, Talkshows, Bücher haben das Thema in all den Jahren umkreist, auseinandergenommen und zu verstehen versucht, nur das deutsche Kino blieb seltsam still. Deutsche Soldaten bauten auf, bildeten aus, kämpften, halfen, töteten, starben - aber in deutschen Filmen fanden sie so nicht statt. Höchstens als mehr oder weniger traumatisierte Kriegsheimkehrer tauchten sie hin und wieder auf, wie in Christian Petzolds "Jerichow" oder in "Schutzengel" von Til Schweiger, doch was vor Ort geschah, hat kein deutscher Regisseur wirklich zu erzählen versucht.

Mit Feo Aladag ("Die Fremde") tut es nun eine Österreicherin. Sie hat "Zwischen Welten" in Afghanistan gedreht, in einer einigermaßen gesicherten Zone in Masar-i-Scharif, als erste Spielfilmregisseurin überhaupt, auf der Suche nach maximaler Authentizität. Sofern das möglich ist, wenn das Team von der Bundeswehr selbst beschützt und unterstützt wird.

Aladag sagt, niemand aus der Truppe oder aus dem Verteidigungsministerium habe versucht, in irgendwelche kreativen Entscheidungen einzugreifen oder Einfluss zu nehmen. Und das stimmt wahrscheinlich, denn die Bundeswehr hätte sich mit Sicherheit einen heldenhafteren Helden gewünscht als den von Ronald Zehrfeld dargestellten Kommandanten Jesper: Es ist sein zweiter Einsatz in Afghanistan, während des ersten kam sein Bruder ums Leben. Er will unbedingt zurück, warum genau, weiß er vielleicht selbst nicht wirklich; dass er viel Angst hat, kann er aber nicht verbergen. Jetzt soll er mit seiner Truppe einen Außenposten in einem Dorf beschützen, das zunehmend von den Taliban infiltriert wird.

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Afghanistan-Film "Zwischen Welten": Elende gute Absichten
Unsicher und überfordert

Dort muss er mit dem örtlichen Milizenführer Haroon (Abdul Salam Yosofza) kooperieren, der einst selbst von den Taliban in den Widerstand gewechselt ist und die Soldaten aus Europa in erster Linie für arrogante Besatzer hält. Vermitteln soll der afghanische Dolmetscher Tarik (Moshin Ahmady), der zunehmend um sein Leben fürchtet, weil viele seiner Nachbarn ihn für einen Verräter und Kollaborateur des Feindes halten und ihn offen bedrohen. Die deutschen Behörden verwehren ihm und seiner studierenden Schwester aber ein Visum, weil sie die beiden für nicht gefährdet genug halten. Gefangen zwischen den Welten eben.

Zehrfeld spielt den Soldaten Jesper als so unsicheren und überforderten Befehlsgeber, dass man sich fragt, ob jemand den Mann wirklich ernsthaft ein Kommando führen lassen würde. Andererseits lässt ihn vor allem bürokratischer Irrsinn vor seinen afghanischen Mitkämpfern schlecht aussehen. Als die um Hilfe bitten, das Nachbardorf vor einem Angriff zu beschützen, muss er ablehnen, weil das außerhalb des eng gesteckten Auftrags liegt. Als ein deutscher Soldat einer schwerverletzten Kuh den Gnadenschuss gibt - zur großen Empörung des Besitzers - verweigern seine Vorgesetzten eine eigentlich überschaubare Schmerzensgeldzahlung. Es sei ja nicht in Ausübung einer Kampfhandlung passiert.

All das lässt die Stimmung im Dorf feindseliger werden, und Aladag und ihre Kamerafrau und Co-Autorin Judith Kaufmann fangen diese zunehmend bedrohliche Atmosphäre und die ständige Gefahr mit einiger Virtuosität ein. Als wäre sie selbst immer auf der Hut, gleitet die Kamera durch das Geschehen und zeigt gleichzeitig die schroffe Schönheit des Landes und den Tod, der überall lauert.

Das macht "Zwischen Welten" für eine Weile zu einer spannenden, komplexen Studie über die traurige Unmöglichkeit, trotz aller guten Absichten wirklich Gutes zu tun. Allerdings verirrt der Film sich dann selbst auf dem verminten Gelände der eigenen guten Absichten. Denn Aladag will zu viele traurige Wahrheiten auf einmal erzählen und konstruiert sich eine Geschichte zusammen, die so viel emotionale Wucht erzeugen soll, dass ihr bald die Glaubwürdigkeit fehlt. "Zwischen Welten" sucht vor allem gegen Ende immer die besonders spektakuläre Pointe, das besonders unfassbare Drama, um schließlich darunter zusammenzubrechen.

Man muss Feo Aladag für ihren Kraftakt bewundern, diesen Film durchzuziehen. Schade, dass das nicht für den Film selbst gilt.


Zwischen Welten. Start: 26.3. Regie: Feo Aladag. Mit Ronald Zehrfeld, Moshin Ahmady.



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