Afrika-Thriller "Blood Diamond": Zum Steinerweichen

Von Bert Rebhandl

Edward Zwick bedauert Afrika in dem Söldnerepos "Blood Diamond". Sein Mitgefühl ist verlogen: Es geht um fotogene Kulissen für Leonardo DiCaprios Heldeneinsatz, nicht um politische Kritik.

Drei Fische trägt Solomon Vandy gerade nach Hause, als die Rebellen in sein Dorf kommen. Sie springen von den Jeeps, eröffnen das Feuer, zerren die Frauen aus den Hütten, fangen die Kinder ein. Dann lassen sie die Männer vor einem Baumstumpf niederknien, um ihnen einen Arm abzuhacken. Nur durch eine Laune des Anführers wird Solomon Vandy verschont. Er wird noch gebraucht. Wenig später steht er mit anderen Gefangenen in einem Fluss und gräbt nach Diamanten.

Die harten Steine sind die Währung des Kriegs im westafrikanischen Sierra Leone. An den Diamanten klebt das Blut der einfachen Menschen: "Blood Diamonds", so lautet, nicht ohne Pathos, auch der Titel des neuen Films von Edward Zwick. Hollywood macht sich wieder einmal ein Bild von Afrika, das geht nur mit einer guten Dosis moralischer Entrüstung und einer Menge Panoramabilder von diesem großartig fotogenen Kontinent.

Solomon Vandy (Djimoun Hounsou) ist der eingeborene Held dieser Geschichte, die aber natürlich einen weißen Star braucht. Leonardo DiCaprio spielt den Söldner Danny Archer, der sich geschmeidig zwischen den Fronten bewegt, und nur den eigenen Vorteil im Sinn hat. Vandy und Archer lernen sich in einem Gefängnis kennen, aus dem sie ohne große Mühe wieder frei kommen.

Sie teilen ein Geheimnis: Beide wissen von dem großen Diamanten, den Vandy gefunden hat, kurz bevor er von den Regierungstruppen von Sierra Leone aufgegriffen wurde. Aber nur Vandy weiß, wo der Stein begraben liegt. Und so bilden die beiden Männer, der noble Schwarze und der zynische Weiße, zuerst einmal eine Zweckgemeinschaft, der sich aus Gründen der Story-Konvention bald auch noch eine weiße Frau anschließt: Maddy Bowen (Jennifer Connelly) arbeitet als Journalistin, sie kennt die großen Zusammenhänge des Diamantengeschäfts, nun sucht sie nach konkreten Beweisen.

Maddy ist nicht nur das Gewissen des Films, sie ist auch eine Stellvertreterin des westlichen Zielpublikums, das aus "Blood Diamonds" ja nicht ganz ohne Hoffnung wieder herauskommen soll. Maddy geht es um Aufklärung, und das ist neben großer Unterhaltung auch das Ziel von Edward Zwick. Sein Film bekommt dadurch einen etwas monotonen Rhythmus: Fünf Minuten wird geschossen und gemetzelt, dann wird wieder fünf Minuten etwas erklärt, dann geht schon das nächste Massaker los.

Die heillose Lage in einem afrikanischen Land wie Sierra Leone soll gewiss nicht beschönigt werden. Aber es ist doch immer wieder verblüffend, wie schnell sich diese Zustände unter dem Zugriff eines routinierten Epikers wie Edward Zwick ("Legenden der Leidenschaft", "Der letzte Samurai") zu gefälligen Bildern ordnen.

Vordergründig ist "Blood Diamonds" auch eine Reise der Erkenntnis: Danny Archer, der vorher nur mit den Augen eines Schmugglers nach Gefahren Ausschau gehalten hatte, erfährt nun die andere Seite des afrikanischen Lebens. Er sucht mit Solomon und Maddy ein Flüchtlingslager auf, wo sie die Frau und ein Kind von Vandy finden. Der ältere Sohn aber ist in die Hände der Rebellen gefallen, er wird von ihnen zum Kindersoldaten ausgebildet und ist bald nur noch ein Drogenzombie, der seinen Vater nicht wieder erkennt.

Die internationale Diamantenmafia agiert von Südafrika aus, sie verfügt über schweres Gerät und die Lufthoheit. Danny Archer kann auf diese Kontakte auch dann noch zurückgreifen, als er im Geiste längst die Seite gewechselt hat: Er will den Stein jetzt nur noch als Ausstiegsprämie.

"Blood Diamonds" sind ein Geschäft, das international geächtet ist. Trotzdem kommen immer wieder Steine aus Kriegsgebieten in den Westen. Die meisten Menschen, wenn sie nicht gerade einen neuen Plattenspieler für die alten Vinylscheiben gekauft haben, kommen mit Diamanten kaum in Kontakt. Die politische Mission von "Blood Diamond" ist also eine klassische Ersatzhandlung, eine symbolische Wiedergutmachung durch "Aufklärung", hinter der Edward Zwick seine Lust an der virtuosen Inszenierung von Barbarei aber kaum versteckt.

Bei einem Thriller-Klassiker wie Eric Ambler wäre das alles einfach "eine dreckige Geschichte". Im Format des großen Abenteuerkinos aber bleibt unweigerlich ein schaler Nachgeschmack, wenn eine Hand ständig mit dem Zeigefinger fuchtelt, während die andere gerade die nächste Granate scharf macht.

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