Kino-Flop "After Earth": Verblüffend lustlos

Von Tim Slagman

Von den Kritikern als Scientology-Propaganda gescholten, in den USA von den Kinogängern abgestraft: Mit "After Earth" scheint Will Smiths Zeit als Publikumsmagnet zu Ende zu gehen. Aber ist der Action-Film mit Sohn Jaden wirklich so schlecht wie seine Presse?

Wenige Filme sind schon vor ihrem Start so unter Beschuss geraten wie "After Earth": Ungefähr zur selben Zeit, als die beiden Hauptdarsteller Will und Jaden Smith in einem Interview über die Weltformel faselten, fanden kundige Exegeten jede Menge Scientology-Ideologeme in dem Science-Fiction-Stoff. M. Night Shyamalan wurde beinahe schon die Gnade zuteil, in dieser Diskussion ins zweite Glied zu rücken - wogegen der Verleih recht wenig tat. Das Schaffen des Regisseurs wird spätestens seit "The Happening" aus dem Jahr 2008 von den meisten Kritikern eher mitleidig und enttäuscht betrachtet.

Was also ist dran an diesen Vorverurteilungen? "After Earth" ist, das sei vorneweg festgestellt, kein guter Film. Aber er ist zumindest lehrreich, weil Shyamalan, Will Smith, von dem die Grundidee der Geschichte stammt, und Co-Autor Gary Whitta ("The Book of Eli") ideologisch fragwürdige Figurenkonstellationen und dramaturgische Strukturen in geradezu exemplarischer Art und Weise reproduzieren und offenlegen.

Hinter all dem steht eine Mythologie, die rasend schnell und mit verblüffender Lustlosigkeit abgehandelt wird. Als schließlich, nach ungefähr drei rasant montierten Minuten, klar ist, warum die Menschen die Erde verlassen mussten und sich nun im Clinch mit einer Alien-Rasse und deren Supermonstern befindet, kommt die Geschichte endlich zu sich selbst - nämlich zur Familie Raige, Vater Cypher (Will) und Sohn Kitai (Jaden).

Es war einfach nur die Natur

Cypher ist der Oberkommandeur der menschlichen Streitkräfte, seit es ihm gelang, seine Furcht vollständig auszuschalten, "ghosten" nennt sich diese Technik. Die Supermonster namens Ursa sind blind, sie riechen Pheromone - und die furchtlosen Gespenster sind für sie unsichtbar. Will Smith spielt diesen Cypher, als sei ihm mit seiner Angst auch noch jede andere emotionale Regung abhanden gekommen, ein Militärautomat, die fleischgewordene Funktion, mehr Chiffre als Mensch.

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Action-Spektakel "After Earth": Werde besser, werde Maschine!
Als sein Sohn ihm beichtet, dass er es noch nicht ins Rangerkorps geschafft hat, soll er den Vater mit "Sir" ansprechen. Dennoch lässt Cypher sich von seiner Frau überreden, den Sohn auf eine Trainingsmission mitzunehmen. Das Raumschiff stürzt ab, bis auf die Raiges kommen alle Insassen ums Leben. Cypher ist mit zwei Beinbrüchen lahmgelegt, und der Notfallsender befindet sich im abgerissenen Heck, hundert Kilometer entfernt, in dem auch ein zu Trainingszwecken eingesperrter Ursa untergebracht war.

Während sein Vater ihn per Funk und Überwachungstechnik fernsteuert, soll der junge Kitai sich bis zu dem Notfallsender durchschlagen, eine mehrtägige Reise über einen der menschenfeindlichsten Planeten der Galaxis: die Erde. Dies allerdings ist eine der weniger erwarteten Volten der Geschichte: Nenn es Erdbeben, Klimawandel, atmosphärische Veränderung - was diesem Planeten passiert ist, war einfach nur die Natur. Und Shyamalan lässt es sich nicht nehmen, in durchaus sehnsüchtigen Riesenpanoramen von Bergketten, Waldteppichen und steilen Abhängen mit Wasserfall zu schwelgen, ein gigantisches Adlergeierflugvieh wird später sogar einmal zur Rettung von Kitai eingreifen.

Militär und Familie, Liebe und Hierarchie

Auch wenn das Wilde, Unkontrollierbare hier einen bewusst ambivalenten Gegenentwurf zur Technokratie der menschlichen Zukunft darstellt - letztlich gilt es, diese Welt zu bezwingen. Während Cypher gegen den Blutverlust kämpft, schärft er Kitai aus der Ferne Techniken zur Selbstbeherrschung und Konzentration ein. Das ist, bei allem Gerenne durchs Unterholz und bei allem Zukunftsgedudel, letztlich der Kern der Mythologie von "After Earth": die Überwindung der eigenen Schwächen durch Anleitung eines anderen.

Der Weg dorthin zerfällt in mehrere Etappen, unterwegs zerfasert die Spannung. Außerdem ist diese Entwicklung auffällig autoritär strukturiert, nach Befehl und Gehorsam aufgebaut und mündet in eine seltsam halbesoterische Überwindungsphantasie. Wer darin das "Auditing" von Scientology sieht, liegt sicherlich nicht falsch. Mindestens genauso wahr ist aber, dass die Selbstoptimierung, die hier einer Selbstmaschinisierung gleicht, zu den Basisidealen zahlloser Religionen und philosophischer Schulen, ja auch und vor allem zum neoliberalen Kapitalismus gehört.

Die vom Vater forcierte Heldenreise, die Kitai durchmacht, ist weiterhin ein Standardmodell des Erzählens, das einem in ebenso vielen bunten Kinospektakeln begegnet wie die Idee der Kernfamilie als Ort von Rückzug, Verletzung und Versöhnung. Darin liegt das große Verdienst eines schwachen Films: Wenn sich einer vom Krankenbett aufrichten lässt, um seinem Sohn einen militärischen Gruß zu entbieten und ihn dann erst zu umarmen, dann haben sich Militär und Familie, Liebe und Hierarchie bis zur Selbstparodie ineinander verwoben. "After Earth" zeigt uns unfreiwillig, wie nahe viele der Filme und Geschichten, die wir lieben, an diesem reaktionären Abgrund entlang wandeln.

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insgesamt 86 Beiträge
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1. Wenn ich mir Supermonster schaffen würde...
steevieb 04.06.2013
... würde mir natürlich auch als erstes in den Sinn kommen sie blind und nach Pheromonen tastend zu entwickeln... Kurz 1. blinde Monster die von Angst leben (what?!?) + 2. Erfolgreicher Hollywoodstar drückt seinen Sohn zum wiederholten Male in ein "großes Projekt" (bewirkt bei 95% der Menschen Ablehnung) + 3. "vermeintliche" Scyntologynähe (wieder für ein Großteil der Menschen ein NoGo) macht Flop. Da hilft auch kein Will Smith der ja seine größten "eigenen" Erfolge wohl auch mit MiB hatte und ob die gut wahren kann man sich ja auch streiten :)
2. ...
Derax 04.06.2013
Zitat von sysopVon den Kritikern als Scientology-Propaganda gescholten, in den USA von den Kinogängern abgestraft: Mit "After Earth" scheint Will Smiths Zeit als Publikumsmagnet zu Ende zu gehen. Aber ist der Action-Film mit Sohn Jaden wirklich so schlecht wie seine Presse? After Earth: Lustloser Actionfilm mit Jaden und Will Smith - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/after-earth-lustloster-actionfilm-mit-jaden-und-will-smith-a-903659.html)
Mir doch völlig egal ob da Scientology Ideen durchkommen, die etwas ungewöhnliche Figur des Vaters fand ich auch interessant. Aber als Shymalen erwähnt wurde, ist mir klar geworden, dass ich mir den Film nicht anschaue, und bestimmt nicht ins Kino gehe. S. produziert seit Sixth Sense nun wirklich extremen Müll.
3. Kritiker, schaut auf diese verblüffend lustvolle Arbeit!
Bellerophon 04.06.2013
Eine veritable, genaue und elegante Filmkritik, Herr Slagman. Sprachlich durcharbeitet, überparteilich bewertet (dass die Selbstoptimierung, die hier einer Selbstmaschinisierung gleicht, zu den Basisidealen zahlloser Religionen und philosophischer Schulen, ja auch und vor allem zum neoliberalen Kapitalismus gehört.) und einfach nur gut. Bin positiv überrascht, besprechen Sie doch noch einige Filme mehr!!!
4. Der Film ist sogar schlimmer als angenommen
archontas 04.06.2013
Mit den "negativen" berichten versucht man Aufmerksamkeit zu gewinnen. Ist definitiv ein Film den man bei endloser Langweile irgendwo kostenlos Streamen könnte wenn man sich das denn unbedingt antun will und die langweile noch exponentiell steigern will!
5. optional
Walther Kempinski 04.06.2013
Der 3. Teil von MiB war sehr gut!
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After Earth

USA 2013

Regie: M. Night Shyamalan

Buch: M. Night Shyamalan, Gary Whitta nach einer Geschichte von Will Smith

Darsteller: Jaden Smith, Will Smith, Sophie Okonedo, Zoe Kravitz, Glenn Morshower

Produktion: Columbia Pictures, Overbrook Entertainment, Blinding Edge Pictures

Verleih: Sony Pictures

Länge: 100 Minuten

Start: 6. Juni 2013