Von Jörg Schöning
Lenin sorgt für gute Laune. Als der spitzbärtige Bolschewik die Bühne betritt, hebt das deutlich die Stimmung im Saal. Der britische Geheimdienst feiert Silvester! Das wirkt zunächst wie eine ganz gewöhnliche Betriebsfeier: Es gibt Bowle, Tanz, hier und da ein kleines Techtelmechtel. Die fröhlich-feuchte Ausgelassenheit steuert auf ihren Höhepunkt zu, als um Mitternacht der Gründer der Sowjetunion deren Nationalhymne anstimmt.
Voller Inbrunst singen die Geheimdienstler Ihrer Majestät mit. Doch einer der Agenten meint den Spaß womöglich ernst. Denn einer von ihnen ist ein Doppelagent, der auch für den KGB spioniert.
George Smiley ahnt noch nichts von diesem "Maulwurf". Doch er wird ihn überführen. George Smiley ist der brillanteste Charakterkopf, den der britische Thriller-Autor (und einstige Geheimdienstmann) John le Carré ersonnen hat. Und er ist auch der berühmteste, seitdem Alec Guinness den Agenten des Secret Intelligence Service (SIS) vor gut 30 Jahren als typischen Vertreter des kauzigen Engländertums in zwei BBC-Mehrteilern verkörpert hat, in "Dame, König, As, Spion" (1979) und in "Smileys Leute" (1982). In der Neuverfilmung des Schweden Tomas Alfredson agiert Gary Oldman nun in dieser Rolle. Und er tut dies so brillant, dass man ihn für den Oscar nominiert hat.
Hinter den Masken scheint alles Leben entwichen
Bei der Neuerschaffung ihres Protagonisten kommt der Neuverfilmung zugute, dass George Smiley sich erst einmal in Positur bringen muss. Denn als er 1973 die Szene betritt, ist er bereits im Ruhestand. Wie seinen Vorgesetzten "Control" (John Hurt) hat man ihn in Rente geschickt. Schuld ist ein Desaster, das "Control" als Chef der Auslandsaufklärung zu verantworten hat: Beim Versuch, in Budapest einen Mitarbeiter des ungarischen Geheimdienstes zu kontaktieren, ist der SIS-Agent Jim Prideaux (Mark Strong) in eine Falle geraten. Die Russen haben ihn gefoltert, er hat daraufhin Namen westlicher Spione im Osten offenbart. Mit einer neuen Identität ausgestattet, fristet er seither ein Schattendasein als Lehrkraft an einem englischen Internat. "Control" aber sieht seinen Verdacht seither bestätigt: Es muss in den eigenen Reihen einen Verräter geben.
Nun ist George Smiley ja in einem Alter, in dem eine Gleitsichtbrille als normal gelten darf. Das neue Modell jedenfalls, das er sich anschafft, schärft seinen Blick auf Akten und Menschen. Als ihn ein Staatssekretär beauftragt, "Controls" Vermutungen nachzugehen, gerät ganz automatisch das neue Führungsquartett des SIS in sein Visier - denn es unterhält Geheimkontakte zu Informanten der Gegenseite. Um diesen zu enttarnen, muss Smiley Protokolle wälzen, alte Kollegen befragen und den Verbleib einer chiffrierten Telex-Nachricht klären. In ihr hat der Istanbuler SIS-Agent Ricki Tarr (Tom Hardy) eine russische Überläuferin angekündigt. Doch abermals ist der KGB schneller gewesen.
Dechiffrierarbeit darf auch der Zuschauer leisten. Dabei hilft auch ihm gewissermaßen eine Gleitsichtbrille. Fünf Stunden nahm die Verfilmung des 400-Seiten-Buches noch vor drei Jahrzehnten in Anspruch. Tomas Alfredson hat sie auf gut zwei komprimiert: In seiner ständigen, raschen Montage rückt er in der Nahperspektive die Gegenwart vors Auge, dann wieder zeigt der Film wie in Fernsicht Szenen der Vergangenheit. Um die Rückblenden als solche zu identifizieren, ist Smileys Brille das wichtigste Signalelement: Während das alte Gestell braun-beige gefleckt war, ist das neue oben schwarz, unten hell.
An der üblichen Schwarzweiß-Zeichnung des Kalten Krieges ist weder le Carré noch Alfredson gelegen. Der Schwede hat das fahle Licht von den verschneiten Schauplätzen seines Vampirfilms "So finster die Nacht" mit nach London gebracht. Auch dies hier ist ein Schattenreich, kalt, farblos, in gedrückter Atmosphäre - immer noch ein Kriegsschauplatz. Die Agenten Ihrer Majestät wirken da wie Kriegsversehrte, seelisch deformiert, körperlich erschöpft. Als das verdächtige Quartett um den "Control"-Nachfolger Percy Alleline (Toby Jones) und dessen Stellvertreter Bill Haydon (Colin Firth) nachts zusammenkommt, gemahnt das an ein Gespenstertreffen.
Es gehört zu den großen Leistungen dieser Verfilmung, dass sie die Spuren und Verwundungen bloßlegt, die Abschottung und Geheimhaltungszwang in den Charakteren hinterlassen haben. Hinter den Masken scheint alles Leben entwichen. Nur der maskierte Lenin hat da gut Lachen.
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