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Agenten-Thriller "Fair Game": Wahrheit unmöglich

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Warum hat eine Quelle im Weißen Haus die CIA-Agentin Valerie Plame enttarnt? Regisseur Doug Liman erteilt mit "Fair Game" eine sachliche und trotzdem wütende Lektion in jüngerer US-Geschichte.

Thriller "Fair Game": Irrwitzige Propagandaschlacht Fotos
Tobis

Fast jeder hat 2003 von der Affäre um die CIA-Agentin Valerie Plame gehört, die meisten werden sich aber nur noch vage erinnern, was damals genau passiert ist. Oder wussten schon damals nicht, was Propaganda war und was die Wahrheit. Wissen wir es heute?

Vieles in diesem Fall ist allerdings unumstritten, und zwar so sehr, dass sich diese Verfilmung der Geschichte von Regisseur Doug Liman ("Die Bourne-Identität") traut, die echten Namen zu nennen, um die es geht: Valerie Plame, die CIA-Agentin. Ihr Mann Joseph Wilson, früherer Botschafter. Lewis "Scooter" Libby, Stabschef vom damaligen US-Vizepräsidenten Richard "Dick" Cheney.

Die Geschichte beginnt Anfang 2002, etwa ein Jahr bevor George W. Bush den Angriff auf den Irak befohlen hat: Das Weiße Haus geht von der Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak aus und sucht Beweise dafür. Es gibt den Verdacht, Saddam Hussein beziehe Uran aus dem Niger, weswegen die Geheimdienstbehörde CIA den Afrika-Kenner Joseph Wilson ( Sean Penn) ins Land schickt um zu recherchieren. Der findet darauf keine Hinweise und berichtet das auch seinen Auftraggebern. George W. Bush verkündet Anfang 2003 in seiner Rede zur Lage der Nation dennoch, dass sich Saddam Hussein in Afrika Uran besorgt habe, im März kommt es daraufhin zur Invasion. Wilson veröffentlicht drei Monate später in der "New York Times" einen Artikel, in dem er dem Weißen Haus Fehlinformation und Verdrehung der Tatsachen vorwirft. Eine Woche später erscheint in der "Washington Post" ein Artikel über Wilsons Reise in den Niger: Der Autor zitiert zwei ungenannte Regierungsmitarbeiter damit, dass Wilson auf Vorschlag seiner Frau, der CIA-Agentin Valerie Plame, nach Afrika geschickt wurde.

Was wusste der Vize-Präsident?

Plame war damit enttarnt und ihre Karriere auf einen Schlag zu Ende. Wilson und die meisten Experten gehen davon aus, dass die illegale Enttarnung ein gezielter Racheakt aus dem Weißen Haus war. Aber wer war verwickelt? Vize-Außenminister Richard Armitage? Generalbundesanwalt John Ashcroft? Dick Cheneys Stabschef Libby? Cheney selbst? Chefstratege Karl Rove?

Es wurde ermittelt, und am Ende wurde Libby verurteilt. Allerdings wegen Falschaussagen und Strafvereitelung, nicht wegen Enttarnung einer Agentin. Später gab Armitage zu, er habe gegenüber dem Journalisten ganz beiläufig erwähnt, dass Wilsons Frau beim CIA arbeite, ihren Namen habe er nicht genannt. Er wurde deswegen nie belangt. Libby wurde später von George W. Bush teilweise begnadigt und damit vor einer Haftstrafe bewahrt. Cheney hatte für eine komplette Begnadigung Libbys gekämpft.

Es ist eine irrwitzige, faszinierende Geschichte, eine Propagandaschlacht, von der man nicht glauben möchte, dass sie in unseren angeblich so aufgeklärten Zeiten möglich ist. Regisseur Liman muss nicht groß dramatisieren oder übertreiben, er erzählt ganz sachlich, was einen umso sprachloser macht. Natürlich ist der Film parteiisch, er basiert auf den Erinnerungen von Plame und Wilson, aber er widersteht dem Drang, die beiden zu tragischen Helden zu verklären. Plame ist in Gestalt von Naomi Watts eine fleißige und gute Agentin ohne große eigene politische Meinung. Sean Penn ist als ihr Mann ein ehrenwerter, aber selbstgerechter Moralist.

Je weiter der Film voranrückt, desto mehr wandelt er sich vom Agenten-Thriller zum Ehedrama, was "Fair Game" ein schönes emotionales Zentrum und zwischenmenschliche Erdung beschert und nur ein paar wenige unpassend rührselige Momente. Es kommt einem so vor, als ob sich der Film stets ein bisschen zurücknehmen würde, um nicht als wütendes Pamphlet missverstanden zu werden. Er kann trotzdem nicht verhehlen, wie wütend er ist. Recht so.


Fair Game. Start: 25.11. Regie: Doug Liman. Mit Naomi Watts, Sean Penn.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Wut über Agentenenttarnung
ksail 25.11.2010
Die Wut des Filmes kann man nicht so leicht nachvollziehen. Wenn man im Geheimdienstumfeld sein Geld verdient, gehört das Risiko der Enttarnung als Berufsrisiko zum Leben dazu wie der Verkehrsunfall eines Taxifahrers. Insbesondere kann es auch passieren, dass man politisch zwischen die Fronten gerät. Die Karriere kann bei Bundesbehörden aus vielen Gründen, für die man nichts kann, plötzlich beendet sein. Solang es nur die Karriere ist, hat sie sowieso Glück gehabt :-)
2. Was heißt "Karriere-Ende"?
jmat17 25.11.2010
Wie im Atikel steht: "Plame war damit enttarnt und ihre Karriere auf einen Schlag zu Ende" Bekam die Dame danach Hartz4 oder das US-Amerikanische Pendant dazu? J.
3. unfall?
marsupilama 26.11.2010
Zitat von ksailDie Wut des Filmes kann man nicht so leicht nachvollziehen. Wenn man im Geheimdienstumfeld sein Geld verdient, gehört das Risiko der Enttarnung als Berufsrisiko zum Leben dazu wie der Verkehrsunfall eines Taxifahrers. Insbesondere kann es auch passieren, dass man politisch zwischen die Fronten gerät. Die Karriere kann bei Bundesbehörden aus vielen Gründen, für die man nichts kann, plötzlich beendet sein. Solang es nur die Karriere ist, hat sie sowieso Glück gehabt :-)
Schon richtig, ich als Taxifahrer wäre allerdings etwas verärgert, wenn mein Chef die Bremsen meines Taxis sabotieren würde. ;-((
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