Aids-Film "120 BPM" Das Herz gibt den Takt vor

Mit seinem gefeierten Drama "120 BPM" schlägt sich Robin Campillo bedingungslos auf die Seite von Aids-Aktivisten in Paris. Das ist politisch korrekt - und mitreißend schön.

Edition Salzgeber

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Kaum eine Stunde, nachdem seine Jury "120 BPM" den zweitwichtigsten Preis von Cannes verliehen hatte, wetterte Jurypräsident Pedro Almodóvar gegen "die Diktatur der political correctness". Diese wäre schlimm und grauenhaft und furchteinflößender als jede andere Form von Diktatur. Das Statement überraschte. Nicht nur, weil man bei Almodóvar mehr Sympathien für ein sozial und politisch bewusstes Kino vermutet hätte, sondern auch, weil "120 BPM" einer der politisch korrektesten Filme ist, die das Kinojahr 2017 hervorgebracht hat.

Der Film folgt nicht so sehr einer Gruppe von Anti-Aids-Aktivistinnen und -Aktivisten, die sich Anfang der Neunzigerjahre im Pariser Ableger von ACT UP engagieren, als dass er sich in ihre Mitte begibt und Teil von ihr wird. In "120 BPM" zählt allein die intime Nähe. Ein Außen gibt es nur insofern, als dass der Film eine aktualisierte, identitätspolitisch informierte Repräsentationslogik aufnimmt und neben schwulen Aktivisten auch Lesben, Heteros, Nicht-Weiße und Eltern als Teil der Gruppe zeigt.

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"120 BPM": Reden, kämpfen, lieben, sterben

Gleichzeitig ist "120 BPM" auch einer schönsten Filme des Jahres. Das Problem bei politisch korrekten Filmen ist nämlich nicht, dass die moralischen Positionen in ihnen von vornherein abgesteckt sind, sondern dass sie den erzählerischen Freiraum, der durch diese vorabgeklärten Positionen entsteht, nicht nutzen. Robin Campillo, Co-Autor und Regisseur von "120 BPM", weiß diesen Freiraum aber zu nutzen.

Das Kunstblut spritzt

Indem seine Sympathien für die Aktivistinnen und Aktivisten - er war selber Mitglied von ACT UP-Paris Anfang der Neunziger - von vornherein klar und keinem Rechtfertigungsdruck ausgesetzt sind, kann er sich umso genauer den Mitgliedern der Gruppe und den Dynamiken untereinander widmen. Die Selbstgefälligkeit von Sophie (Adèle Haenel) tritt so zutage. Sie gibt zwar vor, sich bei ihrem Bericht über die letzte ACT UP-Aktion um größtmögliche Sachlichkeit zu bemühen, verfällt dann aber doch ins Pöbeln gegen ihre Mitstreiter, die ihrer Meinung nach zu früh die Ballons mit Kunstblut geworfen haben.


"120 BPM"
Originaltitel: "120 battements par minute"
Regie: Robin Campillo
Drehbuch: Robin Campillo, Philippe Mangeot
Darsteller: Nahuel Pérez Biscayart, Arnaud Valois, Adèle Haenel, Antoine Reinartz
Produktion: Les Films de Pierre, France 3 Cinema, Page 114 et al.
Verleih: Salzgeber
Länge: 140 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 30. November 2017


Der Dissens zwischen ACT UP-Präsident Thibault (Antoine Reinartz) und dem einfachen Mitglied Sean (Nahuel Pérez Biscayart) über die Protestformen auf der nahenden Gay Parade wird greifbar. Thibault will weniger klischierte Musik und Outfits, Sean organisiert dagegen eine Cheerleader-Truppe aus Männern im rosa Tütü. Und die fröhliche Herablassung der Gruppe gegenüber Hélène (Catherine Vinatier), der einzigen Mutter in ihren Reihen, ist nicht zu bestreiten. Als sie als Motto für die Parade vorschlägt "Aids, das bin ich - Aids, das bist du - Aids, das sind wir alle", herrscht für einen kurzen Moment Stille. Dann bricht Lachen unter den Versammelten aus: Das Motto wäre eines der schlimmsten, die sie je gehört hätten.

Reden nimmt viel Raum in "120 BPM" ein, es geht den Aktionen der Gruppe voraus, und es folgt ihnen. So entsteht ein filmischer Fluss, in dem Worte und Taten keine Gegensätze bilden, sondern sich bedingen, ineinander übergehen: In manchen Gesprächen wechseln die unterlegten Bilder in ein anderes Setting, dann schwappt wieder die Tonspur von einer Szene in die nächste herüber. Obwohl Campillo im ersten Teil seines Films keinem Erzählbogen folgt, finden sich die Szenen doch zu einem organischen Gebilde zusammen, das lebt, in dessen Adern man den titelgebenden Herzschlag (oder, je nach Deutung, die Beats eines Clubtracks) zu spüren vermeint.

Eine Liebe ganz privat

Ohne vom Verlust, vom Sterben zu erzählen, kann ein Film über die Aids-Krise Anfang der Neunziger jedoch nicht auskommen. Im zweiten Teil fokussiert Campillo deshalb auf den Tod - womit leider auch ein filmischer Verlust einhergeht. Das Kollektiv, das er zuvor so grandios zu fassen bekam, rückt in den Hintergrund, ein einzelnes Paar tritt hervor, der eine HIV-negativ, der andere schwerkrank, ihre Liebe rein privat. Am Ende sammelt sich die Gruppe an einem Totenbett in einer Wohnung, in der der Tote noch nicht einmal einen ganzen Tag gelebt hat.

Ist das nicht alles viel zu sehr auf Konsens ausgerichtet mit der Gruppe, mit ihren Zielen, mit der Trauer? Die Kritik, die bei "120 BPM" naheliegt, greift der Film selber auf, nämlich als die Gruppe über Plakate mit dem Slogan "J'ai envie que tu vive" (Ich habe Lust darauf, dass du lebst) diskutiert. "Zu einvernehmlich", lautet der Vorwurf der einen. "Ihr wisst nicht, welche Widerstände es draußen selbst gegen so banale Slogans gibt", kontern die anderen - die Plakate draußen geklebt haben und auch von Homosexuellen angegriffen wurden, warum sie sie mit ihrem Alarmismus belästigen.

Etwas ganz ähnliches kann auch "120 BPM" für sich in Anspruch nehmen: Wer in seinen 140 Minuten Laufzeit allein den Konsens sieht, spiegelt nur seine eigene Blase.

Im Video: Der Trailer zu "120 BPM"

Edition Salzgeber
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