Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Aki Kaurismäkis "Le Havre": Rock'n'Roll unterm Rettungsschirm

Von Jörg Schöning

Europa zerfällt? Nicht in diesem Film! In seinem Flüchtlingsdrama "Le Havre" beschwört der finnische Großmeister Aki Kaurismäki zu nostalgischen Bildern die Solidarität der Schwachen untereinander. Die Moderne hat hier verloren - dafür regiert die Menschlichkeit.

Aki Kaurismäki ist noch immer der Mann für soziale Utopien im Kino. Schon in "Der Mann ohne Vergangenheit" 2002 erzählte er von einem solidarischen Akt Obdachloser, die einen Schwerverletzten mit totalem Gedächtnisverlust in ihren Hütten aufnehmen. Etwas Ähnliches widerfährt in Kaurismäkis neuem Film "Le Havre" einem Sans-Papiers, einem illegalen Flüchtling aus Afrika, dem minderjährigen Idrissa (Blondin Miguel).

Den haben schwerbewaffnete Einsatztruppen in einem Container aufgespürt, dessen Ziel London war. Dort lebt die Mutter des Jungen. Nun wird der Junge polizeilich gesucht. Verfolgt vom dubiosen Kommissar Monet (Jean-Pierre Darroussin), findet der Junge vorübergehend Asyl im Kleine-Leute-Viertel der französischen Hafenstadt, im Haushalt des Geringverdieners Marcel Marx.

Dieser Marcel Marx (André Wilms) ist ein alter Bekannter. Schon in Kaurismäkis Hommage an das französische Kino der dreißiger Jahre tauchte er auf. In "Das Leben der Bohème" (1992) war er ein erfolgloser Autor, stets auf der Flucht vor Mieteintreibern. "Der Rächer" hieß damals sein Bühnenstück, das keine Bühne fand. Eine autobiografische Projektion durfte man seinem Werk unterstellen - aber erst in "Le Havre" hat "Der Rächer" nun seine wahre Bestimmung gefunden.

Ein Rettungsschirm für die Schuhbranche

Vom bohèmistischen Lebensentwurf sind in "Le Havre" nur noch Reste geblieben. Im Zuge der allgemeinen Beschleunigung weltweiter Ströme von Menschen und Waren hat es Marcel Marx ins ambulante Kleingewerbe verschlagen. Er ist Schuhputzer geworden - und damit Vertreter einer Branche, die unter dem Primat des Turnschuhs mit ihrer ganz eigenen Krise konfrontiert ist. Der notorisch klamme Mann ist deshalb auf einen finanziellen Rettungsschirm angewiesen, indem er bei den Kleinhändlern seines Viertels anschreiben lässt - von vornherein ist "Le Havre" als ein Plädoyer für althergebrachte Formen nachbarschaftlicher Güterteilung angelegt.

Früher waren Kaurismäkis Filme einem "Theater des Absurden" verpflichtet. Inzwischen pflegt der Regisseur sein persönliches "Theater der Armut". Seinem produktionstechnischen Credo "eine Einstellung, keine Proben!" entsprechen eine reduzierte Ausstattung und ein minimaler Aufwand bei der Action. Umstandslos ersetzt hier der rotierende Schein eines Blaulichts eine ganze Polizeirazzia.

Fotostrecke

7  Bilder
Neues Kaurismäki-Meisterwerk: Europa macht auf
Denn "Le Havre" ist von jenem ästhetischen Klassizismus geprägt, der den Charakter der Kaurismäki-Filme unverwechselbar konstituiert: In ihm kommt ein ausgeprägter Skeptizismus gegenüber all jenen Errungenschaften zum Ausdruck, die das Projekt der Moderne mit sich gebracht hat - "La Moderne" ist hier bloß noch eine alte, schlecht besuchte Bar. In "Le Havre" besitzen die Menschen noch Telefone mit Wählscheiben oder gleich gar keins. Über ein Handy verfügt bezeichnenderweise nur der Denunziant (finster markiert vom Truffaut-Veteranen Jean-Pierre Léaud).

Diese schöne, alte Welt, die keine Geschirrspülmaschinen, wohl aber Musiktruhen kennt, zeichnet der Film in knalligen Farben, als sei er ein Technicolor-Märchen aus den fünfziger Jahren. Die werden auch musikalisch wiederbelebt: durch Blues- und Rock'n'Roll-Musik und eine Live-Reminiszenz des französischen Senior-Rockers "Little Bob" Roberto Piazza, mit der Kaurismäki dem Film in einer für seine Verhältnisse rasanten Schnittfolge eine unerwartete Dynamik verleiht.

Es lebe die Zivilgesellschaft!

Auch die Namenswahl "Arletty" für Marcels schwerkranke Ehefrau darf man als eine Huldigung verstehen. Sie gilt der französischen Schauspielerin aus den großen Dramen Marcel Carnés, "Hotel du Nord" und "Der Tag bricht an". Nicht zuletzt anhand des Schicksals der leidgeprüften Krebspatientin (die Kati Outinen gewohnt herb und einnehmend verkörpert) erlebt deren poetischer Realismus in "Le Havre" eine programmatische Wiederauferstehung.

Womöglich mag in dieser scheinbar nostalgisch gezeichneten Welt jeder Euro-Schein wie ein Fremdkörper wirken. Und doch erweist sich Kaurismäki gerade mit diesem Film auf der Höhe der Zeit. Nicht von ungefähr erinnert "Le Havre" an das Flüchtlingsdrama "Welcome" von Philippe Lioret (2009), in dem ein Schwimmlehrer einem minderjährigen Kurden den Weg über den Ärmelkanal weisen will. An den berühmten "Jungle" von Calais erinnert Kaurismäki, indem er Fernsehberichte von der gewaltsamen Räumung des Lagers im Herbst 2009 zeigt. Dokumentarbilder sind nun wirklich ein Novum für Kaurismäki. Sie dokumentieren vor allem, wie ernst es dem Regisseur mit seinem jüngsten Film ist.

Um Idrissas Onkel aufzuspüren, besucht Marcel ein Lager bei Dünkirchen. Er findet ihn schließlich im Sicherheitstrakt einer Strafanstalt. Um ihn besuchen zu dürfen, muss Marcel verwandtschaftliche Motive anführen, woraufhin er sich als "der Albino der Familie" vorstellt. Als ein "White Negro", wie Norman Mailer den blues- und jazzbegeisterten Beatnik genannt hat, dürfte sich auch Aki Kaurismäki betrachten.

So wie Marcel Marx sich als selbsternannter "weißer Schwarzer" auf den "Code civil" beruft, fordert "Le Havre" ein universelles Bürgerrecht ein. Sich dabei auf ein seit mehr als 200 Jahren altes Zivilrecht zu beziehen, hat nichts mit Nostalgie zu tun. Kaurismäkis "schräge Typen" vertreten inzwischen ganz schlicht die Zivilgesellschaft im Kino.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Aki Kaurismäki
Monark™ 07.09.2011
Für mich einer der ganz Großen des europäischen Kinos. Zum Glück dreht er noch! Man weiß ja nie, wie lange er es noch macht, bei dem Kaffee-, Alkohol- und Zigarettenkonsum. Wenn doch nur Matti Pellonpää noch lebte!
2. übrigens: für Kinder (ab ca. 6) geeignet!
Ben Humdinger 22.09.2011
Man könnte fast sagen: er ist für Kinder gemacht. Im Film keine überflüssigen Komplikationen, wenig Worte, und was gesagt und gezeigt wird, ist klar und deutlich, nie drastisch. Märchen - Stil. Die beiden Kinder (7 und 11 Jahre) waren begeistert ("cool!"), übrigens die einzigen im Publikum.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Le Havre

Finnland, Frankreich, Deutschland 2011

Regie: Aki Kaurismäki

Drehbuch: Aki Kaurismäki

Darsteller: André Wilms, Kati Outinen, Jean-Pierre Darroussin, Blondin Miguel

Produktion: Sputnik, Pyramide Productions, Pandora Film

Länge: 93 Minuten

FSK: ohne Altersbeschränkung

Start: 8. September 2011



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: