"Akte X"-Star Gillian Anderson "Ein Teil von mir ist Punk"

Unglaublich! Gillian Anderson ist ein sehr zugänglicher Mensch. Ganz anders als die legendäre Agentin Scully, die sie in "Akte X" verkörpert. Im Interview sprach der Hollywood-Star über Harry Potter, übersinnliche Phänomene und die andauernde Liebe zu Punk.


SPIEGEL ONLINE: Auf Ihrer Website ist zu lesen, Sie wären gerne Harry Potter. Müssen wir uns Sorgen um Sie machen?

Anderson: Ein Journalist hat mich einmal gefragt, ob es irgendeine Phantasiewelt gäbe, in der ich gerne existieren würde. Da habe ich geantwortet, es wäre phantastisch, als Harry Potter in Hogwarts zu leben. Aber so aus dem Zusammenhang genommen, klingt es tatsächlich etwas seltsam.

SPIEGEL ONLINE: Darf ich raten, welche Frage Ihnen am häufigsten gestellt wird?

Anderson: Schießen Sie los.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie an übernatürliche Phänomene?

Anderson: Volltreffer. Und: Was haben Sie durch die Serie über Übernatürliches gelernt? Wissen Sie, was ich gelernt habe? Nichts. Denn eigentlich stand ich dem Übersinnlichen schon immer sehr viel aufgeschlossener gegenüber als Scully. Im wahren Leben bin ich eher in Mulders Lager zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Harry Potter hat eine ähnlich treue Fangemeinde wie "Akte X", die mit großem Spezialwissen ausgestattet ist. Muss man ein Kenner der TV-Serie sein, um den Film zu verstehen?

Anderson: Außer mir und David wird es noch zwei oder drei Figuren geben, die Sie bereits kennen. Zuviel darf ich darüber aber nicht verraten. Der Film wird jedenfalls an die Serie anknüpfen und soll mehr sein als eine Hommage. Das sind wir den Fans schuldig.

SPIEGEL ONLINE: Die Umsätze an der Kinokasse werden von Jugendlichen gemacht. Sie selbst haben eine 13-jährige Tochter. Interessiert sich diese Altersgruppe überhaupt noch für "Akte X"?

Anderson: Meine Tochter hat sich einige Episoden angesehen und fand sie ganz spannend. Jugendliche in diesem Alter sind allerdings heutzutage viel härtere Sachen gewohnt. Meine Tochter hat sich zum Beispiel "Saw" (US-amerikanischer Horrorschocker; Anm. d. Red.) angeschaut. Und dagegen sind wir ja geradezu friedlich und gesittet. Sie hat jedenfalls eine viel dickere Haut als ich, wenn es um Gewalt im Kino geht.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich Scully mit den Jahren verändert?

Anderson: Sie ist eindeutig älter und reifer. So wie auch ich in dieser Zeit reifer und erwachsener geworden bin. Ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden.

SPIEGEL ONLINE: Oft waren Sie in den vergangenen Jahren nicht auf der Leinwand zu sehen. Hat "Akte X" Ihre Karriere behindert?

Anderson: Ich habe mich selber eingeschränkt, vor allem, indem ich nach England gezogen bin. Das war nicht gerade karrierefördernd. Aber es war eine Entscheidung für Qualitätsarbeit. In Hollywood hätte ich kommerzielle Sachen gemacht, wäre sicher auch erfolgreicher gewesen. Aber ich hatte mich dafür entschieden, Filme zu drehen, die ich mir selbst gerne ansehen würde.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben als Kind in England gelebt, sind dann in die USA gezogen. Jetzt ging es wieder zurück. Muss man schauspielern, um diese kulturellen Klimawechsel zu verkraften?

Anderson: So habe ich es noch gar nicht gesehen. Aber da ist etwas Wahres dran. England war damals mein Zuhause, ich fühlte mich wohl hier. In eine amerikanische Kleinstadt zu ziehen, war ein elementarer Einschnitt. Ich war damals sehr befremdet und verstört. Und zeitweilig fühlte ich mich sehr einsam. Ob diese Gefühle mich in Richtung Schauspiel gelenkt haben? Das wäre gut möglich.

SPIEGEL ONLINE: Ansonsten loben Ihre Kollegen vor allem Ihre Ausgeglichenheit, Ihre Normalität.

Anderson: Ich habe eine Haushälterin und ein Kindermädchen. Ich werde jetzt nicht behaupten, dass ich nach dem Interview nach Hause gehe und die Teller abwasche. So normal ist mein Leben also doch nicht. Aber verglichen mit einigen meiner Kollegen, lebe ich wahrscheinlich doch recht unglamourös. Ich gehe ganz in der Familie auf.

SPIEGEL ONLINE: Der Legende nach waren Sie einmal überzeugtes Mitglied der Punk-Bewegung. Was ist aus Ihrem anarchistischen Potential geworden?

Anderson: Ich war tatsächlich Punkerin. Und diese Punk-Attitüde, die anarchistische Mentalität, habe ich nie ganz abgelegt. Auch wenn sich mein Fokus verändert hat: Ein Teil von mir ist immer noch Punk.

SPIEGEL ONLINE: Wie äußert sich das?

Anderson: Fangen wir lieber nicht damit an. Das gibt nur Ärger.

SPIEGEL ONLINE: Ein Punk im Filmgeschäft, das klingt kompliziert. Mussten Sie erst lernen, nett zu sein und dem Produzenten brav die Hand zu schütteln?

Anderson: Ich kann heute in bestimmten Situationen immer noch sehr konfrontativ sein. Wenn mir jemand blöd kommt, lasse ich diesen Menschen nicht damit davonkommen. Und ich habe eine fatale Tendenz, die Wahrheit zu sagen, gerade wenn eine Notlüge angebracht wäre.

SPIEGEL ONLINE: Bitte jetzt keine Schummelei: Würden Sie noch einmal in Scullys Slipper schlüpfen?

Anderson: Unbedingt. Bei einem dritten Film wäre ich dabei. Allerdings nicht sofort. Ich bin so verdammt müde und muss mich von den Strapazen des Drehs erholen.

Das Interview führte Christian Aust



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.