Aktenveröffentlichung "Lieber Genosse Charlie"

Das FBI versuchte alles, um Charlie Chaplin als Kommunisten zu brandmarken. Das ist bekannt. Jetzt kam heraus, dass die Amerikaner sogar den britischen Geheimdienst MI5 einschalteten, um dem großen Filmkomiker etwas anzuhängen. Doch die Briten blieben kühl.

Getty Images

Als in den fünfziger Jahren in Hollywood die Kommunistenjagd tobte, stand Stummfilm-König Charlie Chaplin ganz oben auf der schwarzen Liste. FBI-Chef John Edgar Hoover wollte diesen "Salon-Bolschewisten" unbedingt zur Strecke bringen - und forderte 1952 die Hilfe des britischen Geheimdienstes MI5 an. Die Kollegen in London sollten herausfinden, ob Chaplin wirklich die Person war, die er zu sein behauptete. War er tatsächlich am 16. April 1889 in Süd-London geboren worden? Oder hieß er nicht vielleicht doch Israel Thorstein? Und war ein russischer Jude?

Die US-Ermittler hatten bereits 1920 eine Akte zu Chaplin angelegt und mehrere tausend Seiten über ihn gesammelt. Unter anderem soll er Mitglied des "Severance Clubs" gewesen sein, in dem sich reiche Gönner der kommunistischen Partei versammelten. Auch Parteispenden soll Chaplin gemacht haben.

Eine Zusammenfassung der FBI-Vorwürfe wurde 1952 nach London weitergereicht. Der MI5 reagierte skeptisch, wie jetzt erstmals freigegebene Akten des Nationalarchivs in London zeigen. Die Qualität der FBI-Berichte "beeindruckt uns nicht", schrieb MI5-Agent H. P. Goodwyn in einem Vermerk. Chaplin sei offensichtlich "Opfer des McCarthyismus" geworden. Der republikanische Senator Joseph McCarthy schürte damals die Angst vor kommunistischen Saboteuren unter den US-Eliten. Im Fall Chaplin hatte er Erfolg: Als der Schauspieler 1952 mit seiner Familie zu einer Filmpremiere nach London reiste, verweigerte ihm die US-Regierung die Rückkehr. Er verbrachte daraufhin den Rest seines Lebens in der Schweiz.

Chaplin, ein Rätsel

Trotz ihrer Zweifel machten sich die britischen Agenten daran, den Wunsch der Amerikaner zu erfüllen und die Identität Chaplins zu überprüfen. Sie kamen nicht sehr weit. Im Londoner Geburtenregister konnten sie zum 16. April 1889 weder einen Eintrag zu Chaplin noch zu Thorstein noch zu Harley finden (Lily Harley war der Bühnenname von Chaplins Mutter Hannah Chaplin). "Es scheint, als sei Chaplin entweder nicht in diesem Land geboren worden, oder aber sein Name lautete anders als die genannten", resümierte ein MI5-Beamter.

Die Londoner Polizei Scotland Yard leitete dem MI5 den Hinweis einer "gewöhnlich glaubwürdigen" Quelle weiter, dass Chaplin in Fontainebleau bei Paris geboren sei. Eine Anfrage bei den französischen Behörden förderte jedoch ebenfalls keine Geburtsurkunde zutage.

So bleibt zumindest ein Fragezeichen hinter Chaplins Geburtsort, wenn auch vieles darauf hindeutet, dass er - wie bisher angenommen - seine ersten Lebensjahre in der britischen Hauptstadt verbracht hat. Die Volkszählung von 1891 verortet einen Zweijährigen namens Charles Chaplin in Süd-London.

Der MI5 sah die fehlende Geburtsurkunde nicht als großes Problem an. "Es ist merkwürdig, dass wir keine Nachweise über Chaplins Geburt finden können", schrieb der Chef der Anti-Sabotage-Abteilung, John Marriott, in einem Vermerk 1952. "Aber ich glaube kaum, dass dies irgendeine sicherheitspolitische Relevanz hat".

Auch Chaplins politisches Engagement konnte der britische Dienst nicht weiter erhellen. Neben den internen Nachforschungen zum Geburtsort enthalten die freigegebenen Akten, die auf der Web-Seite des Nationalarchivs heruntergeladen werden können, vor allem Zeitungsausschnitte, abgefangene Telegramme und Briefe. Einige kommen aus Russland und beginnen mit der Anrede "Lieber Genosse Charlie". Das bestätigt, dass der Filmstar - so wie viele seiner Hollywood-Kollegen - in linken Kreisen verkehrte. Er äußerte sich auch öffentlich positiv über den Kommunismus. Doch macht ihn das zum Kommunisten?

Chaplin selbst hat dies stets bestritten, und auch der MI5 kam nach Abschluss seiner Ermittlungen 1958 zu dem Schluss: "Vielleicht ist Chaplin ein kommunistischer Sympathisant, aber aufgrund der uns vorliegenden Informationen scheint er nicht mehr als ein 'Progressiver' oder Radikaler zu sein".

Das entlastende Urteil änderte jedoch nichts daran, dass auch in Großbritannien noch jahrelang ein Schatten über Chaplins Namen hing. Die britische Regierung blockierte noch 20 Jahre lang die Verleihung der Ritterwürde an den großen Sohn des Landes. Erst 1975 wurde Charles Spencer Chaplin von der Queen zum Sir geschlagen.

Mehr zum Thema


insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
huberwin 17.02.2012
1. Hatten halt schon immer ein problem mit der Freiheit
Andersdenkender....siehe Republikaner heute!
sverris 17.02.2012
2. hjkl
Ich denke bei solchen und auffallend vielen anderen Meldungen über die Zustände in den USA leider immer an den Satz eines Großonkels (der nach dem 2.WK sehr lange für die US-Army in D gearbeitet hat): "Die Amis sind doch das dümmste Volk unter der Sonne." Er meinte damit, etwas harsch, die unglaublich dürftige Bildung, die er von dieser "Krone der westlichen Demokratie" einmal erwartet hatte. Immerhin gibt es ja solche Leute wie Chaplin, würde ich ihm heute entgegnen.
amonn 17.02.2012
3.
---Zitat--- Das FBI hatte bereits 1920 eine Akte zu Chaplin angelegt ---Zitatende--- Wohl kaum. Das "FBI" gibt es erst seit Juli 1935, davor war es nur das "BI"
hubertrudnick1 17.02.2012
4. Wahrheiten
Zitat von sverrisIch denke bei solchen und auffallend vielen anderen Meldungen über die Zustände in den USA leider immer an den Satz eines Großonkels (der nach dem 2.WK sehr lange für die US-Army in D gearbeitet hat): "Die Amis sind doch das dümmste Volk unter der Sonne." Er meinte damit, etwas harsch, die unglaublich dürftige Bildung, die er von dieser "Krone der westlichen Demokratie" einmal erwartet hatte. Immerhin gibt es ja solche Leute wie Chaplin, würde ich ihm heute entgegnen.
Da ist viel dran und es ist nicht nur in ihrer Vergangenheit so gewesen, denn auch heute noch zeigen sie es allen. Wir erinnern uns noch gut daran, dass sie fast pleite und fast am abstüzen sind und sie tun noch immer als wären sie die Weltmacht Nummer eins. Aber auch in ihren Wahlkampf und in ihrer Politik zeigen sie dass das sie die Realität nicht mehr wahrnehmen. Ich kann nur sagen, armes Amerika und damit meine ich nicht nur die sozialen Verhältnisse.
Oskar ist der Beste 17.02.2012
5.
Zitat von sysopGetty ImagesDas FBI versuchte alles, um Charlie Chaplin als Kommunisten zu brandmarken. Das ist bekannt. Jetzt kam heraus, dass die Amerikaner sogar den britischen Geheimdienst MI5 einschalteten, um dem großen Filmkomiker etwas anzuhängen. Doch die Briten blieben kühl. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,815967,00.html
was für ein Desaster, damit wäre der größte Schauspieler des 20. Jahrhunderts kein Brite, sondern Franzose (was ja noch schlimmer wäre als wäre er Deutscher). England hat wirklich nichts wirklich selbst als die Erinnerung an das untergegangene Emphire.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.