Alterswerk von Alain Resnais Die Toten und die Liebenden

Antiker Stoff im postmodernen Gewand: Alain Resnais, 91 Jahre alter Grandseigneur des französischen Kinos, hat mit seiner Filmversion von Anouilhs "Eurydike" ein verblüffendes Alterswerk komponiert. Zu Recht heißt es "Ihr werdet euch noch wundern".

Von Jörg Schöning


"C'est difficile - es ist kompliziert", sagt Eurydike, wenn sie mit Orpheus ins Bett geht. Etwas diffizil ist es auch mit dem neuen Film des französischen Altmeisters Alain Resnais. Schon die Stoffwahl von "Ihr werdet euch noch wundern" ist anspruchsvoll. Dem Film liegt ein Theaterstück von Jean Anouilh zugrunde, das Anfang der vierziger Jahre entstand und durchaus den Zeitgeist der Kriegs- und Nachkriegsjahre ausströmt.

Anouilhs Erfolgsrezept bestand darin, persönlichen Schicksalsschlägen die Bedeutsamkeit großer Tragödien zu unterlegen, indem er mit Stücken wie "Eurydike" und "Antigone" die antike Mythenwelt für das gehobene Boulevard-Repertoire umformatierte.

Überraschenderweise eignet sich das selbst schon fast antike Stück sehr gut als Spielvorlage für ein filmisches Alterswerk, das - in Anbetracht des mit 91 Jahren durchaus hohen Alters seines Regisseurs - womöglich so etwas wie ein Vermächtnis sein könnte. "Ihr werdet euch noch wundern" ist an der Grenze zwischen Leben und Tod angesiedelt, mit Schauplätzen im Diesseits und im Jenseits.

Eine zweite Ebene für das angestaubte Drama

Wie alle seine jüngeren Filme - der Zweiteiler "Smoking / No Smoking" (1993) mit seinen alternativen Lebensverläufen oder das ironische Musical "Das Leben ist ein Chanson" (1997) - ist auch dieser ausgesprochen doppelbödig. Doch anders als bei seinen hoch artifiziellen Filmspielereien ist es dem Regisseur bedeutsamer Klassiker wie "Hiroshima, mon amour" (1959) und "Letztes Jahr in Marienbad" (1961) hier wieder mal ernst. Außerdem hat Resnais die "Eurydike" mit einem weiteren Stück von Anouilh kombiniert und dem etwas angestaubten Drama zu einer zweiten Ebene verholfen.

Nach dem Tod des Theaterregisseurs Antoine d'Anthac erhalten seine Schauspielerfreunde einen Anruf mit der Aufforderung, sich in dessen Landhaus einzutreffen. In seinem Testament bittet d'Anthac seine Freunde, sich ein Video von Proben einer jungen Theatertruppe anzuschauen, die das Anouilh-Stück "Eurydike" neu inszeniert haben. Auch d'Anthacs Freunde hatten einst in dem Werk mitgespielt. Als sie sich nun die Inszenierung anschauen, sehen sie sich mit Geistern konfrontiert.

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"Ihr werdet euch noch wundern": Die Geister, die ich rief
"Als sie die Brücke überquert hatten, kamen ihnen die Gespenster entgegen", heißt es dann ahnungsvoll in einem Zwischentitel, der die französische Fassung von Murnaus Vampir-Klassiker "Nosferatu" zitiert. Doch die Geister, mit denen sich d'Anthacs Freunde konfrontiert sehen, sind sie selbst. Denn während sich die jungen Schauspieler auf der Leinwand ewige Treue und Liebe schwören, aber an diesen Versprechungen scheitern, erinnern sich auch die Freunde an ihren alten Part.

Ein geheimnisvoller Reisender

Und so kommt es, dass nicht nur zwei Zwanzigjährige (Sylvain Dieuaide und Vimala Pons) Orpheus und Eurydike verkörpern, sondern jeweils paarweise auch die alten Stammkräfte in der Schauspielerschar: Sabine Azéma und Pierre Arditi, Lambert Wilson und Anne Consigny, die diese Rollen zu unterschiedlichen Zeiten verkörpert hatten, begegnen einander noch einmal als Frischverliebte. Für die anderen Akteure bleiben erneut nur die Nebenrollen.

Zu ihnen gehört Mathieu Amalric, der als geheimnisvoller Reisender die Handlung stets entscheidend voranbringt, und der glänzende greise Michel Piccoli als Orpheus' hedonistisch verkommener Vater.

Aus dieser einigermaßen komplizierten Konstellation schöpft Resnais verblüffende Effekte: Im "Split Screen" und einmal sogar auf der viergeteilten Leinwand kommt es zu Interaktionen zwischen den vermeintlich Lebenden, die in den alten Rollen doch nur als Zitate ihrer selbst auftreten, und den gefilmten Nachfolgern.

Welche Sphäre tatsächlich gegenwärtiger und lebensnaher ist, muss dabei offen bleiben: Während in der Bühneninszenierung ein riesiges Pendel nicht nur den unaufhaltsamen Zeitverlauf symbolisiert, sondern irgendwie auch den Einzug des modernen Regietheaters verkündet, herrscht in der vorgeblich wirklichen Welt des Resnaisschen "Premiumkinos" ein antiquiertes Ambiente, das in seinen die Wirklichkeit imitierenden Kulissen einen theatralischen Stil von Annodazumal zitiert.

In diesem Zwischenreich der Lebenden und Toten entwickelt sich ein zuweilen heiteres, manchmal auch sentimentales Spiel um Jugend, Alter und Erinnerung. Das hat mitunter Längen und ist in seiner Logik nicht immer leicht nachzuvollziehen. Aber wer sagt denn überhaupt, dass es unkompliziert zugehen muss im Leben, in der Liebe oder im Kino - oder wenn man langsam Abschied von dem einen wie dem anderen nehmen soll?



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Seite 1
bénichousaraute 06.06.2013
1.
Jajaja, alles, was irgendwie verstaubt französisch daherkommt muss grundsätzlich genial sein. Oder (meiner francophonen Meinung nach) sterbenslangweilig. Kann man sich gerne sparen, diese Himmelauffahrt der onanierenden Egomanen
freelucky123 18.06.2013
2. Bester Film den ich je gesehen habe
Wer auch nur ein bisschen Lebenserfahrung besitzt und nicht nur auf 3D DummdurchdieGegendGeballere steht sollte diesen in der heutigen Filmlandschaft absolut einzigartigen Film sich nicht entgehen lassen.
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