"alaska.de" Gewalt, Drogen und Jugendknast

Wie ist das Leben in den Betonburgen der Vorstädte? Der Kinofilm "alaska.de" von Esther Gronenborn thematisiert eskalierende Gewalt unter Jugendlichen, authentisch und ohne Forderung nach härteren Bandagen.

Von Cristina Moles Kaupp


Esther Gronenborn erster Spielfilm: Messerscharfe Ängste in Breitwandformat
Arthaus

Esther Gronenborn erster Spielfilm: Messerscharfe Ängste in Breitwandformat

Sie sind gerade mal 17 und gelten schon als Verlierer: Kids aus den Plattenbaukäfigen. Zerrüttete Familien, Gewalt und Drogen, Jugendknast - alles scheint grau, und nichts geht voran. Dabei hat das Abenteuer Leben gerade erst begonnen.

Von Sehnsüchten in Breitwandformat und messerscharfen Ängsten erzählt alaska.de, der erste Spielfilm von Esther Gronenborn. Er zeigt die Orientierungslosigkeit der Youngster und wie viel Potenzial an sozialer Kälte zersplittern kann - Alaska liegt mitten in Deutschland. Das muss auch die 16-jährige Sabine (großartig: Jana Pallaske) erfahren, ein Scheidungskind. Da sie das neue Glück der Mutter stört, wird sie zu Papa abgeschoben - ins Plattengeviert Berlin Ost. Eine ausgelaugte Gegend, durchfurcht von Straßen, frech nach Andy Warhol benannt.

Trotzig irrt Sabine mit ihrem Koffer durch Beton, bis sie auf Eddi (Frank Droese) trifft. Er hat keine Lust, ihr den Weg zu erklären, bockig und schüchtern wie er ist. Bis Sabine rotzt: "Welches Schicksal hat dich denn zu so'nem Arschloch gemacht"? - so können Liebesgeschichten beginnen. Doch bis es so weit ist, wird ein Mord geschehen und Sabine Zeugin sein.

Liebe, Gewalt, Freundschaft und Verlorenheit: "alaska.de" taucht alles in matte, erdige Farben. Darunter pulsieren fette Berlin-Beats von Gonzales, Peaches bis Surrogat und ein stimmig trauriger Soundtrack. Merkwürdig: Auf den ersten Blick wirkt der Film wie ein langes Musikvideo oder ein Werbeclip für Sportartikel. Doch die coolen Helden sind blass, pickelig, mal schüchtern und verzweifelt, dann wieder rotzfrech, aber immer voller Energie.

Gewalt zwischen Plattenbauten: "alaska.de"
Arthaus

Gewalt zwischen Plattenbauten: "alaska.de"

Alle zwölf Darsteller sind Laien, die besten von rund 1000 gecasteten Berlinern. Nicht nur Aussehen und Ausstrahlung waren entscheidend, sondern ihre Erlebnisse und kleinen Geschichten, die sich zu Gronenborns Drehbuch verdichteten. Über ein Jahr hat die Regisseurin für diesen Film recherchiert, diverse Anti-Gewalttrainingsinitiativen besucht und sich mit den Lebensumständen "ihrer" Kids auseinander gesetzt.

Toni Blume ist einer davon und spielt den Cliquenchef Micha, der gerade aus dem Jugendknast entlassen worden ist. Er "braucht nur noch ein kleines beschissenes Kaugummi zu klauen", dann geht er in den Knast. "Nicht ein Eiapopeia-Jugendknast, sondern richtig", sagen die Bullen. Noch nimmt er die Drohung auf die leichte Schulter und feiert die Rückkehr mit seinen Freunden. Sie hängen ab, hören HipHop und stellen sich vor, sie säßen am Strand in Cuba. Schöne Zeiten - bis zu jenem Streetballspiel, als ein fremder Junge ihre Kreise stört und plötzlich ein Messer zieht. Die Schlägerei wird immer brutaler, und einer sticht zu: der Auftakt zu weiteren Eskalationen und rohen Szenen. Alltag, nicht nur in Berlin.

Regisseurin Esther Groneborn zeigt keine einfachen Lösungen, sondern das minutiöse Schwinden der Frustrationstoleranz, wie sich angestaute Aggression unaufhaltbar in Gewalt entlädt. Ihr sensibler Blick für die Probleme Jugendlicher hat die 34-Jährige bereits in dem Musikvideo "Meine kleine Schwester" von Spectacoolär bewiesen, der Initialzündung für "alaska.de". "In einer Gesellschaft, die Jugendlichen ein Fensterputzpraktikum als Berufschance verkauft, braucht man sich nicht zu wundern, wenn das zurückschlägt und die tolle junge Energie einfach so ins Leere läuft," sagt die Jungfilmerin. Eine sympathische Einstellung, realistischer als das Gekrächze derer, die nach immer härteren Bandagen schreien. Denn mit 17 kann man auch anders - falls die Perspektiven stimmen.

"alaska.de". Deutschland 2000. Regie und Drehbuch: Esther Gronenborn; Darsteller: Jana Pallaske, Frank Droese, Toni Blume, Nele Steffen, Wilhelm Benner, Daniel Fripan, Andrusch Jung, Andi Hoppe. Länge: 86 Minuten. Deutschlandstart: 25.1.



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