Künstlerfilm "Final Portrait" Der Meister und sein Modell

Kann man einen Menschen jemals in einem einzigen Bild einfangen? "Final Portrait" ist ein vergnügliches Kammerspiel, in dem der legendäre Bildhauer und Maler Alberto Giacometti sein Modell mit wochenlangen Sitzungen quält.

Von


"Schlussendlich kam das Studio seiner Vision näher als jedes Kunstwerk." Das schrieb der Kunsthistoriker Michael Peppiatt einst über das rümpelige Pariser Gartenhäuschen, in dem Alberto Giacometti fast ein Dutzend Jahre lang seine berühmten Gemälde und Skulpturen schuf.

Es ist eine Steilvorlage, die der Schauspieler Stanley Tucci in seiner fünften Regiearbeit "Final Portrait" geschickt genutzt hat: Er lässt sein Filmporträt von Giacometti fast ausschließlich in diesem Studio spielen. Jedes Bild von dem mit Sperrmüll vollgestellten und mit Gipsresten verklecksten Raum liefert so auch eine Momentaufnahme von Giacomettis ekstatischem Schaffensprozess.

Noch besser für Tucci trifft es sich, dass sich Giacometti bei der Arbeit filmen ließ und es deshalb reichlich Aufnahmen davon gibt, wie er immer wieder in den nassen Ton seiner Skulpturen griff, um ein Auge neu zu modellieren, oder den Pinsel ansetzte, um eine weitere Furche durch ein frisch gemaltes Gesicht zu ziehen.

Fotostrecke

8  Bilder
"Final Portrait": Die Giacometti-Komödie

Das größte Glück für Tucci ist es aber wohl, dass es ein genaues Zeugnis davon gibt, wie es war, Giacometti Modell zu stehen: Das Buch "Alberto Giacometti. Ein Porträt" des US-amerikanischen Kunstkritikers James Lord. Darin schildert er, wie aus einer einzigen Sitzung Wochen wurden, weil Giacometti nie mit dem Gemalten zufrieden war und sich beständig von seinen existenziellen Selbstzweifeln oder seinem umtriebigen Doppelleben mit Ehefrau und Geliebter ablenken ließ.

Reizvolles Setting, interessante Figurenkonstellation, genaue Einblicke in die Arbeitsweise - wenige Künstlerporträts können so aus den Vollen schöpfen, wie es Stanley Tucci für "Final Portrait" konnte. Umso bemerkenswerter ist es, dass er aus alldem kein erdenschweres Drama über ein Genie und seine Dämonen geschaffen hat, sondern eine leichtfüßige Komödie, die sich herrlich unbefangen gegenüber dem Jahrhundertkünstler zeigt.

Die Geliebte sitzt am nächsten Tisch

Oscargewinner Geoffrey Rush ("Shine") spielt Giacometti als Zausel mit schwerem Akzent und unzähligen Manierismen. Die Geldbündel, die er seinen Sammlern abknüpft, wirft er achtlos in die Ecke, nachdem er sich und seinen Bruder Diego (Tony Shalhoub) mit dem nötigen Kleingeld versorgt hat. Und beim Abendessen mit seinem Biografen James Lord (Armie Hammer) und seiner Ehefrau (Sylvie Testud) verschwindet er kurzerhand, um sich zu seiner Geliebten, der Prostituierten Caroline (Clémence Poésy), an einenTisch in der hinteren Ecke desselben Restaurants zu gesellen.

Anfänglich widersteht Tucci der Versuchung, dem begeistert aufspielenden Rush ganz den Film zu überlassen. Stattdessen kommt die Kamera immer wieder buchstäblich auf Armie Hammers Gesicht zur Ruhe. Stellvertretend für Giacomettis Künstlerauge prüft sie, was es mit diesem Gesicht auf sich hat, welche Spuren das Leben in ihm hinterlassen hat und mit welchem Blick das Innere nach außen dringt.


"Final Portrait"
UK 2017
Buch und Regie: Stanley Tucci
Darsteller: Geoffrey Rush, Armie Hammer, Sylvie Testud, Tony Shalhoub, Clémence Poésy
Produktion: Potboiler Productions, Riverstone Pictures, Olive Productions
Verleih: Prokino
FSK: ab 0 Jahren
Länge: 90 Minuten
Kinostart: 3. August 2017


Hammer absolviert diese Prüfung durch die Kamera glänzend. Sie könnte stellvertretend für das gesamte Kino stehen, das sich die längste Zeit nicht sicher war, ob dieser propere Amerikaner mit seiner leicht faden Schönheit, der zuvor in "Lone Ranger" oder "Codename UNCLE" kaum Eindruck hinterließ, das Zeug zum Charakterdarsteller hat. Mit einer Hand voll Nebenrollen hat er es in den vergangenen zwei Jahren nachdrücklich bewiesen.

In "Birth of a Nation" und "Nocturnal Animals" stellte Hammer sich und seine Physis ganz in den Dienst der Filme und bereitete so entscheidend die Bühne für seine Co-Stars Amy Adams und Nate Parker vor. Der englische Begriff für Nebenrolle trifft es in diesen Fällen besser: supporting role, unterstützende Rolle - ganz so wie auch in "Final Portrait".

Altes Europa, neue Lässigkeit

Hammers endgültigen Durchbruch wird man in Deutschland aber leider erst im März 2018 regulär im Kino zu sehen bekommen. In dem betörenden Liebesfilm "Call Me By Your Name" von Luca Guadagnino, der bereits im Februar auf der Berlinale begeisterte, spielt Hammer einen schneidigen amerikanischen Doktoranden, der für einen Sommer Gast auf dem italienischen Landsitz seines Professors ist und einen Flirt mit dessen jüngerem Sohn beginnt. Vermeintlich eine ungleiche Paarung, doch wer hier Verführer und wer Verführter ist, lässt sich schon bald kaum mehr sagen, denn die Chemie zwischen Hammer und Co-Hauptdarsteller Timothée Chalamet ist schlicht explosiv.

Zumindest ein Echo der Konstellation aus "Call Me By Your Name" klingt in "Final Portrait" nach. Hier ist Hammer ebenfalls der Amerikaner, der europäische Skurrilitäten freigeistig aussehen lässt und dessen Sorglosigkeit im Gegenzug unglaublich lässig wirkt. Kaum eine Szene fängt es besser ein als das Mittagessen, zu dem Giacometti Lord statt des eigentlich geplanten Modellstehens überredet. Während Giacometti Aufschnitt und gekochte Eier verschlingt, dazu Wein herunterstürzt und gleich zwei Kaffee folgen lässt, trinkt Lord in Ruhe eine Coca-Cola.

Leider gibt Tucci das Spiel mit der Balance zwischen seinen zwei Hauptdarstellern irgendwann auf, um den Film zugunsten Rushs kippen zu lassen. Konstant die Tonalität auf dem Komödiantischen haltend, verpasst es Rush, Giacomettis tiefsitzende Selbstzweifel als mehr als eine nervige Koketterie erscheinen zu lassen. Wie dieser Mann nie zuvor gesehene Ausdrucksweisen für die Vereinsamung und Verzweiflung des Menschen finden konnte, bleibt so ein Rätsel.

Aber womöglich hatte Tucci auch gar nicht vor, mit seinem Film in solche Tiefen vorzustoßen. Und den wichtigsten Fürsprecher, dass es niemals ein vollständiges oder letztgültiges Porträt von jemandem gegeben hat, hat er eh auf seiner Seite. Es ist Alberto Giacometti selbst.

Im Video: Der Trailer zu "Final Portrait"

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.