Doku übers Filmbusiness Wie eine grausame Geliebte

Wie funktioniert das Filmgeschäft heute? Alec Baldwin und James Toback wollen es herausfinden und fahren mit einem Konzept für ein erotisches Politdrama nach Cannes. "Verführt und verlassen", der Dokumentarfilm über ihre Bemühungen, ist Liebeserklärung und Abgesang zugleich.

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Vier bis fünf Millionen. Immer wieder bekommen Alec Baldwin und James Toback diese Zahlen zu hören. Der Schauspieler und der Regisseur sind im Mai 2012 mit einem Konzept für ein gewagtes Eroktikdrama, das im Irak spielt, zu den Filmfestspielen nach Cannes gefahren. 15 Millionen Dollar würden sie selbst für ihr Projekt ("Eine Art 'Letzer Tango in Tikrit'", so Baldwin) veranschlagen, doch solche mittelgroßen Budgets kennt die globalisierte Filmbranche nicht mehr. Entweder ganz groß oder ganz klein - dazwischen geht kaum noch was.

Oscar-Gewinner Steven Soderbergh hat diesen Umstand zur selben Zeit zum Anlass genommen, seinen Abschied aus dem Filmgeschäft zu erklären. Baldwin und Toback haben einen ganz anderen Weg gewählt: Sie haben bei ihren Bemühungen, Investoren für das Spielfilmprojekt zu gewinnen, eine Kamera laufen lassen und daraus den wunderbar unterhaltsamen Film "Verführt und verlassen" gemacht. So benannt, weil das Filmgeschäft laut Toback und Baldwin wie eine grausame Geliebte ist: Man wird ein ums andere Mal verführt, um im Anschluss doch nur wieder verlassen zu werden.

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Filmdoku "Verführt und verlassen": "Das ist doch kein Leben"

Entsprechend hoffnungsvoll sind Toback und Baldwin noch vor ihrer Reise nach Cannes. Ein nicht klassifizierbares Werk zwischen Fiktion und Dokumentation soll "Verführt und verlassen" werden. Das gibt Toback, der vor allem für sein Drehbuch zum Gangsterklassiker "Bugsy" berühmt ist, als Losung aus. Fiktiv ist an diesem Film aber nur die Projektidee, die Toback und Baldwin als McGuffin mit an die Côte d'Azur nehmen. Das vermeintlich geplante Erotikdrama mit Alec Baldwin und Neve Campbell ("Scream") in den Hauptrollen dient vor allem als Aufhänger, um im Gespräch mit internationalen Produzenten die Mechanismen der Filmfinanzierung heutzutage offenzulegen.

"Mit der ist kein Geld zu machen"

Zur Geschichte des Films, für den Toback und Baldwin kein Drehbuch vorzuweisen haben, gibt es kaum Fragen. Stattdessen geben die Produzenten nach der knappen Inhaltsangabe schon ihre Einschätzung ab, was die Besetzung taugt. Der durch die TV-Comedy "30 Rock" wieder äußerst angesagte Baldwin als Kinodarsteller? Könnte klappen, sagen einige der potenziellen Geldgeber. Aber Neve Campbell? Nicht "bankable", ist das allgemeine Urteil, will heißen: zu unbekannt, um mit ihr abkassieren zu können.

In solchen Momenten droht sich Zynismus über das Filmgeschäft breitzumachen. Doch der Film trägt nicht umsonst das Wort "verführt" im Titel: Regielegenden wie Francis Ford Coppola, Roman Polanski, Martin Scorsese oder Bernardo Bertolucci erzählen funkelnde Anekdoten von ihren berühmtesten Drehs und schwärmen mitreißend von ihren Lieblingsszenen. Dazu berichten Ryan Gosling und Jessica Chastain, die zwei Schauspieler, die dem klassisch glamourösen Hollywoodstar zurzeit wohl am nächsten kommen, von ihren Niederlagen und Erfolgen am Set. Wer sich da nicht wieder ins Kino verliebt, der war für die Reize dieser Kunstform wohl noch nie empfänglich.

Aber lohnt es sich wirklich, an dieser Liebe festzuhalten? In vielen Momenten zeichnet "Verführt und verlassen" ein düsteres Bild von der Zukunft des Kinos, die nurmehr von sinnlosen Comic-Blockbustern dominiert zu sein scheint. In ihrer großartigen Mischung aus Liebeserklärung und Abgesang machen Baldwin und Toback aber klar, dass Filmemachen schon immer ein brutaler Kampf gewesen ist.

Ein Zitat, das sie immer wieder aufgreifen, verdeutlicht dies besonders eindrücklich: "Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, dann habe ich 95 Prozent davon damit zugebracht, Geld für meine Filme zu sammeln, und nur fünf Prozent damit, Filme zu drehen. Das ist doch kein Leben." Das Zitat stammt von Orson Welles.


Filmangaben:
"Verführt und verlassen" von und mit James Toback und Alec Baldwin. Ab 10. Juli in den Kinos (Verleih: Weltkino)



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insgesamt 2 Beiträge
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dunham 10.07.2014
1. Und wer schuldig ist...
...das sind die Serien! Viel viel Geld geht in Hollywood-Serien, die wieder und wieder im Fernsehen und Internet herunter genudelt werden und ob des vielen Geldes auch mit den am Filmset fehlenden Stars besetzt sind. Serien sind ein großes Geschäft und etwas für kulturelle Tiefflieger: Jeder Charakter kann, einmal erfunden, immer wieder neu aufgebrüht werden. Bei Filmen muss man dagegen Köpfchen haben, etwas wagen, will man etwas wirklich Neues machen.
andi0100 16.07.2014
2. Das Kino ist schon lange tod
90 Minuten sind das Korsett der Kurzgeschichte, ein Film muss daher zwingend nach 2/3 der Zeit auf den Plot zusteuern, und wer ehrlich ist, letztendlich lassen sich Plots nur bedingt unendlich variieren. Eine Serie hat wie ein Roman (unendlich) Zeit, Charaktere und Handlungen so aufzufächern, dass Schattierungen von Grau bei den Personen und den Handlungen zu entwickeln. Und das hat viel mehr mit dem Leben zu tun als das zwingend notwendige schwarz/weiß beim Film. Man vergleiche den hochgelobten Film "Prisoners" mit der US-Adaption der Serie "The Killing" Zwei Formate, ein Thema... das Kino kann da nichts dafür, es sind eben nur 90 Minuten.
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