Alexander Kluge Guerilla-Filme fürs Fernsehvolk

Wie verfilmt man "Das Kapital" von Karl Marx? Wenn es einer kann, dann Alexander Kluge. Mit stehenden Ovationen ehrte die jüngere Generation den Regie-Partisanen beim Deutschen Filmpreis. Kluge, der Extrem-Filmemacher, greift weit zurück – und noch weiter voraus, zur iPod-Generation.

Von Matthias Matussek


Für Alexander Kluge war der Tag, bevor ihn das jüngere deutsche Kino in die Arme schloss, ein Arbeitstag wie jeder andere. Im luftigen Dachgeschoss in der Akademie der Künste vor dem Brandenburger Tor sprach er mit der russischen Expertin Oksana Bulgakowa über die Pläne des Filmpioniers Sergej Eisenstein (1898-1948), das "Kapital" von Karl Marx zu verfilmen.

Bitte was? Marx? Eisenstein?

Filmemacher Kluge (am vergangenen Freitag bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises): Der witzigste und neugierigste Mann im deutschen Fernsehen
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Filmemacher Kluge (am vergangenen Freitag bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises): Der witzigste und neugierigste Mann im deutschen Fernsehen

Unten schlendern Touristen durch einen sonnigen Frühling im postideologischen Zeitalter, das ganz normale "Keinohrhasen"-Publikum eben mit Eis am Stiel und Foto. Und oben werden noch einmal die Wolkengebirge beschworen, die Eisenstein zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts konstruieren wollte.

Unten die Cineplex-Demokratie. Oben das Minderheitenprogramm. Eine komplizierte Gemengelage. Doch da geht es nicht nur um zwei Flügel. Es geht um die Zukunft des Kinos schlechthin. Kluge spricht nun mit dem New Yorker-Kritiker David Denby, der das Ende der Kinosäle prophezeit. Die Bilder werden klein. Sie passen in den iPod, auf YouTube, und die Filme bestehen aus Kurzformaten.

Kluge hatte bereits vor 20 Jahren, nach seinem Film "Vermischte Nachrichten" das große Kino verlassen und war ins Streichholzschachtel-Format des Fernsehens desertiert, um experimentelle Minutenfilme mit fliegenden Zeppelinen zu drehen oder Schlachtenbeschreibungen, unterbrochen von Schrifttafeln mit Merksätzen.

Oder raffinierte "mockumentaries", Gespräche mit fiktiven Partnern, etwa mit Helge Schneider als "Kampfschwimmer vor Heiligendamm" , der über den G-8-Gipfel aus amphibischer Sicht berichtet: "Die Ostsee ist ein tückisches Gewässer." Das ist Kluges Gegenwartskino.

Wenn Kluge mit Oberst Sanftleben – dem Kabarettisten Georg Schramm – über das "Weichziel Mensch" improvisiert, über die hohen Produktionskosten eines deutschen Soldaten verglichen mit denen eines chinesischen, dann sind das Irritationen, die den zappenden Zerstreuungssuchenden um Mitternacht auf anregende Weise ins Grübeln bringen können.

Das hat das Autorenkino immer versucht. Nun ist es eben auf Studioformate bei RTL oder Sat.1 verkürzt.

Was oft übersehen wird: Alexander Kluge, 76, ist der witzigste und neugierigste Mann im deutschen Fernsehen, und der wohl größte Witz ist der, dass er seine Guerilla-Aktionen dem Privatfernsehen abgetrotzt hat. "Man muss bei der Mehrheit bleiben, selbst wenn sie irrt", sagt er. "Zwischen Till Eulenspiegel und Kant, da wird’s interessant."

Wo andere Kulturmagazine entschlossen Partei ergreifen für die gute Sache, ergreift Kluge Partei für den guten Gedanken, die Vertiefung, die tänzerische Provokation ohne allen Quotendruck.

"Zwischen Till Eulenspiegel und Kant, da wird’s interessant"

Die Magie von Alexander Kluge liegt zunächst in seiner Stimme. Sie zieht hinein, ins Gespräch, in Entdeckungen. Es ist eine Art beschwingtes Raunen. Zwei Wochen vor der Preisverleihung, in München, in den Arbeitsräumen seiner geräumigen Altbauwohnung, klingt die Stimme nach Geheimwissenschaft und Umsturz, vielleicht auch nur nach einer aufgeregt getuschelten Kinderidee unterm Tisch.

Also: Wie verfilmt man Marx’ "Kapital"? Kluge, begeistert: "Man müsste zehn Zentimeter Seide zeigen, dann die Strümpfe von Revuetänzerinnen, natürlich die Konkurrenz, den ägyptischen Baumwollhandel." Tom Tykwer wird das übernehmen. Dazu Gespräche mit Sloterdijk. Und noch während man damit beschäftigt ist, darüber nachzudenken, wie unmöglich das alles ist, mäandert das Gespräch weiter, über die Marneschlacht und ihr Fernmeldewesen und Hitlers Automobilunfall hin zur Schluss-Arie der "Tosca".

Plötzlich also wirbeln da lauter Ideenteller in der Luft, höchste Konzentration jetzt beim Notizen kritzelnden Besucher – "Kaffee?""Dankegehtjetztnicht" – ein einziges atemloses Jonglieren mit Themen aus Hirnforschung und Oper und Geologie, lauter bunte Nebensachen, was soll das?, bis man kapiert hat: Die sind die Hauptsachen.

Das Prinzip Kluge

Das ist das Prinzip Kluge. Aus diesem Stoff ist seine Literatur, sein Kino. Statt der großen Geschichte viele kleine. Mit einem Bein steht Kluge in der Frühzeit des Kinos und seinem Vaudeville. Mit dem anderen im Internet und seinen Videoblogs. Er ist Avantgarde, und das seit mehr als 40 Jahren.

"Er ist unser Godard", sagte Tykwer vor der Preisverleihung. Und Wolfgang Becker, Regisseur von "Good Bye, Lenin!": "Er ist der letzte Querdenker in einer zunehmend uniformen Landschaft."

Kluges Stimme ist wie ein Echolot, das sich in die entlegensten Tiefen senken kann. Jetzt senkt sie sich in die eigene Kindheit und erzählt von Halberstadt. "Sie haben mich am 8. April angerufen – da ist Halberstadt hingerichtet worden." Die Stimme berichtet von den bombenden "Industrieanlagen in der Luft" und von der "totalen Ohnmacht unten". Lange vor Sebald und anderen hat Kluge den Bombenkrieg aus Sicht der deutschen Opfer beschrieben.

Er studierte Jura und assistierte bei Hellmut Becker, dem Weizsäcker-Verteidiger bei den Nürnberger Prozessen. Beckers Sohn Nicolas (der nach dem Mauerfall Honecker verteidigte) erinnert sich: "Ein unwiderstehlicher Geschichtenerzähler. Er nahm uns ernst. Mit Zinnsoldaten stellte er für uns Maos langen Marsch nach, samt Verliesen für die politischen Gefangenen. Die Baumwollfelder wurden mit Klematisröschen markiert." Voilà, Weltgeschichte als Sandkastenspiel.

Auf Empfehlung seines Mentors Theodor W. Adorno assistierte er bei Fritz Lang, als der 1958 seinen "Tiger von Eschnapur" und "Das indische Grabmal" für den Berliner Produzenten Artur Brauner drehte. Lang, der Stummfilmphantast, der Schöpfer von "Metropolis" und der "Mabuse"-Filme, abgründig, poetisch. "Das war meine Verzahnung", sagt Kluge, "wir hatten ja nur die Willy-Birgel-Filme der Nazis."

"Wir waren wohl zu radikal"

Lang sollte später erblinden, und in einem Gespräch mit Jean-Luc Godard erzählt Kluge fasziniert davon: "Er sah alles mit seinem inneren Auge und schilderte Filme, die er nicht mehr realisieren konnte, eindringlich, plastisch." Dieses Prinzip sollte Kluge bis ins TV begleiten: Seine Filme sind eher die Ideen zu Filmen.

Die fünfziger Jahre waren das Kino der Heimatfilme und der Aufbaupausbäckigkeit. "Dagegen mussten wir an." Kluge formulierte mit anderen 1962 das Oberhausener Manifest, das das Neue Deutsche Kino begründete. "Wir waren wohl zu radikal", sagt er heute. "Wenigstens Käutner hätten wir aufnehmen sollen."

Mit einem Geniestreich zeigte Kluge 1966, wie das neue Kino aussehen kann: "Abschied von gestern" erzählt die Geschichte der jüdischen Ladendiebin Anita G. gespielt von seiner schönen Schwester Alexandra, im geschichtsvergessenen Nachkriegsdeutschland, ein Schwarzweiß-Film, der bereits alle formalen Merkmale späterer Filme enthält: der Fall, die Zeitraffersequenzen, die Montage mit Schrifttafeln. "Es ist bestürzend, was der Film vermag", schrieb Max Frisch. Kluge erhielt dafür 1966 den Silbernen Löwen in Venedig – den ersten für einen deutschen Film seit 1941.

In der neuen Kohorte, die da unterwegs war - Fassbinder, Wenders, Herzog, Reitz - war Kluge der Chronist des Alltags, mit Filmen, deren Titel sprichwörtlich wurden. Etwa "In Gefahr und höchster Not bringt der Mittelweg den Tod" oder "Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos".

Der Partisan ist zurückgekehrt

Eine Stunde vor der Preisverleihung: kurze Pause im Hotel Adlon, dann geht es hinüber zur Gala ins Palais am Funkturm, auf den roten Teppich, in die Blitzlichter. Und die Stars des deutschen Kinos werfen Kusshände, und das Cineplex-Publikum steht hinter den Absperrungen und ruft Namen wie "Heike" oder "Heino" oder "Senta", und keiner ruft "Alexander", aber das macht überhaupt nichts. Alexander Kluge leuchtet.

Er wird begleitet von seiner Frau, von seinen Kindern, von Hannelore Hoger. Der Abend hat großen Glanz, aber keine großen Überraschungen, doch Tom Tykwer sorgt für den einen Moment, der tatsächlich Magie hat: Er ehrt Alexander Kluge, als Pionier, als Erfinder, als Träumer. Die junge Generation verneigt sich. Und als Kluge die Bühne betritt, erheben sich alle und applaudieren minutenlang.

Kluge spricht vom Aufbruch in eine ungewisse Zukunft, von einer Transgression aus dem großen Saal in den iPod, aber das Kino, sagt er, werde überleben.

Zum Schluss zeigt er einen seiner Minutenfilme. Michael Ballhaus hat ihn für ihn aufgenommen, auf 65 Millimeter, wie ein letztes ironisches Zitat auf das ganz große Kino.

Als er später unter den Filmleuten steht und Glückwünsche entgegennimmt, sagt er leise: "Vielleicht mache ich ja doch noch mal einen großen Film."

Zumindest für diesen Abend gilt: Der Partisan ist zurückgekehrt.



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