"Alien"-Prequel "Prometheus": Die Götter müssen Monster sein

Von David Kleingers

Wurde die Menschheit von Außerirdischen geschaffen? In "Prometheus" erzählt Ridley Scott eine etwas andere Schöpfungsgeschichte. Sein "Alien"-Prequel besticht mit schrecklich-schönen Bildern, überzeugt mit starken Stars und überrascht mit Humor. Ein Glücksfall.

Schon die erste Ankündigung, dass Ridley Scott mit "Prometheus" in das fiktive Universum seines stilbildenden Science-Fiction-Schockers "Alien" zurückkehren würde, sorgte für reichlich Spekulationen. Zunächst war von einer weiteren Fortsetzung die Rede. Dann sprach man über ein Prequel. Und schließlich von irgendetwas dazwischen.

Die Zeit verging, die Verwirrung wuchs. Und die Erwartungen waren zwiespältig. Umso beeindruckender ist nun das Ergebnis. Scott und seine Drehbuchautoren Jon Spaihts und Damon Lindelof nehmen sich des Erbes an, würdigen es und überführen es zugleich in eine eigenständige Erzählung. "Prometheus" wirkt zwar von der Titelsequenz an in vielen Details vertraut, doch er befreit sich in den entscheidenden Momenten vom Ballast des Vorherigen. Übrig bleibt der beste "Alien"-Film, der keiner ist. Das klingt paradox, funktioniert aber prima.

Angesichts der Entwicklung, die das von H. R. Giger entworfene und mit sexuellen Motiven aufgeladene Alptraumwesen seit seinem virtuosen Debüt im Jahr 1979 nahm, hätte das auch anders kommen können: Nachdem Scott die wohl traumatischste Begegnung der dritten Art gezeigt hatte, vervielfachte James Camerons fulminanter "Aliens" (1986) das verstörende Wesen mit dem erbarmungslosen Fortpflanzungstrieb in einem adrenalingetränkten Spektakel. Später bot David Fincher in "Alien3" (1992) dräuenden Industrial-Horror. Und schließlich fuhr der ambitionierte, aber heillos überladene "Alien Resurrection" (1997) von Jean-Pierre Jeunet die Geschichte gegen die Wand.

Dies bedeutete auch den Abschied von Lt. Ellen Ripley, jener von Sigourney Weaver ebenso intelligent wie hingebungsvoll verkörperten Heldin, die dem Monster in Einzigartigkeit in nichts nachstand. Sie ersparte sich damit immerhin die hochpeinlichen "Alien vs. Predator"-Filme, in denen die einst so bedrohliche und faszinierende Kreatur endgültig zum Gruselgimmick verkam. Längst in Comics und Computerspielen angelangt, ist das Alien heute eine Ikone der Popkultur. Allein, zum Fürchten schien es nicht mehr zu sein. Bis jetzt.

Zurück in die Ursuppe der Alpträume

Die Neudeutung der Geschichte beginnt jetzt im Jahr 2089 mit einem sensationellen Fund: Rund um den Globus entdecken die Archäologin Elizabeth Shaw (Noomi Rapace, die Lisbeth Salander aus den schwedischen Stieg-Larsson-Filmen) und ihr beruflicher wie auch privater Partner Charlie Holloway (Logan Marshall-Green) in Höhlenmalereien verschiedener Urvölker die wiederkehrende Darstellung einer bestimmten Sternenkonstellation. Außerirdische, so Shaws kühne Schlussfolgerung, haben die frühe Menschheit geprägt, ja vielleicht sogar erschaffen. Das Motiv der Sternenkarte ist für sie daher nicht nur historisches Zeugnis, sondern konkrete Einladung, die fortan "Engineers" genannten Vorfahren im All zu finden.

Die allgegenwärtige Weyland Corporation - ein vielsagender Name im Alien-Universum - finanziert daraufhin eine Weltraumexpedition, die das Raumschiff "Prometheus" nach langem Flug zum vermuteten Zielplaneten bringt. An Bord weckt der Androide David (Michael Fassbender) die im künstlichen Schlaf gehaltene menschliche Besatzung. Zu der gehören neben Shaw, Holloway und einer Handvoll Wissenschaftler und Crewmitglieder auch Janek (Idris Elba, "Luther"), der pragmatische Captain der "Prometheus", sowie Meredith Vickers (Charlize Theron) als machtbewusste Repräsentantin des Weyland-Konzerns.

Fotostrecke

9  Bilder
Weltall-Horrorfilm "Prometheus": Tödliche Ursuppe

Tatsächlich finden sich auf dem Planeten imposante, augenscheinlich längst verlassene Bauhinterlassenschaften einer Zivilisation. Die Erkundung einer der riesigen Strukturen bringt erstaunliche Einsichten. Und die folgenschwere Erkenntnis, dass nicht alles tot sein muss, was leblos scheint.

Alsbald weicht daher die hehre Frage "Wo kommen wir her?" einem hysterischen "Wie kommen wir hier weg?", und was als erhaben fotografierte Erich-von-Däniken-Gedächtnisveranstaltung beginnt, mündet in konkreten, körperlichen Horror. Scott inszeniert so eine wendungsreiche, in betörend verfremdeten Farben gehaltene Schöpfungsgeschichte, die nicht nur mit schrecklich-schönen Bildern, sondern auch mit bitterem Humor überrascht.

Evolution als grausamer Treppenwitz

Aber in all dem um sich greifenden Dunkel gibt es auch Licht: Wenn sich die Evolution als grausamer Treppenwitz des Universums entpuppt, vermeintliche Götter als rücksichtslose Manipulatoren, ja regelrechte Schweinepriester dastehen und das prometheische Feuer der Erleuchtung dem vernichtenden Flammenwerfer weicht, dann braucht es eine widerständige Heldin, die nicht den Glauben verliert. Die gleichermaßen ätherische wie zupackende Noomi Rapace erweist sich hierfür als Idealbesetzung. Ihre religiös motivierte Elisabeth Shaw wird arg geprüft, insbesondere in einer drastischen Szene, die eine atemberaubend bizarre Zuspitzung der Idee medizinischer Selbstversorgung präsentiert. Wer das übersteht, so viel ist klar, kann auch außerirdischer Willkür die schwarze Ursuppe versalzen.

Auch der wie immer souveräne Michael Fassbender verleiht der Figur des Androiden - der in den "Alien"-Filmen ja nicht selten im übertragenden oder buchstäblichen Sinn den Kopf verliert - eine neue Ambivalenz und die feingeschnittenste Andersartigkeit seit David Bowie in "The Man Who Fell To Earth" (1976). Ebenso sehenswert sind Charlize Theron als frivol-frostige Managerin sowie Idris Elba in der Rolle des geerdeten Raumfahrers, der auf handfeste Lösungen statt auf kryptische Botschaften setzt.

Das illustre Ensemble transportiert nicht zuletzt den abgefeimten Spaß, den Scotts Höllenritt macht. Die fast satirische Distanzierung von naturseligen Heilsversprechen macht "Prometheus" nebenbei zum Anti-"Avatar", der James Camerons quietschbunter Wald-und-Wiesen-Philosophie einen rasanten, elegant-monochromen Skeptizismus entgegensetzt. Da ist es nur konsequent, dass dieser Film am Ende eine ganz andere Art Sternenkind gebiert als einst "2001".

Und das ist denn auch die frohe Botschaft für das Science-Fiction-Kino: "Prometheus" macht das All wieder undurchdringlich, aufregend und gefährlich. Zu einem Ort, an dem dich niemand schreien hört.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 91 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Verkettung dummer Entscheidungen
guntalk 06.08.2012
Für mich besticht Prometheus eher durch die wohl amateurhaftesten Wissenschaftler des Universums und deren völlig unlogischen Entscheidungen. Der Film wimmelt nur von Momenten in denen sich der Zuschauer fragt, ob dort Profis oder doch nur Idioten am Werk sind.
2.
partyduler 06.08.2012
Eine positive Kritik des Spiegels, ich befürchte dies verheißt nichts Gutes... Jetzt muss ich mir doch nocheinmal überlegen on ich mir den Film anschaue.
3. Naja ...
rochush 06.08.2012
Zitat von sysopWurde die Menschheit von Außerirdischen geschaffen? In "Prometheus" erzählt Ridley Scott eine etwas andere Schöpfungsgeschichte. Sein "Alien"-Prequel besticht mit schrecklich-schönen Bildern, überzeugt mit starken Stars und überrascht mit Humor. Ein Glücksfall. "Alien"-Prequel "Prometheus": Die andere Schöpfungsgeschichte - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,848007,00.html)
ich habe den Film vor zwei Tagen gesehen und war ehrlich gesagt ziemlich enttäuscht. Beeindruckende Bilder, viel Action, ja, aber ansonsten eine ziemlich dünne, künstliche Handlung. Warum wurde die Konstellation von antiken Zivilisationen beschrieben, wenn später geschlossen wird, das der Planet lediglich ein Militärposten ist? Von dem Intelligent Design Hintergrund mal vollkommen abgesehen... Eine moderne Prometheus Adaption hätte sehr viel mehr bringen können und müssen, hier ist leider ein sehr flacher Stoff herausgekommen, schade.
4. Fremd
Izmi 06.08.2012
Zitat von sysopWurde die Menschheit von Außerirdischen geschaffen? In "Prometheus" erzählt Ridley Scott eine etwas andere Schöpfungsgeschichte. Sein "Alien"-Prequel besticht mit schrecklich-schönen Bildern, überzeugt mit starken Stars und überrascht mit Humor. Ein Glücksfall. "Alien"-Prequel "Prometheus": Die andere Schöpfungsgeschichte - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,848007,00.html)
Ich frage mich seit Jahrzehnten, warum niemand den Stoff des verschollenen ausserirdischen und hufeisenförmigen Raumschiffs auf LV-426 aufnahm und einen neuen, herkunftsbezogenen Film der "Aliens" daraus machte. Allein schon der nur durch diffuswabernde Wolken und Schatten erkennbare und äusserst fremd wirkende "Flugkörper" wäre eine Produktion wert gewesen. Leider wird in dem Artikel nicht erwähnt, ob das Prequel auch das Schicksal jenes Alien-Raumschiffs klärt, mit dem Ripleys Schicksal letztlich seinen Anfang nahm...
5. Wieder ein langweiliges Alien
El Plagiator 06.08.2012
Der Film ist eindeutig als Begin eines neuen Franchise gedacht. Es ist als würde man sich zwei Stunden lang die Entstehungsgeschichte eines Comichelden ansehen. Die entstehung des Aliens und die Idee dahinter finde ich ziemlich plump und einfallslos. Nach zwei Stunden Film ist es endlich soweit. Die Vorgeschichte ist erzählt, eigentlich könnte jetzt etwas Schwung in die Handlung kommen aber an der Stelle wird überdeutlich klar gemacht dass die Macher sich die eigentliche Handlung für die Fortsetzung aufheben. Was im Film passiert hätte in einer halben Stunde erzählt werden können.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Kino
RSS
alles zum Thema Ridley Scott
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 91 Kommentare
Prometheus - Dunkle Zeichen

Originaltitel: Prometheus

USA 2012

Regie: Ridley Scott

Buch: Jon Spaihts, Damon Lindelof

Mit: Noomi Rapace, Logan Marshall-Green, Michael Fassbender, Charlize Theron, Idris Elba, Guy Pearce

Produktion: Brandywine Productions, Dune Entertainment, Scott Free Productions

Verleih: 20th Century Fox Germany

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 16 Jahren

Start: 9. August 2012