Tragikomödie "Alki Alki" Mein Freund, die Flasche

Kann man über Alkoholsucht lachen? Und wie! Der Film "Alki Alki" ist weder albern noch verklärend. Der Tragikomödie gelingt eine humorvolle Auseinandersetzung mit einem vermeintlichen Tabuthema.


Drei Männer im Auto, auf dem Weg von Bad Oeynhausen nach Berlin. Was klingt wie der Beginn eines schlechten Witzes, ist in Wahrheit die Entstehungsgeschichte von "Alki Alki". Denn wenn die drei Männer Ranisch, Pinkowski und Trabner heißen und einige der originellsten deutschen Filme der jüngsten Zeit zu verantworten haben, wird ein Pkw auf der Autobahn schnell zum Kreativlabor.

Während draußen die norddeutsche Tiefebene vorbeifliegt, erwächst im Inneren des Wagens aus einer Idee ein Drehbuch. Die unaufhaltsame Talfahrt eines Alkoholikers, das ist Peter Trabners erster Einfall. Für Axel Ranisch, Regisseur von "Dicke Mädchen" und "Ich fühl mich Disco", noch zu düster, auch zu konventionell, ihm fehlt der Kniff. Also legt Trabner nach: Wie wäre es, die Sucht als eigenständige Person auftreten zu lassen? Als Klette, die dem Süchtigen auf Schritt und Tritt folgt?

"Das war der Moment, an dem es bei uns dreien 'Klick' gemacht hat", erinnert sich Heiko Pinkowski. Als man in Berlin ankommt, steht das Grundgerüst des Films. Pinkowski spielt darin den trinksüchtigen Architekten und Familienvater Tobias. Stets an seiner Seite: "Flasche", ein gemütlicher, schmerbäuchiger Kumpeltyp, verkörpert vom Ideengeber Peter Trabner. Sehen können die personifizierte Sucht nur der Zuschauer und Tobias. Mal beruhigt Flasche ihn, mal schimpft er und wiegelt auf, meist aber stiftet er zur Flucht an vor Alltagsdruck und Verantwortung. Mit ihm ist das Leben so viel unbeschwerter.

Eine Tragikomödie, die großen Spaß macht

Die ständige körperliche Nähe sei beim Dreh herausfordernd gewesen, sagen beide Schauspieler, und sie habe die eigenen Suchterfahrungen auf eindringliche Weise wachgerufen. Pinkowski und Trabner wissen, wovon sie reden und was sie da spielen. Beide waren einst selbst dem Alkohol verfallen, seit mehr als zehn Jahren sind sie "trocken". Man muss das nicht wissen, um "Alki Alki" zu mögen, man darf es aber.

Fotostrecke

8  Bilder
"Alki Alki": Dein Freund, die Sucht
Denn der Film schafft wohl gerade deshalb, was nicht nur deutschen Filmen viel zu selten gelingt: Er verbindet ein vermeintliches Tabuthema gekonnt mit Humor. Was leicht ins Verklärende oder aber heillos Alberne hätte umkippen können, gerät in Kombination mit dem so eigenen, anarchischen Ranisch-Sound zu einer gänzlich unverkrampften Auseinandersetzung mit dem Thema Sucht. Das Autorentrio meistert einen schwierigen Balanceakt: eine Tragikomödie, die großen Spaß macht und nie ihre Figuren verrät.

"Spielleiter" nennt sich Regisseur Axel Ranisch selbst, die Lust am Ausprobieren und an der Improvisation wird in jeder Sekunde seiner Filme deutlich. Immer sind sie auch Familienprojekte. Im engeren Sinne, wenn Ranisch seine greise Großmutter Ruth Bickelhaupt besetzt und Pinkowskis Nachwuchs Tobias' Filmkinder mimen. Aber auch im weiteren Sinne, weil man sich die Dreharbeiten als Aufeinandertreffen von Gleichgesinnten vorstellen muss.

Starke, unverbrauchte Bilder

Auch der Schauspieler und Musiker Robert Gwisdek alias Käpt'n Peng zählt zu dieser Familie, zum Dunstkreis jener Impro-Bewegung, die sich "German Mumblecore" nennt. In "Alki Alki" tritt er als Troubadour in manche Szene hinein und besingt mit melancholischen Liedern die Beziehung zwischen Tobias und Flasche. Diese Moritaten sind erstaunlicherweise so gar nicht peinlich, sondern ein wohltuender, sich gut in den Film einfügender Verfremdungseffekt.

Es gibt noch andere Momente, die zunächst drollig erscheinen, den Blick aber sogleich auf eine zweite Ebene lenken. Etwa wenn Flasche von Tobias im Meer ertränkt wird, nur um kurz darauf wieder quicklebendig im Zimmer zu sitzen. Oder wenn sich Flasche nach einer durchzechten Nacht zu Tobias und dessen Frau ins Ehebett legt. Genau so sei es mit der Sucht, sagt Pinkowski, selbst in den intimsten Augenblicken sei sie mit dabei.

"Alki Alki" gelingen starke, unverbrauchte Bilder, wobei auch die Reize des Rausches im Film nicht fehlen. So erlebt man Tobias und Flasche in wahrhaft dionysischen Zwischensequenzen in einem proppenvollen Klub, im Dunst aus Rotlicht, treibender Livemusik und literweise Wodka. Hier kommt es zur Begegnung mit der russischen Investorin Galina Iwanowna Schnurkinowa, sehenswert gespielt von Iris Berben, als Traumgestalt und Übermutter aller Verlockungen.

Man würde gern noch mehr sehen von all diesen Süchten, später treffen sie in der stationären Therapie aufeinander. Spielsucht, Sexsucht, Tablettenabhängigkeit: Sie alle haben hier ihre leibhaftige Entsprechung. Im Fall von Tobias ist es Flasche, beim Alkoholiker Siggi (Oliver Korittke) eine verführerische Frau namens "Gläschen". Vielleicht ist dies überhaupt die nachhaltigste Botschaft des Films: dass die Sucht eines jeden Abhängigen anders aussieht. Für manchen ist sie ein guter Freund, für andere die große Liebe ihres Lebens. Und wie soll man von der schon wegkommen?

Im Video: Der Trailer zu "Alki Alki"

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
agent1258 11.11.2015
1. Werbung vor dem Trailer
Ich wollte mir gerade den Trailer anschauen - und bin vorher in den Genuss eines Werbeclips für Sekt ("Manchmal muss es eben Mumm sein.") gekommen. Irgendwie ist das auch tragikomisch...
Einweckglas 11.11.2015
2. Mensch...das erinnert mich irgendwie an meine Tante
Die musste meinen alkoholkranken Onkel jahrelang pflegen und ertragen, dass der Alkohol ihm das Gehirn zersetzte. Trocken war der nur phasenweise und wollte sich nie seine Sucht wirklich eingestehen. Und wie hat sie das Elend bis zu seinem Tode ertragen? Interessanterweise mit einem sehr schwarzen Humor und einen tiefen Lachen über über die schweren Jahre. Man könnte wirklich meinen, mit Humor geht alles besser. Tante Steffi. Meinen Respekt hast du! :-)
angelpop 11.11.2015
3. War gestern bei der Premiere und ....
hier mein Urteil: Der Film ist dermassen schlecht und hat mich an die steifen Streifen Ende der 70iger aus der ehemaligen DDR erinnert. Einfach nur schlecht. Deutscher TV Müll. Zu der Problematik gibt es wertvollere Filme.
gekreuzigt 11.11.2015
4. Produzent:
Sehr gute Filme GmbH und ZDF. Das ist ja schon ein Widerspruch in sich. Spricht nicht für den Film. Sparte wohl eher Neue Deutsche Betroffenheit.
miklethefinn 11.11.2015
5. Tragikomödie?
Es kann keine Tragikomödie oder was auch immer in dieser Richtung über Alkoholsucht bzw stoffliche Abhängigkeiten geben. Es sei denn, ich bin Regisseur und/oder Filmproduzent und in dieser Eigenschaft trockener Alkoholiker (wie in diesem Fall). Spätestens nach dieser Info aus dem Trailer kommen mir starke Bedenken über die Glaubwürdigkeit dieser beiden Alkoholiker. Aber das zu beurteilen steht mir nicht zu, das können nur die beiden Herren alleine. Ich bin nur ein wenig enttäuscht über die Gedankenlosigkeit, mit der der SPIEGEL untertitelt: "Kann man über Alkoholsucht lachen? Und wie!" Denke, durch diesen Film wird Alkoholsucht als vermeintliches "Tabuthema" länger bestehen bleiben. Alki Alki ist nun mal nicht Manta Manta. Alki zu sein bedeutet, eine tödliche Krankheit in sich zu tragen, die jederzeit wieder ausbrechen kann. Dieser (Film-)Beitrag zur Auseinandersetzung mit Alkoholsucht ist tragisch und überhaupt nicht komisch.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.