Daniel Radcliffe in "Kill Your Darlings" Starkes Hemd-aus-der-Hose-Kino

So lebendig können Filmbiografien sein. "Kill Your Darlings" erzählt vom Aufbruch der berühmten Beat-Poeten, von Alkohol, Drogen, Sex und der Suche nach einer neuen Welt. Und Daniel Radcliffe schafft es sogar, sein Image als ewiger Harry Potter vergessen zu machen.


Es geht bloß darum, das Hemd aus der Hose zu ziehen. So erklärt der junge Literaturstudent Allen Ginsberg in "Kill Your Darlings" einem Professor den Unterschied zwischen der ungezügelten Lyrik Walt Whitmans und den rigiden Versmaßen der Sonettdichtung. Damit ist auch treffend eine Qualität von John Krokidas' Spielfilmdebüt beschrieben, das herrlich unorthodox den Aufbruch der Beat-Poeten schildert. Statt in Ehrfurcht vor großen Namen zu erstarren oder brav Lebensläufe nachzuzeichnen, nimmt sich Krokidas für sein Künstlerportrait eben jene Freiheit, die Ginsberg und Mitstreiter in ihren Texten beanspruchten. Und dieses Hemd-aus-der-Hose-Kino ist im Gegensatz zu etlichen biederen Leinwandbiografien erfrischend anzusehen.

Im Kriegsjahr 1943 kommt Allen Ginsberg, gespielt von Daniel Radcliffe, an die Columbia Universität in New York. Während in Übersee große Schlachten geschlagen werden, kämpft der Sohn des Dichters Louis Ginsberg (David Cross) an eigenen Fronten: Die Ehe der Eltern droht an den psychischen Leiden seiner Mutter Naomi (Jennifer Jason Leigh) zu zerbrechen, und die Verwirklichung seiner literarischen Ambitionen scheint Allen ebenso unmöglich wie das offene Bekenntnis zur Homosexualität.

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Spielfilmdebüt "Kill Your Darlings": Sex, Drugs and Poetry

Doch dann lernt er den Kommilitonen Lucien Carr (Dane DeHaan) kennen, einen charismatischen Außenseiter im akademischen Betrieb. Der attraktive, sexuell ambivalente Lothario zeigt Allen ein anderes New York; das der Jazzclubs, verrufenen Bars und von Alkohol und Aufputschmitteln befeuerten Querdenker. Hier bilden Lucien und Allen bald zusammen mit dem exzentrischen, Drogenexperimenten zugeneigten William S. Burroughs (Ben Foster) und dem impulsiven Abenteurer Jack Kerouac (Jack Houston) einen intellektuellen Zirkel abseits des Establishments.

Unter dem Begriff der "New Vision" verfassen sie ein Manifest für die radikale Erneuerung der Literatur und brüskieren die Gralshüter des akzeptierten Geschmacks, indem sie die prunkvoll ausgestellten Erstausgaben in der Bibliothek gegen Bücher zensierter Autoren wie Henry Miller austauschen. Aber so sehr sich die kreativen Komplizen aneinander - und anderweitig - berauschen, so deutlich werden zugleich die Differenzen zwischen ihnen. Vor allem Lucien erweist sich als getriebener Charakter, belastet von unausgesprochenen Konflikten. Dazu zählt seine rätselhafte, durch gegenseitige Abhängigkeit geprägte Beziehung zu dem älteren Akademiker David Kammerer (Michael C. Hall). Sie mündet in eine Tragödie, die entscheidend für das weitere Schicksal der Beats sein soll.

Radcliffe als großäugiger Novize

Krokidas imaginiert die aufregende Nullstunde einer gegenkulturellen Bewegung, ohne dabei falschen Anspruch auf historische Akkuratesse zu erheben. Darum kann er auch problemlos eine nächtliche Eskapade seiner Figuren mit dem beileibe nicht aus den Vierzigern stammenden Song "Wolf Like Me" von TV On The Radio untermalen.

Emphatisch und zeitlos vermittelt sein Film die fiebrige Leidenschaft der Protagonisten, ihre waghalsige, oft rücksichtslose Lebensgier, und das Streben nach einer neuen, entfesselten Sprache im Rhythmus der Jazzsynkopen. Ebenso energetisch und frei von Patina sind die Schauspielleistungen: Dane DeHaan ("Chronicle") glänzt als schillernder Manipulator und launische Muse Lucien Carr, Jack Houston ist ein ansteckend enthusiastischer Jack Kerouac, Ben Foster brilliert mit wenigen Worten als aschfahle Nadelstreifeneminenz William S. Burroughs.

Und Daniel Radcliffe spielt Allen Ginsberg anfangs als großäugigen Novizen. Doch die Figur bleibt kein naiver Zauberlehrling. Selbst wenn sein Name wohl auf ewig mit der Rolle des Harry Potter verbunden bleiben wird, als Darsteller hat sich Radcliffe emanzipiert, und man glaubt sofort, dass ihm Ginsbergs "Howl" heute näher ist als Hogwarts.

Mit Mut zu Leerstellen und befreit vom Zwang, alles erzählen zu müssen, gelangt der Film so zu einer poetischen Wahrhaftigkeit. Die macht Krokidas' Arbeit weit spannender und dringlicher als zuletzt Walter Salles' makellos fotografierte, aber erschreckend sprach- und ideenlose Adaption von Kerouacs "On the Road".

Denn obwohl kein breiter Bilderbogen sondern nur vermeintlich kleiner Ausschnitt, erfüllt "Kill Your Darlings" eine zentrale Sehnsucht der Beat-Poeten: Die Welt, sie erscheint in diesem Film plötzlich größer.

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