Entführungsdrama "Alles Geld der Welt" Der neue Film ohne Kevin Spacey

Nachdem Missbrauchsvorwürfe gegen Kevin Spacey laut wurden, schnitt Ridley Scott ihn aus seinem neuesten Film - und drehte nach. Das Ergebnis dieser einmaligen Hauruck-Aktion ist nun zu sehen.

Tobis

Woran denken Sie, wenn Sie den Filmtitel "Alles Geld der Welt" lesen? An J. Paul Getty, um den sich die Geschichte dreht? An den Schauspieler Christopher Plummer, der seine Rolle spielt? Nein, sehr wahrscheinlich denken Sie an einen Mann, der in diesem Film gar nicht zu sehen ist. Der die Rolle eigentlich verkörperte, bis verstörende Anschuldigungen über ihn bekannt wurden und der Regisseur ihn in einer Hauruck-Aktion aus dem Film entfernte. Kevin Spacey.

Eigentlich entschloss sich Ridley Scott zu dieser in der Filmgeschichte einmaligen Operation, um "Alles Geld der Welt" zu retten. Oder, um genauer zu sein, die 40 Millionen Dollar Produktionskosten des Krimi-Dramas. In einem Interview mit dem "Guardian" zumindest hat Scott seine Entscheidung nicht mit künstlerischen, sondern wirtschaftlichen Gründen gerechtfertigt.

Zweifellos wäre "Alles Geld der Welt" mit Kevin Spacey ein anderer Film geworden. Es gibt einen Moment, in dem das sehr deutlich wird, weil man beide Versionen übereinanderlegen kann: Der Trailer mit Kevin Spacey als J. Paul Getty war ja schon erschienen, als die Vorwürfe laut wurden, man kann ihn online noch immer finden. Kurz vor dem Ende dieses Trailers dreht sich Spacey vor einem Wüstenpanorama zur Kamera, zum ersten Mal erblickt der Zuschauer ihn frontal.

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"Alles Geld der Welt": Der Krösus und die Kidnapper

Was man da sieht, ist das typische Kevin-Spacey-Gesicht im Fiesling-Modus. Kalt, arrogant, höhnisch. Allerdings versteckt unter mehreren Schichten Schminke und einer riesigen Nasenprothese. Spacey ist 58 Jahre alt, Getty war zum Zeitpunkt der Filmhandlung 81. Aber die misslungene künstliche Alterung lässt Spacey wie Statler aussehen, den bösartigen Opa aus der Muppet-Show.

Christopher Plummer dagegen ist mit 88 Jahren älter als die Filmfigur, sein Gesicht weicher und zugänglicher - und doch spricht auch aus seiner Mimik Härte und Verschlossenheit. Ridley Scott hat gesagt, Spaceys Performance sei kälter gewesen. Gut möglich, dass die von Plummer nicht nur menschlicher, sondern auch komplexer ist.

Retten kann er den Film trotzdem nicht. Das Schicksal von "Alles Geld der Welt" dürfte sein, dass viel über die Rettungsaktion geredet und geschrieben wird, während der Film, den Scott da retten wollte, recht sang- und klanglos untergeht. Wie viele andere Ridley-Scott-Filme der vergangenen Jahre.

Angst vor Nachahmern

Dabei steckt viel Potential in der Geschichte. Es geht um einen Ultrareichen und sein Verhältnis zur Welt. 1966 belief sich das Vermögen von J. Paul Getty auf für damalige Verhältnisse sagenhafte 1,6 Milliarden Dollar, er galt als der reichste Mann der Welt. Als im Sommer 1973 sein 16-jähriger Enkel John Paul Getty III entführt wurde, weigerte er sich trotzdem, das geforderte Lösegeld zu zahlen.


"Alles Geld der Welt"
Originaltitel:
"All the Money in the World"
USA 2017
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: David Scarpa
Darsteller: Michelle Williams, Christopher Plummer, Mark Wahlberg, Charlie Plummer, Romain Duris
Produktion: TriStar Pictures, Scott Free Productions
Verleih: Tobis Film
Länge: 133 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Kinostart: 15. Februar


Der Film folgt der Mutter des Entführungsopfers, Gail Harris (Michelle Williams), bei ihren verzweifelten Versuchen, Getty zur Rettung ihres Sohnes zu überreden. Aber der hält die Entführung für eine Inszenierung und hat Angst vor Nachahmern. Also setzt Getty seinen Sicherheitsberater Fletcher (Mark Wahlberg) auf den Fall an, der aber die sehr ernsthaften Absichten der Entführer anfangs ebenfalls unterschätzt.

"Alles Geld der Welt" hätte ein Entführungs-Thriller werden können, immerhin handelt er von einem der berühmtesten Kidnappings überhaupt. Aber Scott lässt nie Spannung aufkommen, dazu sind Aufbau und Montage viel zu behäbig. Selbst den Höhepunkt inszeniert er mit einer enervierenden Opernhaftigkeit.

Kunst geht vor Familie

"Alles Geld der Welt" hätte dann in Zeiten obszönen Reichtums und immer ungleicherer Vermögensverteilung eine Meditation über Geld und Macht werden können, ja müssen. Aber das gelingt Scott noch weniger. "Ein Getty zu sein, ist etwas Außergewöhnliches. Es ist, als wären wir von einem anderen Planeten", raunt das Drehbuch (David Scarpa) zwar. Aber es bleibt bei diesem Raunen.

Der Film konkretisiert kaum, was der Reichtum mit diesen Menschen macht; warum Getty lieber Millionen in Kunstschätze investiert, als seinem Enkel aus Lebensgefahr zu helfen. Es gibt einige Erzählfäden, die durchaus in die Tiefe führen könnten, aber die verfolgt Scott nicht konsequent. Letztlich bleibt Getty bei ihm ein wunderlicher Ebenezer Scrooge.

Überhaupt schadet der aufgeblasene Regiestil von Ridley Scott, dem im Zweifel immer eine ästhetische Aufnahme in dekorativem Gegenlicht wichtiger ist als die Geschichte, viel stärker einer anderen Figur und Darstellerin. Im Zentrum von "Alles Geld der Welt" steht nämlich nicht Christopher Plummer (der für den Oscar als bester Nebendarsteller nominiert ist), sondern Michelle Williams, die als Gail Harris mit einer nuancierten Performance den ganzen Film trägt (und neben lächerlich wenig Gage für die Nachdrehs auch keine Oscar-Nominierung bekam).

Einzig wegen ihrer Leistung ist es schade, dass "Alles Geld der Welt" nur als kleine Fußnote eines großen Skandals in die Filmgeschichte eingehen dürfte.

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