"Alles ist gut" von Eva Trobisch Man kann es nur Vergewaltigung nennen

Der Film zur #MeToo-Debatte: In Eva Trobischs Debüt "Alles ist gut" kämpft eine junge Frau dagegen an, ihr Leben von einer Vergewaltigung bestimmen zu lassen. Ein Film, über den man reden muss.

TRIMAFILM

Keinen Themenfilm habe sie machen wollen, sagt Eva Trobisch, "keinen Film über eine Vergewaltigung". Dass man "Alles ist gut" dennoch als solchen wahrnehmen werde, hatte ihr der Regisseur Ulrich Köhler, der sie für ihre Abschlussarbeit an der Münchner Filmhochschule beriet, prophezeit.

Er sollte recht behalten: Trobischs Regiedebüt ist der Film der Stunde geworden - längst abgedreht, bevor im vergangenen Herbst die #MeToo-Debatte entflammte, und doch so zeitgemäß wie nur möglich.

Fotostrecke

8  Bilder
"Alles ist gut": Ich schaffe das

"Alles ist gut" zeichnet das Porträt einer jungen Frau, die durch einen Übergriff in ihrem Selbstverständnis erschüttert wird. "Janne sieht sich als eine freie, selbstbestimmte Frau", sagt die 35-jährige Trobisch beim Interview in ihrer Heimatstadt Berlin. "Sozialisiert als jemand, der alles schaffen kann und soll. In Abgrenzung zum Feminismus der Elterngeneration ist sie zuweilen chauvinistischer als viele Männer." Eine Figur, die sich laut Trobisch zusammensetzt aus "Frauen meiner Generation, gebildet, einigermaßen bürgerlich". Die sich fragt: "Wie kann ich für mich selbst Grenzen setzen?"

Was abstrakt klingt, nimmt durch Aenne Schwarz ("Vor der Morgenröte") konkrete Gestalt an. In ihrer Rolle wirkt Schwarz nicht nur zugleich mädchen- wie jungenhaft, ihr Spiel oszilliert auch stets zwischen Nonchalance, Fragilität und äußerster Kühle. Jederzeit spürt man: Diese Frau verliert ungern die Souveränität über ihr Handeln.

Mit aller Härte gegen das Opfertum

Darum setzt ihr die Insolvenz des eigenen Kleinverlags mehr zu als ihrem Freund Piet (Andreas Doehler). Ablenkung bringt der Ausbau eines Hauses, der Wegzug aus München steht bevor. Doch dann kommt es bei einem Klassentreffen, zu dem Janne allein reist, zur Erschütterung. Am Ende einer durchtanzten Nacht mit reichlich Alkohol versteht der freundlich-biedere Martin (Hans Löw) alle Zeichen falsch, bedrängt Janne, lässt nicht von ihr ab, nötigt sie zum Sex.

Was geschieht, kann nur Vergewaltigung genannt werden, doch der Knall bleibt aus. Keine Schreie, keine Schläge, anschließend putzt sich Janne noch die Zähne. Am nächsten Morgen blicken wir in ihr Gesicht, spüren den inneren Kampf. Die junge Frau entscheidet sich mit aller Härte, die das verlangt, gegen ihr Opfertum, gegen die scheinbare Schwäche.


"Alles ist gut"
Deutschland 2018
Buch und Regie: Eva Trobisch
Darsteller: Aenne Schwarz, Andreas Döhler, Hans Löw, Tilo Nest, Lisa Hagemeister
Produktion: TRIMAFILM GmbH, Starhaus Filmproduktion, Hochschule für Film und Fernsehen München
Verleih: NFP
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 93 Minuten
Start: 27. September 2018


Das Geschehene spielt sie herunter. Vor ihrer Mutter, der einzigen Person, der sie etwas andeutet. Vor dem Vergewaltiger, der wenig später ihr Arbeitskollege wird und mehr unter der Tat zu leiden scheint als sie. Was er denn für sie tun könne, will er von ihr wissen, so reuevoll wie arglos. "Kannst mir ja mal eine Tafel Schokolade vorbeibringen", entgegnet Janne.

Eva Trobisch beim Filmfest von Locarno
DPA

Eva Trobisch beim Filmfest von Locarno

Die Vergewaltigung wollte Trobisch nicht ins Zentrum ihres Films rücken: "Ich habe mich ähnlich verweigert wie Janne", analysiert sie sich heute. "Ich habe gesagt: Es ist nur ein Aspekt des Films, an der die Figur sichtbar wird." Ursprünglich sollte sogar ein ganz anderer Stoff ihr Debütfilm werden.

Dass sie sich am Ende doch für Jannes Geschichte entschied, ist ein Glücksfall, fürs Kino und für die Filmeschaffenden. Auf dem Filmfest München wurden sowohl Trobisch als auch ihre Hauptdarstellerin mit dem "Förderpreis Neues Deutsches Kino" ausgezeichnet, kurz darauf folgte der Preis für den besten Debütfilm beim Festival in Locarno. Ob sie den Film auch heute noch machen würde? Wahrscheinlich erst einmal nicht, meint Trobisch. Filme und Figuren dürften für sie nicht im Dienste einer Debatte oder gar Agenda stehen. "Außerdem guckt man mit dem #MeToo-Blick nur auf einen Bogen und verliert die anderen Farben."

Der Rest: abgehängt

Wichtiger als die Vergewaltigung sei für sie das soziale System gewesen, in dem Personen handeln. Nicht mit einer Aussage wollte sie antreten, sondern "ein Feld erforschen". Was nach soziologischer Theorie klingt, setzt Trobisch in ihrem Film sehr praktisch um: Ihr aufrichtiges Interesse an den Figuren und deren Beziehungen ist jederzeit spürbar. Selbst für den Vergewaltiger Martin entwickelt der Film leise Sympathien - ohne je seine Tat entschuldigen zu wollen.

"Mich persönlich interessiert einfach das Böse nicht, erzählerisch finde ich es wahnsinnig langweilig", sagt Eva Trobisch: "Es ist so abgeschlossen." Wer ihr Debüt sieht, erkennt diese Abneigung der Regisseurin gegen jede Form von Eindeutigkeit. Stattdessen wolle sie Widersprüchliches aushalten, "mit Zärtlichkeit und Liebe für die Figuren".

Derzeit würden sie zwei Drehbuchideen umtreiben, sagt Trobisch, eine davon reize sie besonders: eine Kleinstadt in Thüringen, das Stadtschloss hübsch saniert, der Rest abgehängt, dazu zwei Familien - eine aus dem Westen, eine aus dem Osten. "Perspektivwechsel sind gerade mal wieder sehr dringend."

In den Debatten über Ostdeutschland werde Komplexes zu schnell heruntergebrochen auf einfache Antworten, findet die Filmemacherin. Sie selbst wurde 1983 in Ost-Berlin geboren. Gebrochene Biographien und Desillusion kennt sie aus der eigenen Familie, zugleich ist sie spät genug geboren, um wiedervereinigt zu denken.

Die Gabe der Empathie und das Talent zur Differenzierung scheinen zurzeit in allen Bereichen der Gesellschaft gefragt zu sein. Genau deshalb könnte Eva Trobisch in den kommenden Jahren zu einer wichtigen Stimme des deutschen Kinos aufsteigen. Mit "Alles ist gut" schafft sie sich schon mal auf bestechende Weise Gehör.

Im Video: Der Trailer zu "Alles ist gut"

TRIMAFILM
Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
knapi 27.09.2018
1. das thema "mee too" ist überholt
und längst überflussig. meedien, kulturschaffende und vor allem Politik sollte sich jetzt mit den opfern des mißbrauchs in kk und der Bestrafung der Täter befassen, wobei die vertuscher in der Hierarchie nicht ausgelassen werden dürfen. sich öffentlich zu schämen reicht bei kriminellen taten nicht mehr
neurobi 27.09.2018
2.
Also laut der Beschreibung im Artikel scheint dieser Film sehr ausgewogen zu sein und den Mann nicht als Monster darzustellen. Auch die Formulierung "es könnte ..." trifft den Punkt sehr gut. Wenn zwei Menschen unter Alkoholeinfluss die Kontroll verlieren, der eine nicht mehr in der Lage ist Signale richtig zu deuten, die andere nicht in mehr in der Lage ist ihren Willen klar kommunizieren und durchzusetzen, ist keiner der beiden schuldig. Und im Film scheinen ja auch beide unter dem geschehenen zu leiden. Beide sind Opfer.
oortsche_wolke 27.09.2018
3. Nein: Brandaktuell
Der Film hört sich hoch interessant an. Und anders als ein Vorkommentar, erachte ich das Thema für weiter wichtig und dauerhaft virulent. Man beachte nur den US-Diskurs um den angehenden obersten Richter Kavanaugh.
trompetenmann 27.09.2018
4.
Zitat von neurobiAlso laut der Beschreibung im Artikel scheint dieser Film sehr ausgewogen zu sein und den Mann nicht als Monster darzustellen. Auch die Formulierung "es könnte ..." trifft den Punkt sehr gut. Wenn zwei Menschen unter Alkoholeinfluss die Kontroll verlieren, der eine nicht mehr in der Lage ist Signale richtig zu deuten, die andere nicht in mehr in der Lage ist ihren Willen klar kommunizieren und durchzusetzen, ist keiner der beiden schuldig. Und im Film scheinen ja auch beide unter dem geschehenen zu leiden. Beide sind Opfer.
Eher sind beide schuldig, wer in welchem Maße ist allerdings zu klären. Ich könnte wahrscheinlich nicht so besoffen sein, um ein "Nein" nicht als "Nein" wahrzunehmen. Und wenn doch, naja, dann ginge eh' nichts mehr. Zum Film: interessant ist, dass auch hier die Frau die Tat unangezeigt lässt, um ihre Karriere nicht zu gefährden etc. Das ist das perfide.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.