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"Als der Wind den Sand berührte": Schicksal in Punktgröße

Von Birgit Glombitza

Die Suche nach Wasser bestimmt das Überleben in Ostafrika. In ihrem beeindruckenden Film "Als der Wind den Sand berührte" erzählt die belgische Regisseurin Marion Hänsel bildgewaltig vom Existenzkampf einer Nomaden-Familie.

Sie ist zuviel für die dürstende Gemeinschaft, und noch zuwenig, um ihre Existenz zu verteidigen. Sie soll sterben, weil das Brunnenwasser im Ort sowieso nicht mehr für alle reicht. Weil sie schwach und unnütz ist. Der Dorfweise rät Rahne (Issaka Sawadogo), ihrem Vater, das neugeborene Mädchen in der nächsten Nacht zu ersticken. Doch Mouna (Carole Karemera Umulinga), die Mutter, hat das Gespräch belauscht. In der Dämmerung verschwindet sie mit ihrem Baby. Und wenn sie am nächsten Morgen zurückkehrt, hat das nichts mit Angst zu tun, sondern mit Mut und Konfrontationsbereitschaft.

Ein ungemein rebellischer und emanzipatorischer Akt. Ganz so als wäre Mouna nicht die eigensinnige Frau aus einem entlegenen ostafrikanischen Dorf, sondern die Heldin aus einem Sturm-und-Drang-Drama. Von ihrem Mann kassiert sie für ihren Widerstand eine schallende Ohrfeige. Soviel Strafe für eine ungehorsame Ehefrau muss wohl sein, wenn Rahne nicht sein Gesicht vor den anderen Männern im Dorf verlieren will. Dann schaut sich das Ehepaar einen Moment an, - sie erschrocken und stolz, er beschämt und erleichtert zugleich - und gibt seinem Mädchen endlich einen Namen: Shasha.

Eine Biographie beginnt. Aus so einem Stoff werden Heroinnen gemacht. Wer so früh dem Tod geweiht war, muss einfach eine Kämpfernatur werden. Shasha (Asma Nouman Aden) ist zur Heldin geboren in einer großen, berührenden Tragödie, in der es, gerade in den Zeiten des globalen Klimawandels, nur um eines geht: ums Überleben.

"Als der Wind den Sand berührte" ist ein eindrucksvoller Film über einen unaufhörlichen Existenzkampf geworden in einer unwirtlichen Natur, die sich ihre Ressourcen nur mühevoll abringen lässt. Dazu diese Hitze, in der die Konturen zu flirren und die Zeit zu flocken beginnen. In der sich die Wahrnehmung verselbständigt und die heiße Luft ihre eigenen Bilder von der Welt malt. Doch bei allen prächtigen Totalen von der ostafrikanischen Wüste kommt der Film keinesfalls als eine ästhetizistische Meditation über Zeit, Raum und Kino daher. Dafür hat die belgische Filmregisseurin Marion Hänsel, die mit konsequenten Psychodramen wie "Dust" (1985) oder "Barbarische Hochzeit" (1987) bekannt wurde, einfach viel zuviel zu erzählen. Vom Auszug eines kompletten Dorfes auf der Suche nach Wasser, von dem Drama zerrissener Familien, von Migration und Fremde.

Kinder als Testkaninchen

Grundlage bildet der Roman "Chamelle" von Marc Durin Valois, der selbst seine Kindheit im Sudan und in Uganda verbracht hat. Die passende, lebensfeindliche und mineralische Wüste fand die Regisseurin in Djibuti, einem kleinen ostafrikanischen Staat zwischen Eritrea und Somalia. Ihre professionellen Schauspieler und Schauspielerinnen machte Hänsel allerdings zumeist nicht vor Ort ausfindig, sondern vor allem in Frankreich und Belgien. Über drei, lange und beschwerliche Monate zogen sich die Dreharbeiten, immer wieder bedroht und unterbrochen von verfeindeten Stämmen, die ihre eigenen Stars auf der Besetzungsliste sehen wollten

Aufwand und Mühen haben sich gelohnt. Hänsel lässt eine fremde Welt vor unseren Augen entstehen, deren Grausamkeit und Archaik keinesfalls nur eine rückständige Gesellschaft sondern auch den weltwirtschaftlichen Sozialdarwinismus spiegeln: Rahne zieht mit seiner Familie, seiner Ziegenherde und seinem Dromedar nach Osten auf der Suche nach einer neuen Wasserstelle. Doch die wenigen, die es noch gibt, werden von einer korrupten Miliz kontrolliert. Andere Wassersuchende klauen sich gegenseitig das Vieh, bewaffnen sich und haben längst jede Achtung vor dem Leben verloren.

Rhane, Mouna und ihre drei Kinder wandern über Bergketten und durch Kriegsgebiete. Verlieren ihre Tiere als Schutzgeldzahlungen an Militärs und einen Sohn als Kindersoldaten an einen Trupp Rebellen. Ein anderer Sohn stirbt in einer willkürlichen Schießerei der Kriegsschürer. Einmal wird Shasha von den Warlords als Testkaninchen vorgeschickt, um zu prüfen, ob der Weg zur Straße vermint ist. Eine unglaubliche Szene, wie dieses kleine toughe Mädchen die Strecke abschreitet, ernst, fast ein bisschen stolz auf ihre unmenschliche Aufgabe.

Seine höchsten Momente schafft sich der Film jedoch, wenn er von den sich überstürzenden Ereignissen der Tragödie ein bisschen Abstand nimmt und seinen Blick freiräumt für eine übergroße Natur, in der sich menschliche Schicksale in Punktgröße verlieren. Wenn er seine Spannung einmal ganz aus der ritualisierten Fortbewegung der Nomaden und der stillen Kraft der Naturgewalten bezieht. Und wenn die Kamera sich den Flugbewegungen des Sandes anpasst und für ein paar Sekunden, den Blick des Fremden selbst einnimmt, dann erzählt der Film nicht länger allein von dem Drama globaler Ungerechtigkeiten, sondern von einer unbekannten, schönen sterbenden Welt.

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"Als der Wind den Sand berührte": Schöne, sterbende Welt

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