Dokumentarfilm über Robert Altman Kämpfer für ein aufregenderes Kino

Passend zum 90. Geburtstag von Robert Altman zeigt das Filmporträt "Altman", wie sehr der legendäre Regisseur für seine Visionen kämpfen musste. Mit bisher unveröffentlichten Privataufnahmen bietet es auch für Kenner Neues und erinnert an die Glanzzeit des US-Kinos.

Von Frank Arnold


"Seine eigenen Regeln machen", sagt James Caan, "den Amerikanern zeigen, wer wir sind", meint Keith Carradine, "nie aufzugeben", bekräftigt Philip Baker Hall, "das Unerwartete erwarten", ist die Definition von Robin Williams. Und Michael Murphy bringt es mit einem einzigen Wort auf den Punkt, wenn er sagt: "furchtlos". Sie alle antworten damit auf die Frage, was für sie "Altmanesque" sei.

Mit dem 2006 verstorbenen Regisseur Robert Altman haben sie alle zusammengearbeitet, einmal (wie Robin Williams, der für ihn als "Popeye" vor der Kamera stand), mehrfach oder gar regelmäßig über mehrere Jahrzehnte hinweg (wie Michael Murphy, dessen Gesicht einem vertraut ist, auch wenn man sich vielleicht seinen Namen nicht gemerkt hat).

Altman gehörte zu den sogenannten Mavericks des amerikanischen Kinos, Regisseuren, die stets ihren eigenen Weg gingen und dafür wiederholt mit den Studiobossen in Konflikt gerieten. Wer mit dem Kino der Siebzigerjahre aufgewachsen ist, der kennt Altman als Regisseur eigenwilliger Genrefilme wie des elegischen Schneewesterns "McCabe & Mrs Miller" (mit den Songs von Leonard Cohen) oder der Raymond-Chandler-Adaptation "The Long Goodbye", in der der Privatdetektiv Philipp Marlowe unter Hippies von heute fällt.

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"Altman": Porträt eines Kinovisionärs
Später wurde Altman berühmt für seine Filme, in denen er souverän große Schauspielerensembles durch ineinander verschachtelte Erzählstränge führte, Filme wie "Nashville", "The Player", "Short Cuts" oder "Gosford Park".

Ein Familienfilm

"Ich wollte keinen konventionellen Film über einen unkonventionellen Filmemacher drehen", sagt Regisseur Ron Mann zu seinem Dokumentarfilm "Altman". Konventionell ist der Film insofern, als er Altmans Leben und Arbeit weitgehend chronologisch aufrollt. Unkonventionell allerdings ist der Verzicht auf Talking Heads jenseits der knapp beantworteten "Altmanesque"-Frage.

Als Ron Mann Altmans Witwe Kathryn Reed Altman 2011 bei einem Festival traf, das eine Altman-Retro ausrichtete, wusste Mann noch nicht, wie der Film aussehen sollte - diese Offenheit gefiel Reed. Für die Recherche verbrachte er zunächst einen Sommer an der Universität von Ann Arbor, der Altman seine Sachen vermacht hatte. "Erinnern Sie Sich an 'Jäger des verlorenen Schatzes'?", fragt Mann und lächelt. "Wo man in der letzten Szene lauter Kisten sieht? So kam ich mir vor. Es gab da allein 400 Stunden Interviews, die er gegeben hatte, wenn seine Filme in die Kinos kamen. So dachte ich an einen Film, in dem er selber seine Geschichte erzählt."

"Altman" also erteilt Robert Altman selbst das Wort, wir erleben ihn bei Podiumsdiskussionen, Publikumsgesprächen, in der Talkshow von Dick Cavett und bei seiner Dankesrede zur Verleihung des Ehren-Oscars für sein Lebenswerk 2001. Kathryn Altman kommt erst am Ende selbst ins Bild, ist zuvor jedoch als Off-Stimme präsent, ebenso wie Altmans Söhne - ein Familienfilm.

"Kathryn lud mich zum Essen ein, dabei traf ich seine ganze Familie. Seine Familienmitglieder arbeiteten ja auch für ihn: der eine Sohn als Kameramann, der andere als Ausstatter. Die Schauspielerin Lily Tomlin sagte, er habe am Set immer eine Familie geschaffen. So kam ich darauf, diesen Aspekt in den Vordergrund zu stellen."

Als er dann in einem weiteren Lagerraum in Los Angeles auf zahlreiche home movies stieß, wusste Mann, dass er einen Schatz entdeckt hatte. Die Privataufnahmen machen "Altman" auch für jene Kinogänger interessant, die mit Altmans Biografie vertraut sind. Ansonsten legt der Film immer wieder das Augenmerk auf die Schwierigkeiten, die Altman mit seinen Geldgebern hatte.

Markenzeichen überlappende Dialoge

Bei seinem Durchbruch 1970, als er für seinen Film "M.A.S.H." die Goldene Palme beim Filmfestival Cannes erhielt, war Robert Altman nämlich bereits 45 Jahre alt und hatte schon 13 Jahre Arbeit in der Unterhaltungsindustrie hinter sich. Seinen ersten Spielfilm, "The Delinquents", inszenierte er 1957, gefolgt von der dokumentarischen "The James Dean Story". Aber erst nach einem Jahrzehnt, in dem er zahlreiche Episoden für Fernsehserien (darunter "Alfred Hitchcock presents" und "Bonanza") drehte, wurde er dank "M.A.S.H." eine Kinogröße. Noch 1967, beim Dreh von "Countdown - Start zum Mond", hatte ihn Studiochef Jack Warner vom Studiogelände verbannt, weil er es gewagt hatte, mehrere Schauspieler zur selben Zeit sprechen zu lassen - mit "M.A.S.H." wurde der überlappende Dialog zu Altmans Markenzeichen.

"Altman" ist ein schöner Film geworden über die Schwierigkeiten, seinen eigenen Weg zu gehen, auch eine Erinnerung daran, dass das US-Kino einmal aufregender war als heute. Heute sind die Fernsehserien aufregend, da sollte auch einmal erwähnt werden, dass Altman mit "Tanner 88" (1988) auch hier einer der Pioniere war. In der Comedy führte er im damaligen amerikanischen Wahlkampf einen fiktiven Kandidaten (eben jenen Tanner, verkörpert von Michael Murphy) mit realen Politikern und Journalisten zusammen und filmte das Ganze wie eine Reportage.

Am 20. Februar, einen Tag nach dem deutschen Kinostart, hätte Robert Altman seinen 90. Geburtstag gefeiert. "Altman" weckt also zur richtigen Zeit große Lust auf seine Filme.

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"Altman"

Kanada 2014

Regie: Ron Mann

Drehbuch: Len Blum

Mit: Robert Altman, Robin Williams, Julianne Moore, Bruce Willis, u.v.m.

Verleih: NFP (Filmwelt)

Produktion: Sphinx Productions

Länge: 95 Minuten

Start: 19. Februar 2015



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